Patricia Thielemann macht sich locker : Wie ein Smarties-Keks mich aus der Fassung brachte

40 Freigeister auf Entzug zu begleiten, ist nicht einfach. Doch Verzicht kann auch gut und aufschlussreich sein. Unschöne Szenen einer Yogalehrerausbildung.

Patricia Thielemann
Eine Tasse Kaffee am Nachmittag - für viele unverzichtbar.
Eine Tasse Kaffee am Nachmittag - für viele unverzichtbar.Foto: imago/Mint Images

Während der Ausbildung zum Lehrer bei Spirit Yoga, entscheiden sich die Teilnehmer des Lehrgangs, für eine Woche auf ihre jeweiligen Laster zu verzichten. Weil das selbstbestimmt passieren soll, wählt jeder eigenständig aus, womit er sich normalerweise stark identifiziert und was er für ein paar Tage weglässt. Das kann alles sein, vom Handykonsum über Kaffeetrinken, Rauchen oder nicht ständig in den Spiegel zu schauen.

So eine Gruppe mit über 40 Freigeistern auf Entzug zu begleiten, ist keine Kleinigkeit. Aber ich habe mir gesagt, als Leiterin verzichte ich genauso wie die Teilnehmer. Ich bin ja keine Heuchlerin.

Eines meiner Laster ist es, mir nach einem anstrengenden Tag in einem Café einen White Chocolate Mocca und einen Smarties-Keks zu holen. Das mache ich seit Jahren, es versüßt mir meinen Nachmittag.

Dann kam die Woche. An Tag eins und zwei ging es noch, doch es wurde immer anstrengender. Ich bin durchaus diszipliniert und so marschierte ich an Tag drei mit verkniffenem Gesicht an dem Café vorbei. Ich habe es bis in mein Auto geschafft, und mir liefen, schluchzend, die Tränen übers Gesicht. Mein innerer Monolog klagte: „Wenn du dir nicht mal den Keks und den Kaffee holen kannst, was hast du denn dann noch vom Leben?“

Viele Anfänger wollen schnell Fortgeschrittenenkurse besuchen

Wie wichtig diese Erfahrung für mich war! Was für ein Armutszeugnis, wenn das Glück des Lebens von einem Mocca und einem Keks am Nachmittag abhängt. Da habe ich für mich die Konsequenzen gezogen, mir ein paar mehr Auszeiten zu gönnen. Die Woche habe ich durchgehalten, aber ich war am Boden. Ich glaube immer noch, dass Verzicht gut und aufschlussreich sein kann, weil man in solchen Momenten voller (Sehn-)sucht erkennt, was wirklich fehlt.

Ich erlebe immer wieder, dass Anfänger sehr schnell Fortgeschrittenenkurse besuchen wollen. Viele kommen nach dem Level-eins-Kurs zu mir und fragen mich, wann sie denn bereit sind für Level zwei. Als würde ich ihnen die Absolution erteilen können: „Du bist jetzt ein würdiger Mensch, weil du die Beine hinter dem Kopf verknoten kannst.“ Die quälen sich, bis ihnen schon die Adern aus der Stirn kommen, vergessen zu atmen und pressen sich in eine äußere Form hinein, die sie innerlich gar nicht ausfüllen können. Weil sie mit ihrem weltlichen Leistungsdenken auch Yoga angehen.

Ein Level zu überspringen, bringt gar nichts

Richtig verstanden, wäre es aber so, dass man sich mit sich selbst auseinandersetzt und schaut: „Wo stehe ich gerade im Leben, welche Werte sind mir wichtig?“ Die Übungen sind immer Metaphern für das echte Leben: Ich stecke in einer komplizierten Situation und bemühe mich, meine Haltung zu bewahren, mein – im übertragenden Sinne – Rückgrat zu stärken, auch wenn es von außen eben manchmal dicke kommt. Ein Level zu überspringen, bringt da gar nichts.

Aber dass das viele wollen, kommt nicht von ungefähr. Für jede Kaffeewerbung wird inzwischen eine natürlich geschminkte Frau in einen Yogaanzug gesteckt und muss ein Bein nach oben strecken. Mit Yoga wird eine bestimmte Erwartungshaltung verbunden. Die Leute stressen sich damit, dass sie alles bis hin zu ihrer Sozialkompetenz sofort reguliert bekommen müssen, nur weil sie einmal in den Krieger Zwei gegangen sind. Sie gehen in den Kurs, um Druck abzubauen und erhöhen ihn sich schließlich noch. Die wollen den „Quick Fix“: alles sofort – das perfekte, durchoptimierte Leben in drei Yogastunden.

Diese Woche genieße ich übrigens wieder meinen Mocca.

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