Patricia Thielemann macht sich locker : Yoga ist kein Aufputschmittel

Entspannungsübungen zum Schluss sind ein wesentlicher Teil der Yogastunde. Es ist wie beim Sex, man hört nicht einfach mittendrin auf.

Patricia Thielemann
Die Totenstellung "Sawasana" gehört zum Yoga dazu, so können Körper und Geist zur Ruhe kommen.
Die Totenstellung "Sawasana" gehört zum Yoga dazu, so können Körper und Geist zur Ruhe kommen.Foto: imago

Gerade habe ich ein Yoga-Retreat in Thailand geleitet. Doch anstatt sich über ihren teuer erkauften Trip ins Paradies zu freuen, ärgerten sich die meisten Teilnehmer tagelang nur: über sich selbst, weil sie so bescheuert waren, nach dem ganzen Weihnachtsstress auch noch – ausgerechnet mit dem Ziel, sich zu entspannen – eine Reise ans andere Ende der Welt zu buchen. Inklusive zwei Mal umsteigen, Jetlag, 40 Grad Hitze und Mückenplage. Dann regten sie sich über das Luxus-Resort auf, weil es fünf Minuten dauert, bis morgens Matcha Latte serviert wird, die spicy Garnelensuppe sie ins Schwitzen bringt und die Air Condition nie richtig eingestellt ist.

Es dauerte ein paar Tage, ein paar Meditationsübungen um 7.30 Uhr morgens, ein paar Frühstücksmüslis in Stille, ein paar Health Smoothies, ein paar Runden Moonlightyoga, vor allem aber ein paar Tränenausbrüche darüber, dass sie sich doch tief im Herzen und trotz hunderter Facebookfreunde ziemlich einsam fühlen, bis sie verstanden: Mein Leben ist eigentlich ganz gut. Ich muss nur wieder lernen, es anzunehmen, selbst zu gestalten. Mich zu erinnern an meine andere Seite jenseits aller Checklisten. An das Gute, Wahre, Schöne.

Zum Jahresanfang ist der Kurs so voll wie sonst nie

Und ich verstand meinerseits: In unserer postmodernen Welt müssen wir für ein bisschen Freiheit offensichtlich sehr weit weg reisen. Das ist eine lebensverändernde Maßnahme. Eine Abkürzung zu dieser Erkenntnis hätte leider nicht funktioniert. Die Uckermark oder die Toskana hätten einfach nicht ausgereicht.

Zum Jahresanfang ist es in meinem Unterricht so voll wie sonst nie. Leute nehmen sich vor, künftig acht Stunden zu schlafen, nie wieder Zucker zu essen und vier mal die Woche Yoga zu machen. Ihre Erwartungen an die Wunderpille Yoga sind unendlich. Unendlich unrealistisch. Es kommt eben nicht nur auf die Yoga-Übung an, die einzelne Stellung. Sondern auf die Haltung dabei.

In Thailand ist niemand auf die Nachtmärkte ausgebüxt, um ein paar falsche Louis Vuitton-Taschen zu kaufen oder für eine andere Art von Höhepunkt auf die Sündenmeile von Patpong entwischt. Niemand trank Alkohol, obwohl ich es gar nicht verboten hatte.

Manche machen Yoga zur Atomwaffe

In Berlin klappt das einfach nicht. Da rasen sie mit quietschenden Reifen zu mir ins Studio, sprechen bis an die Schwelle vom Yoga-Raum in ihr Handy, beantworten noch auf der Matte letzte E-Mails und erklären ihrer Sekretärin kaum, dass die Stunde vorbei ist, in welchem Ordner sich das wichtige Dokument befindet. Andere ziehen direkt nach der Session mit vom Yoga geweiteten Lungenflügeln im Hauseingang an der nächsten Zigarette und drücken sich verstohlen davon, sobald sie mich sehen.

Man kann selbst das wunderbare Werkzeug Yoga zur Atomwaffe machen. Immer wieder erlebe ich zum Beispiel Leute, die sich noch vor den Entspannungsübungen, dem Sawasana, davonmachen. Ich spreche die bei Gelegenheit darauf an. „Ihr hört doch beim Sex auch nicht mittendrin auf?“, sage ich. Die antworten dann, sie wollten das so. Holten sich den Kick für den Augenblick. Das ist für mich völlig verdreht. Yoga ist doch kein Hardcore-Aufputschmittel! Sondern soll im Gegenteil das Nervensystem beruhigen.

Hat bei mir jedenfalls ganz gut geklappt. Meine Söhne können mit ihren „Nerf Guns“, Spielzeugwaffen, noch die fünfte Blumenvase zerschießen, und ich kann die von mir angestrebte Gelassenheit aufbringen. Zumindest für den Rest des... Januars.

Die Autorin ist Chefin von spirityoga.de und vertritt Katja Demirci.

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