"Ich bin eine Modeschöpferin, keine Ökokriegerin"

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Modedesignerin Stella McCartney : "Der Hintern wird gerade entdeckt"
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Braun ist das neue Schwarz. Auch Stella McCartney setzt bei ihrer Entwürfen auf Berstein-Farben (hier Herbst/Winter Kollektion 2016/17).
Braun ist das neue Schwarz. Auch Stella McCartney setzt bei ihrer Entwürfen auf Berstein-Farben (hier Herbst/Winter Kollektion...Foto: dpa/Ian Langsdon

Wer hat Ihnen beigebracht, genauer auf solche Zusammenhänge zu achten?

Ich wurde so erzogen, ich bin in Essex auf einer Biofarm aufgewachsen. Drum herum gab es lauter kreative Menschen, die einfach viel hinterfragten. Vor ein paar Jahren las ich einen Bericht der Uno, der wissenschaftlich bestätigte, was ich gefühlt hatte. Sollten Sie sich mal ansehen! Ich erinnere mich an eine Zahl: Wenn Sie für eine Woche aufhören, Fleisch zu essen, hat das die gleiche Wirkung auf die Umwelt, als würden Sie eine Woche kein Fahrzeug fahren.

Ihre Mutter aß kein Fleisch. Als sie in den 80er Jahren plante, ein vegetarisches Kochbuch zu veröffentlichen, teilte ihr ein Verleger mit, das würde nicht funktionieren, solange es kein Rezept mit Hühnchen darin gebe.

Oh ja, ich erinnere mich gut.

War die Reaktion ähnlich, als Sie Anfang der Nullerjahre bekannt gaben, Sie würden Mode ohne Leder entwerfen?

Natürlich, ich hatte Angestellte, die zu mir kamen und sagten: Ihnen ist schon klar, dass wir kein Geschäft mit Accessoires machen werden?

Mit Handtaschen verdienen Luxusmarken ihr Geld.

Man kann es als Begrenzung sehen oder als Herausforderung. Wenn mich anstachelt, dass es Viskose gibt, die nicht aus dem herkömmlichen Holzhandel kommt, für die keine Bäume wahllos gefällt werden, sondern die aus einem ökologischen Betrieb stammt, dann wird es tausende andere Menschen geben, die das vergleichbar begeistert. Es hat mich drei Jahre gekostet, bis ich solche Viskose gefunden hatte. Wir sind nach wie vor das einzige Modehaus, das sie verwendet. Ich finde, wie man traditionell an Mode herangeht, ist nicht besonders modisch. Es ist altmodisch.

In der Modeindustrie gibt es den Trend, Verantwortung zu übernehmen. Vivienne Westwood beispielsweise arbeitet mit Fairtrade-Initiativen zusammen.

Es steht noch nicht fest, ob es ein Trend wird. Wie ich arbeite, das macht bisher keine andere Marke in dieser Konsequenz und in der Produktion. Bei der Gestaltung schauen junge Menschen inzwischen genauer hin, welche neuen Stoffe es gibt, welche Effekte ein 3-D-Drucker erzeugt, welcher Prozess keinen Müll verursacht. Technologie spielt eine größere Rolle in der Entwicklungsphase als früher.

Sollte Ökologie stärker an Modeschulen unterrichtet werden?

Es sollte ein Fach an allen Schulen sein.

Gerade haben Sie fünf Modestudentinnen beurteilt, die sich um den Titel „Designer for Tomorrow“ bewarben. Dachten die Finalisten an Nachhaltigkeit?

Hm, diese Frage habe ich mir auch gestellt. Sie haben darüber nachgedacht, aber grundsätzlich ging es ihnen nicht darum. Schauen Sie, ich bin eine Modeschöpferin, keine Ökokriegerin. Wenn Sie etwas gestalten, das gut aussieht, wird niemand fragen, ob ein Tier dafür sterben musste. Man muss sich davon frei machen und erst einmal etwas erschaffen, das Menschen kaufen möchten. Wenn es dazu noch gut für die Umwelt ist, umso besser. Den jungen Frauen ging es heute wohl darum, woher sie die richtigen Stoffe bekommen.

Ist es zu teuer für sie, auf Nachhaltigkeit zu setzen?

Es wird erschwinglicher, weil die Nachfrage anzieht. Und die drückt den Preis. Leder ist beispielsweise einer der billigsten Stoffe und wird trotzdem mit teurem Luxus assoziiert. Was einfach nicht der Wahrheit entspricht. Ich habe vor Jahren die Falabella-Tasche entworfen, alles aus Kunstleder. Wenn ich diese in den USA verkaufe, muss ich Steuern von 30 Prozent darauf zahlen, weil es keine Lederware ist. Ich arbeite mit Tuchfabriken zusammen, versorge sie mit Bio-Garn und bitte sie, dieses auszuprobieren. In der Hoffnung, dass daraus ein tragfähiges Geschäftsmodell entsteht. Tradition und Technologie zusammenzubringen, das ist der Weg in die Zukunft. Weiterzuarbeiten wie vor 100 Jahren, das ist nicht sexy, sondern der Tod der Mode.

Führen Sie mit Ihrem Kampf für die Umwelt auch das Erbe Ihrer verstorbenen Mutter fort?

Bestimmt, meine Mutter war eine Pionierin. Sie war ihrer Zeit dermaßen voraus, dass es manchmal schmerzhaft war, ihr zuzusehen. Sie machte vegetarisches Essen in Großbritannien hoffähig, als keiner davon hören wollte. Es gab nicht mal eine Debatte darüber. Vegetarismus existierte nur für Menschen, die aus religiösen Gründen auf Fleisch verzichteten und einen Ersatz benötigten. Als meine Mutter das Buch schrieb, bestand sie darauf, einen Ernährungsleitfaden unterzubringen. Die Leute sollten verstehen, welches Essen sie brauchten, um ausreichend Proteine zu bekommen. Manche dachten ja noch, sie würden ohne tierische Produkte sterben.

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