Monster und Vampire : Die Geburt eines Monsters

Stürmische Nächte im Juni 1816 – und Mary Shelley hat einen Albtraum. Daraus entsteht eine Geschichte, die weltberühmt wird: Frankenstein.

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Boris Karloff spielte Frankensteins Monster in der Verfilmung von 1931
Boris Karloff spielte Frankensteins Monster in der Verfilmung von 1931Foto: Imago; Montage: Tsp

Das Wetter war schlecht. Sensationell schlecht. Später sprach man sogar vom Jahr 1816 als einem Jahr ohne Sommer.

An dieser Witterung waren aber keine dunklen Mächte schuld, wie man bei dem folgenden Thema hätte vermuten können. Die Erklärung ist ganz einfach: Im fernen Indonesien brach ein Vulkan aus, schleuderte Asche und Staub in den Himmel, sodass sich auch die nördliche Hemisphäre verfinsterte. In Europa und in Nordamerika waren die Ernten schlecht wie selten, und noch im Juni gab es Nachtfröste. Natürlich, für Urlauber war dieser Sommer auch nicht schön.

So saßen in einer Villa am Genfer See fünf junge Engländer beisammen. Und während draußen die Blitze zuckten und monsunartiger Regen aus dem schwarzen Himmel fiel, langweilten sie sich drinnen. Schließlich begannen sie sich gegenseitig seltsame Geschichten vorzulesen – vorzugsweise gruselige Märchen aus Deutschland, wie sie gerade modern waren. Es war die Zeit der Romantik, und vor allem junge Leute sehnten sich nach dem Außergewöhnlichen. Drogen wurden wohl auch konsumiert. Laudanum, eine Opiumtinktur, war frei verkäuflich.

Jeder Anwesende sollte eine Gruselgeschichte schreiben

Einer glaubte sich später zu erinnern, wann genau ihr Wortführer auf diese Idee gekommen war: Am 16. Juni 1816 habe Lord Byron vorgeschlagen, jeder Anwesende möge eine Gruselgeschichte zu Papier bringen, so schaurig, wie sie die Welt noch nicht gehört hatte. Das Ergebnis war erstaunlich, denn in dieser Nacht wurde nicht nur ein neuer Vampir geschaffen. Sie geriet auch zur Initialzündung für einen Mythos: Frankenstein wurde geboren, und mit ihm ein Monster, das Literaturgeschichte machte.

Wer aber waren die fünf?

Lord Byron galt in jener Zeit als Bürgerschreck, der 28-Jährige war in diverse Affären verwickelt. Eine seiner Verflossenen beschrieb ihn als „verrückt, bösartig und gefährlich für alle, die ihn kennen“. Als Schriftsteller allerdings wurde er geschätzt, auch von Goethe, mit dem er korrespondierte. Außerdem war er vermögend. Das Domizil am Genfer See, die heute noch existierende Villa Diodati, hatte er gemietet.

Die Villa Diodati am Genfer See, wie sie heute aussieht.
Die Villa Diodati am Genfer See, wie sie heute aussieht.Foto:wikipedia

Die übrigen waren: Byrons erst 21 Jahre alter Leibarzt John Polidori, der schon mit 19 seinen Doktor gemacht hatte – zum Thema Schlafwandelei. Nicht ganz so vermögend wie sein adeliger Gefährte, musste er es sich gefallen lassen, dass der Lord ihn Pollywolly nannte.

Percys Frau ging ins Wasser

Percy Bysshe Shelley, 24, war ebenfalls von Adel. Von seinem vermögenden Vater wurde er finanziell sehr kurz gehalten. Er machte bei zweifelhaften Geldgebern Schulden, indem er schon mal den zu erwartenden Adelstitel belieh. Der angehende Sir Percy hatte bereits Frau und Kind, ließ jedoch beide zu Hause. Weil sie ihn nervten, den aufgehenden Stern am Literaturhimmel. Seine jugendliche Frau war ihrerseits genervt. Während er die bürgerlichen Konventionen und das Establishment verachtete, das Geld, das er sich pumpte, lieber den Armen gab, hatte sie sich den Aufstieg in den Adel anders vorgestellt. Was für ein Irrtum, ein halbes Jahr später ging die Verlassene ins Wasser. Und Percy wurde Witwer.

Mary Godwin, 19, Tochter einer der ersten Frauenrechtlerinnen, die früh verstorben war, und eines berühmten Autors aufrühererischer Bücher. Die rebellischen Eltern beeindruckten Percy ungemein, die Tochter noch mehr. Sie war schön, ungewöhnlich belesen und ziemlich kühn. Der junge Percy gab dem unkonventionellen Vater reichlich von seinem geliehenen Geld und brannte mit Mary durch. Die beiden waren auf der Flucht vor den Gläubigern. Und vor Marys Vater, der plötzlich die Konventionen schätzen lernte, als seine Tochter auch noch ein Kind bekam. Erst als Percy sie später zu Mary Shelley machte, beruhigte sich der Vater wieder.

Schließlich Claire Clairmont, 18, Marys Halbschwester und schwanger von Lord Byron, der sich freilich nicht gleich erinnern wollte, als die jungen Frauen am Genfer See auftauchten. Er hielt die beiden stattdessen zunächst für Literaturgroupies. Weil ihm aber so langweilig war, erneuerte er die Beziehung zu Claire, für ein paar Ferienmonate wenigstens.

Nun saßen sie also hier und dachten jeder über seine eigene Schauergeschichte nach, doch irgendwie wollte sie keinem richtig gelingen. Zwar dichtete Lord Byron ein paar Zeilen. Ebenso Sir Percy, der dünnhäutig blieb wie immer. Einmal rannte er sogar schreiend aus dem Zimmer, weil ihn Lord Byron mit einer Erzählung so aufgeregt hatte. John Polidori schrieb auch etwas, Byron machte sich über ihn und den Text lustig, man kann sich gut vorstellen, wie er ihn „Pollywolly“ nannte.

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