Nürnberger Prozesse : Der erste Angeklagte - und der erste Zeuge

1945 stehen 21 führende Nazis wie Göring und Heß vor Gericht. Die Anklage: Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Und alle behaupten, sie wüssten von nichts. Dann wird General Lahousen aufgerufen.

von
Die Hauptangeklagten (L-R) Hermann Göring, Rudolf Heß und Joachim von Ribbentrop auf der Anklagebank während der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesse am 13.02.1946 in Nürnberg.
Die Hauptangeklagten (L-R) Hermann Göring, Rudolf Heß und Joachim von Ribbentrop auf der Anklagebank während der Nürnberger...Foto: dpa

Was soll mit den Tätern geschehen? Nach diesem mörderischsten Krieg, den die Menschheit je sah! „Erschießen“, sagt Stalin, „alle deutschen Kriegsverbrecher – mindestens aber 50 000“. Ein Stuhl fällt um, es ist der von Churchill, der sich rasch erhoben hat. „Niemals“, ruft der britische Premier, „das britische Volk wird einen solchen Massenmord nicht billigen“. US–Präsident Roosevelt schlägt lächelnd einen Kompromiss vor: „49 500“.

So soll es sich zugetragen haben bei einer Konferenz im November 1943 in Teheran, erinnert sich später Elliott Roosevelt, Sohn des Präsidenten und Augenzeuge.

Der Krieg tobt da noch an allen Fronten. Zwei Jahre später ist Deutschland besiegt. Und der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher wird eröffnet – am 18. Oktober im Berliner Kammergerichtssaal. Eine Formalie, richtig beginnen wird das Verfahren erst am 20. November in Saal 600 des eigens umgebauten Nürnberger Justizpalastes.

Angeklagter Nummer eins ist Göring

Einig geworden, dass es diesen Prozess geben soll, sind sich die Sieger erst im Juni 1945. Die Fehler von Versailles, als man dem besiegten Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg die Schuld diktierte, sollen vermieden, die Schuldigen namentlich überführt werden. Gegen 50 000 Angeklagte lässt sich nicht verhandeln. Man einigt sich auf 24, zwei sind inzwischen tot, einer, Gustav Krupp, verhandlungsunfähig. Bleiben 21. Angeklagter Nummer eins ist Hermann Göring, Nazi der ersten Stunde und der Ranghöchste, der nach dem Tod von Hitler, Goebbels und Himmler noch übrig ist.

Nürnberg 1945. Ein Porträt Lahousens aus seiner Akte.
Nürnberg 1945. Ein Porträt Lahousens aus seiner Akte.Foto: Bpk/Bayerische Staatsbibliothek

Die Namen vieler Zeugen werden aus Sicherheitsgründen zurückgehalten. Weder die Verteidiger noch die Berichterstatter wissen, dass als erster Erwin Lahousen Edler von Vivremont aussagen wird, vormals Generalmajor der Deutschen Wehrmacht.

Der Mammutprozess muss binnen kürzester Zeit vorbereitet werden. Fotos zeigen knöchelhoch mit Akten bedeckte Räume. Bis zur Urteilsverkündung am 1. Oktober 1946 werden die Ankläger 2630 Dokumente vorlegen, werden 270 Zeugenaussagen auf 27 000 Meter Tonband aufgezeichnet. Mehr als 250 Journalisten verfolgen das Verfahren. Unter ihnen sind Schriftsteller wie der Amerikaner John Dos Passos, der Russe Ilja Ehrenburg, der Deutsche Erich Kästner, für eine norwegische Zeitung beobachtet Willy Brandt.

Vor allem der amerikanische Chefankläger Robert Jackson hat Großes vor: Er will den Krieg grundsätzlich als Verbrechen verurteilen. Verschwörung zum Angriffskrieg lautet der zentrale Vorwurf. Der Holocaust, der in seinem vollen Ausmaß noch gar nicht bekannt ist, steht in diesem Verfahren nur am Rande zur Debatte. Zwar ist Crime against Humanity Punkt vier auf der Anklageliste – was in der Regel mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit übersetzt wird, aber auch Verbrechen gegen die Menschheit bedeuten kann. Wichtige Dokumente, wie das Protokoll der Wannseekonferenz, wo die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ organisiert wurde, sind jedoch noch nicht gefunden.

Endlose Erklärungen werden vorgetragen, schon nennt die britische Journalistin Rebecca West den Nürnberger Justizpalast eine „Festung der Langeweile“. Allein bis die 21 Angeklagten jeden Tag ihre Plätze eingenommen haben, aus ihren Zellen im Keller kann der Fahrstuhl immer nur zwei, begleitet von zwei Militärpolizisten, in den Saal in der zweiten Etage bringen, dauert eine halbe Ewigkeit.

Emotional wird es erstmals nach neun Verhandlungstagen, am 29. November. Filme von Erschießungen und aus Konzentrationslagern zeigen Leichenberge, auch auf der Anklagebank herrscht Stille. Doch individuelle Schuld kann man den 21 Angeklagten so nicht nachweisen.

Erst jetzt wird für den nächsten Tag Erwin Lahousen angekündigt. Doch kaum jemand im Saal kennt den Namen.

Kein Wunder, Lahousen, geborener Österreicher, war lange Leiter der Abteilung II der Abwehr, dem militärischen Nachrichtendienst. Wer kennt schon die Identität der Topgeheimdienstleute? Abteilung II, das ist die für schmutzige Tricks, wie der Amerikaner Harry Carl Schaub in seiner gerade erschienenen Biografie über Lahousen schreibt. Zuständig für Sabotage, für den Krieg hinter den feindlichen Linien. Was noch weniger Leute wissen: Dieser Lahousen betrieb seit 1938, seit er als österreichischer Berufsoffizier nach dem „Anschluss“ seiner Heimat in die Wehrmacht eintrat, ein doppeltes Spiel. Der Historiker Winfried Meyer vom Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin zählt ihn zumindest zum erweiterten Kreis der Widerständler gegen das Naziregime.

18 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben