Nager im eigenen Haus : Die Ratten-Pest

Sie gelten als klug, sind zäh, haben lange Zähne und suchen die Nähe des Menschen: Ratten. Unsere Autorin ist angeekelt und fasziniert.

Antje Joel
Der Feind im eigenen Haus
Der Feind im eigenen HausFoto: dpa/Bildfunk

Mein ehemaliger Vermieter erzählte mir einmal, dass kein Mensch zu keinem Zeitpunkt, weder winters noch sommers, mehr als sieben Meter von einer Ratte entfernt sei. Das hatte er so gelesen. Wo, wusste er nicht mehr. Ich hoffe, es war keine vertrauenswürdige Quelle. Der Vermieter erzählte es mir in dem so rührenden wie widersinnigen Bestreben, mich zu beruhigen. In den Schuppen, den ich mit seinem Haus gemietet hatte, waren nämlich ein paar Ratten eingezogen. Gut 20 Meter von meinem eigenen Heim entfernt. Der Vermieter fand das eine erträgliche Distanz, gemessen an seiner Sieben-Meter-Theorie. Ich war anderer Meinung.

Abends stand ich am Fenster der Waschküchentür und beobachtete halbwegs gelähmt das Treiben im viel zu nahen Schuppen. Durch ein Fernglas. Und durch die Schuppentür, die die verflixten Kinder mal wieder offen gelassen hatten, und die ich nicht schließen konnte, weil die Tür zu schließen, hätte bedeutet, dass ich mich in unmittelbare Rattennähe hätte begeben müssen.

Als hätten sie Klebstoff an den Füßen

Stattdessen stand ich in der relativen Sicherheit meiner Waschküche und glotzte. Die Ratten liefen die Schuppenwand hinauf, mühelos, als hätten sie Klebstoff an den Füßen. Flitzten hin und her auf den Regalen. Balancierten entlang der Kabel. Turnten über die Farbtöpfe. Schnupperten, viel zu kurz, an der Röhre mit dem Giftköder. Turnten über alles und schnupperten wieder. Rückhaltlos, invasiv. Und ich stand da, Gänsehaut auf den Armen, Krabbelgefühl im Rücken, und konnte mich nicht von dem Fernglas und der Waschküchentür lösen.

Meine Ekelfaszination für diese Tiere begann als Kind. Sie war lange Zeit aus zweiter Hand. Ratten kannte ich aus Filmen, Büchern und den Erzählungen der Erwachsenen. Die Filmszene aus „Willard“, wo tausende Ratten ein paar Männer durch die Kanalisation jagen, sah ich ein einziges Mal, im Alter von acht Jahren. Die Erinnerung ist noch 40 Jahre später erstklassiges Gruselmaterial.

Beinahe so gut wie jene an die Geschichte meiner Tante, wie sie in ihrem Hühnerstall eines Morgens ein faustgroßes Loch in der Ecke über den Hühnernestern entdeckte. Da heraus hingen ein paar Fäden. Komisch, dachte meine Tante. Packte die Fäden und zog. Sie konnte später nicht sagen, wer lauter gekreischt hat. Sie oder die Ratten, an deren Schwänzen sie gezogen hatte. In den Hühnerstall ging sie nie wieder. Ich auch nicht. Ersatzweise verbrachte ich schon damals Stunden damit, von herrlichem Grauen gelähmt an der Stalltür zu stehen und auf die unheimliche Ecke zu starren. Es war nichts zu sehen. Das Loch hatten Arbeiter längst zugespachtelt.

Ratten leben im Kot. Ratten übertragen die Pest, oder doch wenigstens Flöhe, die ihrerseits die Pest übertragen. Ratten vernichten jedes Jahr bis zu 20 Prozent der Ernten weltweit und verschmutzen wer weiß wie viel weitere Prozent. Ratten huschen, wuseln, sie sind auf beunruhigende Weise geschäftig.

Rosige Schwänze, fette Bäuche

Die Tiere haben lange Zähne, rosige Schwänze und fette, flache Bäuche, die beinahe auf dem Boden schleifen, wenn sie auf kurzen Beinen hierhin und dorthin flitzen. In die Enge getriebene Ratten beißen nicht nur. Sie beißen sich fest. Ich las von einem Hund, in dessen Schnauze sich eine Ratte verbissen hatte. Der Hundebesitzer musste die Ratte erschlagen, bevor er ihre Kiefer brechen und seinen Hund befreien konnte.

Ratten sind „wahnsinnig intelligent“. Ein Umstand, mit dem mich Rattenfreunde von der Liebenswürdigkeit dieser Tiere zu überzeugen versuchen. Die Logik dahinter bleibt mir fremd. Warum sollte mir ein wahnsinnig intelligentes pozenziell tödliches, scheußlich aussehendes Wesen sympathischer sein als das gleiche Wesen in blöd? Au contraire, Rattenfreunde! Ratten haben die Atomtests der Franzosen auf dem Muroroa-Atoll überlebt, gewiss. Ebenso gewiss ist: Sie werden diese kuriose kleine Fähigkeit nicht zum Nutzen der Menschheit einsetzen.

Meine erste leibhaftige Ratte sah ich mit etwa zwölf Jahren. Ich stand an mein Fahrrad gelehnt und schleckte ein Eis, gleich neben dem Gulli. Eine Nase schob sich zwischen den Gittern hervor, sehr rosa Ohren, graubrauner Kopf. Ich starrte, das Eis tropfte ungeschleckt über meine Finger. Die Ratte hangelte sich aus dem Gulli heraus und stemmte sich auf ihre rosa Pfoten. Ihr graubraunes Fell wirkte rau und struppig. Aber was will man erwarten von einer, die aus einem stinkenden Zuhause kommt.

Sie witterte, links, rechts. Nasenlöchlein kräuselten sich. Schnurrhärchen zuckten. Das hätte possierlich aussehen können, ich weiß. Tatsächlich fand ich die Art, wie sie sich da aus ihrer Welt in die meine erhob, geschäftig, wissend, zielstrebig, zum Kotzen. Meine Anwesenheit war ihr egal. Schon das machte mich ihr unterlegen.

Eine Dame, die lange Zeit in New York gelebt hatte, erzählte mir von den dortigen Ratten, die auch überall und vor allem „typisch amerikanisch“ seien: „Die sitzen vor dir auf dem Bügersteig, ohne Scheu, und starren dich an mit diesem Blick, der sagt ‚Hast du ein Problem, Mann?’“. Ich fand das drollig. So aus der Distanz. Tatsächlich kurierte mich ihre Beschreibung auf unbestimmte Zeit von meinem einst dringenden Wunsch, einmal nach New York zu fahren.

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