Orlebar Brown : Der Bademeister

Mit ein paar Schnallen hat Adam Brown die Badehose revolutioniert. Sie passt jetzt nicht nur James Bond. Ein Besuch bei dem Designer in London.

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Adam Brown verkauft Badehosen fast wie maßgeschneidert.
Adam Brown verkauft Badehosen fast wie maßgeschneidert.promo

David Beckham ist halb nackt und schneller wieder weg, als Adam Brown gucken kann. „Becks“ wirbt auf einem roten Doppeldeckerbus für H&M – in sehr knappen Badehosen. Brown seufzt. „Ich würde die niemals tragen“, sagt der Brite, Ende 40, graumeliertes Haar. „Aber an ihm sehen sie sexy aus.“

Ein Mann und seine Badehose, das ist oft eine Geschichte des würdelosen Blitzeinkaufs. Seine Badehose überhaupt zu thematisieren, schien lange Zeit so unangemessen wie eine öffentliche Diskussion über den Sinn und Zweck von Rücken-Waxing.

Doch diese Zeiten sind vorbei. Ausgerechnet ein unscheinbarer Typ wie Adam Brown hat die Badehose von ihrem schlechten Image erlöst. Er hat mit „Orlebar Brown“ eine Marke erfunden, die in Großbritannien zu einer Institution geworden ist. So wie man zum königlichen Schuhmacher John Lobb geht, um bestes Schuhwerk zu bestellen, und bei Brigg einen ordentlichen Regenschirm kauft, so probiert der Brite seine Badehose bei Orlebar Brown.

Wie konnte das passieren?

An diesem Freitagmorgen schieben sich noch mehr Doppeldeckerbusse um den Piccadilly Circus, Autos hupen. Der Schädel von Adam Brown dröhnt. Kleine Betriebsfeier mit den 30 Angestellten am Vorabend, ein letzter „Pornostar Martini“ um halb elf, dann ging Brown in seine Wohnung in Notting Hill.

Sein Laden liegt in der Nähe der Savile Row, wo die besten Maßschneider Englands ihren Sitz haben. Anderson & Sheppard wartet schräg gegenüber seit über 100 Jahren auf betuchte Kundschaft, unter anderem auch auf Prince Charles. Orlebar Brown gibt es erst seit sieben Jahren. Aus seiner Wohnung heraus hat Adam Brown am Anfang Badehosen verkauft, 1000 Stück im ersten Jahr, 2014 wird er erstmals die Marke von 130 000 knacken. Ein Wachstum von 67 Prozent zum Vorjahr, dabei hat der Sommer an diesem Morgen noch gar nicht begonnen. „Wir werden dieses Jahr wohl zwölf Millionen Pfund verdienen“, sagt er. Ein Überraschungserfolg. All das wegen ein paar Schnallen. Männer können die Orlebar-Brown-Hose mit Schnallen, die an der Seite sitzen, besser an ihre Körper anpassen – ein Handgriff, den Brown aus der Hosenschneiderei der Savile Row übernommen hat und der die Badeshorts nach Belieben individualisiert.

Er hat vier monochrome Grundmodelle entworfen. Aus diesen können die Kunden jeweils kurze, mittellange oder lange Shorts auswählen und, falls erforderlich, einen Änderungsservice in Anspruch nehmen. Wer möchte, kann persönliche Bilder auf die Hosen drucken lassen. „Fotos der Freundin, in verschiedenen Phasen der Nacktheit“, so Adam Brown über manch extravaganten Wunsch.

Natürlich hat auch der James-Bond-Effekt geholfen. Daniel Craig schwamm vor zwei Jahren in einer Szene des 007-Films „Skyfall“ mit einer himmelblauen Hose durch den Hotelpool. Danach stiegen die Umsätze. Polo-Shirts, Hemden und Jacken folgten. Als er im Laden nach dem Rechten sieht, trägt er eine graue Chino-Hose zur Probe, testet, ob sie gut sitzt. „An den Beinen noch etwas eng“, sagt er, als er hinüber in die Royal Academy of Art geht, ein Fußweg von fünf Minuten. Dort will er schauen, welche Künstler demnächst ausstellen, mit wem er sich eine Kooperation vorstellen könnte. Vergangenes Jahr arbeitete er mit einem japanischen Tattoo-Künstler zusammen.

Nicht nur damit wagt er sich auf terra incognita vor. Dieses Jahr bietet Orlebar Brown erstmals Damenmode an, eine unbekannte Welt für den Gründer – „ein Minenfeld“, wie er zugibt. Er entwirft Bikinis und Shorts für Frauen, einfach weil viele Frauen die Hosen ihrer Männer zerschnitten haben. Nicht ganz billig ist die Anschaffung, für Männer kostet eine Hose mindestens 65 Euro. Sie kaufen sie bei Barney’s in New York, Colette in Paris oder Andreas Murkudis in Berlin.

Bisher galt: Wer Badehosen produzierte, tat das als Nebenprodukt seiner Hauptkollektion – Giorgio Armani, Hugo Boss, Ralph Lauren – oder profilierte sich wie „Speedo“ als Sportausstatter. Badehosen waren ein Geschäft unter der Gürtellinie. Man tat es, aber niemand sprach groß darüber.

Vielleicht, weil sie polarisierte. In den frühen 60er Jahren entwickelte der australische Designer Peter Travis für Speedo eine Hose in Slipform. Als er diese 1961 am Bondi Beach in Sydney trug, riefen Badegäste noch die Polizei. Zehn Jahre später hatte die sexuelle Revolution bereits die Massen erreicht, niemand witterte mehr Sittenverfall, wenn Männer dreieckige Speedos trugen.

In den USA hingegen prägten die Surfer die Strandkultur. Ihre knielangen Shorts wurden zum Gradmesser, was Jungs am Wasser trugen. Die kurzen Hosen der Europäer setzten sich nie durch, an einigen amerikanischen Stränden darf man nach wie vor nicht in ihnen baden. Während in deutschen Bädern es teilweise nicht erlaubt ist, lange Shorts anzuziehen – weil sie zu viel Wasser aus den Pools abziehen sollen.

Diese Verwirrung färbt natürlich auf die Konsumenten ab. Männer kaufen ihre Hosen, als seien sie peinlich berührt davon – und wo sie gerade eine in der Auslage sehen. „Im Kaufhaus, am Flughafen, in irgendeiner Boutique“, sagt Adam Brown. „Es gab keine Marke, von der die Männer behaupteten, die würden gute Badehosen machen.“ Das fand er heraus, als er vor acht Jahren auf einem Geburtstag eingeladen war. 40 Jahre wurde der Gastgeber, eine bunt gemischte Truppe traf sich in einem Hotel im indischen Rajasthan, nachmittags dösten Paare am Pool, Männer, Frauen, Heteros, Schwule, und mit einem Mal sah Adam Brown: das Grauen.

„Just flapping.“ Mit diesem knappen Kommentar umreißt er das Dilemma. Es hing also alles nur rum, entweder der Stoff der Surfer-Boardshorts, der sich bis über die Knie aufrollte. Oder eben die zu verbergenden Organe, die in Badehosen mit Gummizug gepresst wurden. Überhaupt: das Elastikband! Adam Brown sagt: „Ich möchte doch nicht, dass mein Fett am Rücken herausgepresst wird.“ Das tut ein zu straff gespannter Gummizug. „Warum soll ich einen anderen Anspruch an Kleider für den Strand als für welche im Büro haben?“, fragte sich Brown. Aus dieser einfachen Frage entwickelte sich ein Denk- und Gestaltungsprozess.

Und möglichst schnell trocknen sollten die Badeshorts natürlich. Brown selbst ist der Letzte, der das Gefühl klammen Stoffs auf der Haut mag. Er hasst nasse Kleidung schon von Kindesbeinen an, erzählt er: „Als Junge bin ich mit dem Fahrrad in einen Fluss gefahren. Das machte meine Mutter so wütend, dass sie mich zwang, mit den nassen Klamotten zurück in die Stadt zu laufen.“

Adam Brown ist kein ausgebildeter Schneider, er hat Kunst im südenglischen Winchester und in London studiert, in einer wohltätigen Stiftung für die Aids- Hilfe und als Fotograf gearbeitet. Brown liebt die Verbindung von Kunst und Mode, er verehrt Fotografen wie Seydou Keita aus Mali. Er ist ein Feingeist, der im Pariser Marais und New Yorker Vintage-Läden nach Antiquitäten stöbert.

Über 18 Monate hinweg erdachte er sich eine Badehose für den Mann jenseits der 30 Jahre. Wenn der Körper sich verändert und die Blicke der anderen nicht mehr so milde sind. In acht verschiedene Fabriken ist er gefahren, nach Portugal, Polen, Marokko, Italien und in die Türkei. Er wollte nicht in Asien produzieren, weil er auf Tradition und Qualität Wert legt. Nachdem er die richtigen Firmen fand, trug er selbst die ersten Muster, die aus der Fabrik kamen und ihn von manchen Ideen kurierten.

„Ich erinnere mich an einen Urlaub in Miami, als ich eine Hose trug, die an den falschen Stellen zu eng war. Es grenzte an Unanständigkeit.“ Er stellte sich Fragen wie: „Wenn ich mich in einen Stuhl setze oder bücke, rutscht dann der Bund? Offenbart die Hose mehr, als ich möchte?“ Adam Brown lief mit Modellen von Geschäft zu Geschäft, zwei Jahre lang, bis endlich ein Laden an der King’s Road in London zugriff. Eineinhalb Jahre darauf wollte das Kaufhaus Selfridges, das vorher stets abgelehnt hatte, die Hosen im Sortiment haben. Es war geschafft.

Heute ist Adam Brown ein Experte für Strandmode geworden. „Resort-Mode“ heißt das in der Modebranche – mit diesen Klamotten kann man sich in einer schicken Urlaubsanlage auf dem Weg vom Pool zur Bar sehen lassen.

Er sitzt im Café der Royal Academy, einen passenden Künstler hat er nicht gefunden, und erklärt, wie ein Mann am besten eine Badehose kauft. „Farbe ist ein wesentlicher Faktor, neben Körpergröße, Körperform, Hautfarbe und der Persönlichkeit.“ Farbe also. „Die muss man mit der Hautfarbe in Einklang bringen. Wenn ein Mann dunklere Haut hat wie in Südamerika oder im mediterranen Raum, ist er in der Lage, helle Töne ohne Probleme tragen zu können. Zitronengelb, grasgrün, orangefarben. Ich hingegen mit meinem britischen Teint“, er macht eine Pause, um die Blässe wirken zu lassen, „ich muss aufpassen. Da passt Navyblau.“ Was ist mit Schwarz, das geht doch sicher immer? „Sieht nach Leichenbestatter aus.“

Zweitens Körpergröße. „Zu einem kleinen Mann passen keine langen Boardshorts. Darin sehen die Beine kürzer aus. Wenn er über 1,80 Meter groß ist, setzt der gegenteilige Effekt ein, also nichts, was zu kurz ist.“ All das gilt natürlich nur, wenn, drittens, die Persönlichkeit stimmt. „Ist ein Mann von Natur aus reserviert und zurückhaltend, muss er nicht zu Rot oder Gelb greifen. Genießt er die Aufmerksamkeit, wenn er im Mittelpunkt jeder Party steht, sind exzentrische Töne richtig.“

Adam Brown steht nun auf, er muss zum Bahnhof King’s Cross. Seine Tage sind streng durchgetaktet. Frühes Aufstehen, Sport, Fahrt mit dem Range Rover ins Büro, wo er die Nachrichten hört, Meetings, Telefonate, zwischendurch Geschäftsreisen. Alles im Dienste von Shorts und Shirts.

Diesen Freitag will er mal weg, an einen Ort ohne Badehosen. Mit seinem Partner fährt er nach Schottland. Der Wetterbericht sagt für dieses Wochenende kühle Temperaturen voraus.

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