"Zu meiner Zeit war jeder Staatsanwalt bewaffnet"

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Nazijäger Erardo Rautenberg im Interview : "Es bringt nichts, den Nationalismus nur abzulehnen"
Im Chefsessel. Seit März 1996 war Erardo Rautenberg mit damals 43 Jahren Deutschlands jüngster Generalstaatsanwalt.
Im Chefsessel. Seit März 1996 war Erardo Rautenberg mit damals 43 Jahren Deutschlands jüngster Generalstaatsanwalt.Foto: Karlheinz Schindle/pa/dpa

Dann dokumentiert Ihr Vorname also einen großen Integrationswillen Ihrer Eltern?

Ich sollte Erhard-Christoph heißen. Erhard, nach meinem gefallenen Onkel. Aber Perón verfügte, dass alle in Argentinien geborenen Kinder spanische Vornamen tragen müssen. Aus Erhard wurde Erardo, doch Cristobal gefiel meiner Mutter nicht. Mein Vater ritt zum Standesamt und traf auf einen Beamten italienischer Abstammung. Cristoforo ging durch.

Was kaum einer über Sie weiß: Ihre frühen Berufsjahre widmeten Sie dem Kampf gegen Linksextreme. Sie führten sogar einen Prozess gegen die RAF.

Es ging um einen Sprengstoffanschlag auf eine Bundesgrenzschutzkaserne bei Bonn.

Sie arbeiteten unter den Generalbundesanwälten Kurt Rebmann und Alexander von Stahl, die selbst extreme Positionen vertraten. Rebmann forderte, dass Gefangene erschossen werden, wenn Gesinnungsgenossen sie freizupressen versuchen. Von Stahl engagierte sich in den 90ern für die rechte Zeitung „Junge Freiheit“. Was waren das für Typen?

Rebmann legte Wert darauf, dass Geburtstage gefeiert wurden. In den Dienstzimmern gab es Wein und Brezeln, um elf ging es los. In meiner ersten Arbeitswoche rief mich mein Vorgesetzter an: „Herr Rautenberg, wir vermissen Sie.“ Bei der nächsten Feier war ich um Punkt elf Uhr vor Ort. Ich glaube, dass die Feste so wichtig genommen wurden, weil alle Bundesanwälte mit dem Tod bedroht waren – zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls.

Die RAF-Mitglieder hatten 1977 einen Raketenangriff auf die Bundesanwaltschaft verüben wollen.

Ja, zu meiner Zeit war das Gelände dann stark gesichert, jeder Staatsanwalt war bewaffnet.

Die Rolle zählt nicht zu den beliebtesten in Deutschland. Staatsanwälte gelten als harte Hunde, die hohe Strafen fordern. Kann es sein, dass nicht nur die Gangster ihr Verhalten aus US-Filmen kopieren, wie es immer heißt, sondern dass Staatsanwälte das ebenfalls tun?

Manche hat dieses Bild sogar motiviert, den Beruf zu ergreifen – in völliger Verkennung der Position, die Staatsanwälte hierzulande haben. Sie sind wie die Richter der Wahrheit und Gerechtigkeit verpflichtet. Deshalb kann es durchaus passieren, dass der Staatsanwalt nach der Beweisaufnahme einen Freispruch für einen Angeklagten beantragt – und der Richter verurteilt ihn dann doch.

Sie haben ein Buch über die Geschichte der Staatsanwaltschaft in Deutschland geschrieben.

Ich hatte eigentlich vor, das Buch nach der Pensionierung zu schreiben, doch bin ich nun froh, dass es schon vorliegt.

Oft hört man bei Schicksalsschlägen von Betroffenen das Bedauern, zu viel gearbeitet zu haben.

Ich finde es befreiend, dass ich das, was ich mir vorgenommen hatte, abgearbeitet habe, einschließlich der Sache mit der Kandidatur. Ich kann mir nicht vorwerfen, in so einer schwierigen Situation als Parteimitglied nur zugeguckt zu haben.

Haben Sie eine Idee für den Umgang mit der AfD?

Die Strategie darf nicht die allgemeine Ächtung sein. Man sollte darauf hinwirken, dass sich die rechtskonservativen Teile der AfD von den Nazis in ihren Reihen abgrenzen und neu organisieren – innerhalb des demokratischen Spektrums. Nachdem die CDU in den letzten Jahrzehnten in die Mitte gerückt ist, hätte eine rechtskonservative Partei eine Berechtigung. Mit der könnte man dann die Probleme der Flüchtlingskrise offen diskutieren. Die CSU könnte diese Rolle spielen, denn ihr ist es ja in der Vergangenheit in Bayern geglückt, die Rechtsextremen auf Distanz zu halten.

Machtstrategisch wäre eine Aufspaltung für die Union so verheerend wie die Gründung der Linkspartei für die SPD. Was würden Sie Ihrer Partei jetzt in der Frage der Regierungsbildung raten?

Sie sollte eine Minderheitsregierung der CDU/CSU tolerieren, so kann sie ihr Profil schärfen und dem Wunsch des Bundespräsidenten entsprechen.

Politische Ambitionen haben Sie selbst keine mehr?

Nein. Erst mal muss ich bis zum Jahresende meine Chemotherapie zu Ende bringen. Ohne die Hilfe meiner Frau würde ich das nicht schaffen. Für Angehörige ist eine schwere Krankheit oft eine genauso große Belastung. Ist der Angehörige berufstätig, kann er die Doppelbelastung auf Dauer nicht ohne die Unterstützung des unmittelbaren Arbeitsumfeldes ertragen. Diese Erfahrung hat leider auch meine Frau machen müssen.

Herr Rautenberg, Ihre Stelle als Generalstaatsanwalt ist gerade neu ausgeschrieben worden.

Es ist schon komisch: Im vergangenen Jahr hatte ich eine, nun, Depression würde ich es nicht nennen, mehr eine kleine Verstimmung, weil der Ruhestand bevorsteht. Die ist völlig weg. Jetzt habe ich nur noch den Wunsch, gesund zu werden.

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