Die Verbindung Dahlem - Auschwitz

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Nazi-Verbrechen : Mengeles Zwillinge
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Überlebende und Forscherin: Eva Mozes Kor beim Gespräch in Berlin.
Überlebende und Forscherin: Eva Mozes Kor beim Gespräch in Berlin.Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Die Verbindung Dahlem – Auschwitz ging so weit, dass sich Verschuer von Mengele Blut liefern ließ, mit dessen Hilfe er ein Testverfahren auf den Menschen übertragen wollte, das ein Schweizer Kollege zur Unterscheidung von Kaninchenrassen entwickelt hatte; selbst für Kaninchen erwies sich das Verfahren später als unbrauchbar. Verschuers Mitarbeiterin Karin Magnussen ließ sich Augen schicken. Sie forschte zur Heterochromie: Verschiedenfarbigkeit der Augen eines Menschen. Mengele gegenüber äußerte sie ihr Interesse an drei in Auschwitz internierten Zwillingspaaren, die dieses Merkmal aufwiesen. Mengele schickte ihr deren Augenpräparate. Dass in den beigefügten Untersuchungsberichten für alle sechs Kinder dasselbe Todesdatum steht, belegt, dass Kinder getötet wurden, um sie besser untersuchen zu können.

Auch die berüchtigten Experimente von Mengele selbst an Kinderaugen hat Achim Trunk, Biochemiker in Sachses Team, zu rekonstruieren versucht. Er habe Adrenalin als mögliche Substanz „eingekreist“, die Mengele den Kindern in die Augen träufelte, um deren Farbe zu beeinflussen, sagt Trunk. „Ins Reich der Fantasie“ gehöre aber, dass Mengele damit Blauäugige produzieren wollte. Er habe Grundlagenforschung über Vererbungsmechanismen betreiben wollen, indem er Einflussfaktoren auf die Pigmentierung von Augäpfeln untersuchte.

Trunk hat im Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden tausende Seiten aus dem Ermittlungsverfahren gegen Mengele gelesen, das erst in den 80ern beendet wurde. Das Bild des Einzelgängers, das von Mengele gezeichnet werde, sagt Trunk, sei falsch. Er sei eingebettet gewesen in das, was man damals unter Spitzenforschung verstand. Die Zwillingsexperimente seien Mengeles „privates Ding“ gewesen, mit dem er sich für eine Nachkriegskarriere profilieren wollte. Er betrieb sie aus Kalkül, was Grausamkeiten einschloss. Wenn ein Zwilling starb, wurde der andere getötet. Als Einzelner war er für die Zwillingsforschung wertlos.

"In einem Überlebenskampf wie in Auschwitz gibt es keine Freundschaft"

Eva Mozes Kor fing bereits in den 80er Jahren an, selbst zu den Experimente zu recherchieren. Anlass waren die Nierenprobleme ihrer Schwester, mutmaßlich Spätfolgen der Experimente. Mozes Kor hoffte, dass sich die Behandlungsmöglichkeiten verbesserten, wenn sie Näheres über die Krankheitsursache herausfände. Erst las sie viele Mengele-Biografien, in denen aber nichts Konkretes über die Experimente stand. Deshalb beschloss sie, andere Überlebende zu befragen. „Ich dachte, wenn wir unsere Erinnerungen teilen, würden wir ein scharfes Bild erhalten“, erzählt sie.

Die erste Schwierigkeit bestand darin, andere Zwillinge zu finden. Im KZ hatten sie keine Beziehungen geknüpft. „In einem Überlebenskampf wie in Auschwitz gibt es keine Freundschaft.“ Ein Rest von Humanität sei zwar in der Zwillingsbaracke erhalten geblieben, weil die emotionale Bindung der Zwillingspaare stark gewesen sei, aber eben nur untereinander. Eva Mozes Kor hielt über die Jahre engen Kontakt mit ihrer Schwester Miriam, für die anderen Mitgefangenen interessierte sie sich nicht.

Miriams Schwager brachte die Recherchen schließlich voran. Er hatte eine Anzeige in einer israelischen Zeitung geschaltet, auf die sich viele Anrufer meldeten, sodass Miriam und Eva Mozes Kor 122 Überlebende ausfindig machten. Sie protokollierten deren Erinnerungen, die heute im Holocaust-Museum Terre Haute archiviert sind.

2001 lud die Max-Planck-Gesellschaft die Überlebende nach Berlin ein

Doch was medizinische Details betrifft, brachten die Interviews nichts Neues zutage. „Leider musste ich feststellen, dass selbst diejenigen, die damals bereits Teenager waren, sich an nicht so viel erinnerten wie ich“, sagt Mozes Kor, die nach einer Stunde Gespräch erschöpft in ihrem Rollator zusammengesunken ist. „Sie wussten nicht mal, wie viel Blut ihnen abgenommen worden war. Ich konnte es kaum glauben: ,Das weißt du nicht? Hast du dir nicht die Ampullen angeguckt, die weggetragen wurden?‘“

2001 lud die Max-Planck-Gesellschaft Mozes Kor und sieben weitere Überlebende eine Woche nach Berlin ein. Für Carola Sachse, Leiterin des Forscherteams, war das „wichtigste Erlebnis meiner beruflichen Laufbahn“. Vera Kriegel, die aus Israel angereist war, erzählte dort, wie sie in Auschwitz zwei Wochen lang mit der Schwester in einen Käfig gesperrt war, in dem sie nur hocken konnten. Essen wurde ihnen durch die Gitterstäbe hineingeworfen, außerdem bekamen sie Injektionen in die Wirbelsäule. Ephraim Reichenberg berichtete von Spritzen, die sein Bruder und er in den Hals bekommen hätten, die ihre Hälse anschwellen ließen, Übelkeit und Fieber verursachten. Er glaubt, dass die Nazis herausfinden wollten, warum der Bruder eine klare und er eine heisere Stimme hatte. Der Bruder starb ein Jahr nach der Befreiung.

„Für unser Forschungsvorhaben waren ihre Aussagen wichtig, weil sie uns das Erleben der Opfer persönlich nahebrachten“, sagt Sachse, „auch wenn ihre Kindheitserinnerungen selbst kaum dazu beitragen konnten, die wissenschaftlichen Versuchsanordnungen zu rekonstruieren.“ Auf der Ebene des Informationsaustauschs sei das Treffen für beide Seiten eher enttäuschend gewesen. Denn auch die Zwillinge hatten sich von den Forschern präzisere Aussagen darüber erhofft, welchem wissenschaftlichen Zweck die Versuche dienten, denen sie ausgesetzt waren, und was genau die Folgeschäden, unter denen einige litten, verursacht hat.

Eva Mozes Kors Schwester Miriam war beim Treffen in Berlin nicht mehr dabei. Sie ist 1993 an Blasenkrebs gestorben. „Der Krebs war eine weitere Spätfolge von Mengeles Experimenten“, sagt Mozes Kor. Beweisen lässt sich das nicht mehr.

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