Modedesigner Dries van Noten : „Reisen wird überschätzt“

Michelle Obama, Rihanna und Cate Blanchett tragen Kleider des Designers Dries van Noten. Er lässt sich von Hippies und Folklore inspirieren und verzichtet auf Werbung.

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Foto: Marleen Daniels
Dries van Noten, 57, Modedesigner aus AntwerpenFoto: Marleen Daniels

Herr van Noten, Ihre Mitarbeiter behaupten, Sie hätten jeden Tag dasselbe an – eine Art Arbeitsuniform.

Jeder Modeschöpfer hat eine. Wir sind von frühmorgens bis spätabends unterwegs oder im Büro. Wenn ich aufstehe, will ich nicht darüber nachdenken, was ich anziehe. Deshalb trage ich navyblaue oder braune Hosen, gestreifte Hemden, vielleicht einen schwarzen Pullover darüber, so wie heute.

Gar nicht so extravagant, wie man vermuten würde.
Viele Menschen wären überrascht, wenn sie wüssten, wie das Leben eines Designers aussieht. Ich habe keine Horde von Assistenten um mich herum, die jedes Blatt Papier, das ich bekritzle, in ein Kleidungsstück verwandelt. Das ist ein altes Bild von Yves Saint-Laurent aus den 60er Jahren. Wie er in seinem Garten in Marrakesch sitzt, Skizzen zeichnet, Stoffe daraufklebt und alles an seine Assistenten übergibt.

Sie verwenden oft Stickereien und florale Muster, kombinieren teure mit günstigen Stoffen. Die „New York Times“ lobte Sie als „einen der intellektuellsten Modeschöpfer unserer Zeit“. Wie arbeiten Sie?

Ich beginne mit einer Geschichte im Kopf. Dann setze ich mich mit dem Team zusammen, meine Mitarbeiter müssen ihre Laptops schließen, damit sie nicht alles sofort im Internet nachschauen. Sagen wir mal, ich habe von einem Stamm in Südchina gelesen. Ich möchte nicht, dass jemand Bilder davon googelt, sondern dass wir uns diese Menschen und ihre Geschichten vorstellen. Bei der aktuellen Männerkollektion hat zum Beispiel ein Zeitungsartikel den Ausschlag gegeben.

Was hat Sie gefesselt?

Der Artikel schildert, wie sich in den vergangenen Jahren die Form der Muskulatur von Männern verändert hat. Vor 30 Jahren gehörten noch Tänzer und Läufer zu den idealisierten Typen, das hieß: lange straffe Muskeln. Heute gehen viele Männer ins Sportstudio und trainieren Muskeln an Bizeps oder Bauch. Das sind kurze Muskeln, dadurch gehen die Männer anders, etwas primitiver, wenn Sie mir den Vergleich gestatten. Also habe ich mich an die 70er Jahre erinnert, in denen Mädchen einen Ballettstar wie Rudolf Nurejew anhimmelten, einen drahtigen Mann. Seine Ästhetik wollte ich zurückbringen, deshalb habe ich Elemente aus dem Tanz übernommen: Trägershirts mit langem Ausschnitt, schräg über den Oberkörper geschnitten.

Ihre Methode hat Erfolg. Dries van Noten ist eine der wenigen Luxusmodemarken, die keinem großen Konzern angehören. Angeblich erwirtschaften Sie einen zweistelligen Millionenumsatz – obwohl Sie noch nie Werbung geschaltet haben.

Als ich Ende der 80er Jahre anfing, hatte ich kein Geld dafür. Später wollte ich nicht, dass jemand unsere Kleidung nur wegen einer Werbekampagne kauft. Außerdem müsste ich mich entscheiden, wer das Gesicht sein soll. Ein alter oder junger Mann? Soll die Frau sexy, hip, chic sein? Mit jedem Schritt schließe ich ein paar Kunden aus.

Giorgio Armani hat seine Unterwäsche mit David Beckham beworben und Millionen von Käufern hinzugewonnen.

Gut für ihn, ich brauche das nicht.

Zu Ihren Fans gehört Michelle Obama. Bekommt sie einen Discount?

Ja, aber wir geben die Kleidung nicht umsonst an sie heraus. Die Sängerin Rihanna trägt ebenfalls Sachen von uns, wie ich höre. Die hat sie zum vollen Preis wie ein normaler Kunde im Kaufhaus Barneys in New York gekauft.

Normalerweise lehnen Sie es ab, mit Prominenten assoziiert zu werden.

Wir fertigen selten Kleider für den roten Teppich an. Cate Blanchett haben wir ausgestattet, zu solch einer tollen Schauspielerin kann ich schlecht Nein sagen. Wir wussten allerdings nicht, dass sie zu dem Zeitpunkt schwanger war, und mussten das Kleid ändern.

Dieses Wochenende sind Sie zum ersten Mal in Berlin.

Ich bin sehr gespannt, diese Stadt zu sehen, die für die Jugend weltweit ein Ideal verkörpert. Offenbar gibt es mehr Freiräume als anderswo, und das Leben ist nicht so furchtbar teuer wie in London oder Paris. Obwohl: Jugend ist überschätzt. Kreative Menschen können allen Alters sein, auch sie sind zu schöpferischen Leistungen in der Lage. Enthusiasmus ist keine Altersfrage.

Was wollen Sie sich anschauen?

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