Patricia Thielemann macht sich locker : Wie Yoga Menschen verbindet

Eine Putzfrau unterhält sich mit dem Oberarzt der Charité, eine Schwangere, die sitzengelassen wird, findet im Kurs neue Liebe: Die Yoga-Welt ist nicht verloren!

Patricia Thielemann
Die Magie der kleinen Dinge. Beim Yoga-Unterricht finden ganz ungezwungen echte Begegnungen statt.
Die Magie der kleinen Dinge. Beim Yoga-Unterricht finden ganz ungezwungen echte Begegnungen statt.Foto: imago/Westend61

Ein Yoga-Studio besucht man normalerweise nicht, um neue Leute kennenzulernen, sondern weil man Zeit für sich haben möchte – sonst könnte man ja auch in die Muckibude gehen und an der Eiweißshake-Bar schäkern. Viele Yogis genießen das Eingebundensein in die Gemeinschaft einer Klasse, großen Redebedarf haben sie nicht.

Deswegen finde ich es überraschend, dass nach dem Unterricht, wenn die Teilnehmer bei Äpfelchen und Tee beieinanderstehen, ganz leise und ungezwungen echte Begegnungen stattfinden. Das sind seltene Momente, in denen der Mascara Pause hat und die Alltagsmaske noch nicht aus der Garderobe abgeholt wurde.

Warum freut mich das? Nun, in der trendbewussten, Lifestyle-Yoga-Szene scheint es ein massives Nähe-Distanz-Problem zu geben. Einerseits gibt es heutzutage Lehrer, die meinen, ihren gestressten und erschöpften Kursteilnehmern unbedingt stümperhafte Weltverbesserungsideologien aufdrücken zu müssen. Andererseits gibt es eine große Anzahl von Yoga-Übenden, die sich in ihrem Selbstoptimierungswahn völlig von der Welt abkapseln und dauerdetoxend nur noch um sich selber drehen.

Doch die Yoga-Welt ist trotzdem nicht verloren. Dort an dem Teetisch begegnen sich wirklich nette und auch kluge Menschen.

Die Magie passiert oft fast beiläufig

Da sind zum Beispiel die beiden Männer, die seit sieben Jahren in meine Kurse gehen. Jetzt haben sie in Schöneberg einen Blumenladen eröffnet. Oder die Frau, die während ihrer beiden Schwangerschaften zum Pränatal-Yoga kommt, dann von ihrem Mann sitzengelassen wird und in jeder Stunde weint. Irgendwann treffe ich sie mit dickem Bauch am Hackeschen Markt, und sie sagt: „Das ist von Klaus, den hab ich in deiner Klasse kennengelernt.“ Besonders berührt mich die 60-jährige, bildschöne Ballettlehrerin, die, kinderlos und auf sich gestellt, auf einmal ohne Haare zum Yoga kommt. Mehrere andere Teilnehmer kochen unaufgefordert für sie, besuchen sie, sind für sie da.

Die Magie liegt eben nicht im Extremen, sie passiert oft fast beiläufig. Zwischen Büro und Supermarkt, zwischen alltäglichen Nervangelegenheiten können wesentliche, menschliche Begegnungen stattfinden. Und wenn es nur beim Äpfelchen und Tee nach der Schlussentspannung ist – übrigens keine Zwangsmaßnahme, sondern ein Angebot.

"Puh, jetzt geht’s wieder …"

Auch unser Putzteam nimmt an unseren Kursen teil und unterhält sich danach mit der bekannten Verlegerin oder dem Oberarzt von der Charité. Es ist schön zu sehen, wie Yoga all die Menschen ungezwungen und ohne große Worte miteinander verbindet. Meist geht dem ein tiefes Ausatmen der Erleichterung voran, es folgt ein Schluck Tee, dann: „Puh, jetzt geht’s wieder …“

Das klingt jetzt, als seien unsere Yogis irgendwie Opfer, das ist natürlich falsch. Die meisten sind in der bedrohten Mitte unserer Gesellschaft angesiedelt. Anpackend, aber erschöpft. Zuversichtlich, aber fast dauergereizt. Im Großen und Ganzen gesund, aber mit zunehmenden Zipperlein. Weil diese Mitte droht, auseinanderzubrechen, ist der Dauerlauf ein Riesenthema: „Ich halte durch!“

Das sagen nicht narzisstisch geprägte Karrieristen, sondern die aussterbende Art derer, die es wirklich gut machen wollen. Yoga und vor allem der Tee danach sorgen dafür, dass diese Menschen nicht gemeinsam einsam nebeneinanderher praktizieren, sondern auf ihre Art zusammenhalten.

Patricia Thielemann ist Chefin von spirityoga.de und vertritt Katja Demirci.

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