Penicillin - Triumph und Tragödie : Keim und Killer

Bevor Penicillin 1941 erfunden wurde, konnte eine Blase am Zeh tödlich sein. Dann schien der Erreger besiegt. Inzwischen hat massiver Antibiotikaeinsatz resistente Keime hervorgebracht. Vergangene Woche erst erging die Warnung vor einem Tuberkulose-Erreger, gegen den neueste Medikamente machtlos sind

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Nach diesem Schimmelpilz bekommt Penicillin seinen Namen
Nach diesem Schimmelpilz bekommt Penicillin seinen NamenFoto: mauritius images

An diesem Tag sollte Albert Alexander Medizingeschichte schreiben: Es war der 12. Februar 1941, ein Dienstag, und der 43 Jahre alte Polizist aus Oxford war in furchtbarer Verfassung. Zwei Monate zuvor hatte er sich an einem Rosenstrauch gestochen und dabei einen Kratzer im Mundwinkel zugezogen. Die Wunde entzündete sich, eitrige Abszesse erreichten Haaransatz und Augenhöhlen, griffen die Knochensubstanz an. Die Ärzte versuchten der Infektionsherde mit chirurgischen Mitteln Herr zu werden, sie entfernten sogar ein Auge. Und sie pumpten den Patienten mit Sulfonamide voll.

Sulfonamide: die Wunderdroge. Synthetisiert aus einem Farbstoff, entwickelt in Deutschland. 1941 wusste man längst um die Gefährlichkeit bakterieller Infektionen. Milch wurde seit Louis Pasteur pasteurisiert. Seit dem Ersten Weltkrieg trugen Soldaten aller Nationen sterile Verbandspäckchen bei sich. Doch breitete sich eine Sepsis aus, war dem Verwundeten kaum mehr zu helfen.

Die Meningitis tötete jeden dritten Patienten

Obwohl sich die hygienischen Verhältnisse in den Krankenhäusern seit Beginn des Jahrhunderts dramatisch verbessert hatten, starben in Deutschland 1932 pro eine Million Schwangerschaften immer noch 1200 Frauen am Kindbettfieber. Gegen die Tuberkulose konnte man inzwischen impfen, doch brach die Krankheit aus, gab es kein Mittel. Die Lungenentzündung war gefürchtet, die Meningitis tötete jeden dritten Patienten. Und selbst scheinbar harmlose Infektionen konnten schnell lebensbedrohlich werden.

Schlagzeilen machte etwa 1923 Lord Carnarvon. Zuerst, weil er die Expedition finanziert hatte, die zur Entdeckung des Goldschatzes von Pharao Tutanchamun in Ägypten führte. Dann durch seinen raschen Tod. Der Lord wurde von einer Mücke gestochen und schnitt sich beim Rasieren in die kleine Schwellung. Sein Dahinscheiden binnen Tagen geisterte weltweit als „Fluch des Pharao“ durch die Zeitungen, tatsächlich hatte sich die Wunde mit Streptokokken infiziert.

Alexander Fleming 1943 in seinem Labor
Alexander Fleming 1943 in seinem LaborFoto: IMAGO

Mochte man hier noch der mangelhaften Wundversorgung in Ägypten die Schuld geben, so waren ein Jahr später die besten Ärzte der USA hilflos, als es um das Leben von Calvin Coolidge Jr. ging. Der 16-jährige Sohn des amtierenden Präsidenten hatte sich beim Tennis auf dem Rasen vor dem Weißen Haus eine Blase am Zeh zugezogen. Die Wunde infizierte sich mit Staphylococcus aureus. Die anschließende Blutvergiftung brachte den Jungen in nur einer Woche um.

So waren die Verhältnisse, als Gerhard Domagk in Wuppertal die antibiotische Wirkung eines Farbstoffes aus der Gruppe der Sulfonamide entdeckte. Eine der ersten Patientinnen, an der Domagk das neue Mittel Prontosil testete, war seine sechsjährige Tochter. Das Mädchen hatte sich beim Sticken gestochen, in Folge der anschließenden Blutvergiftung stellte sich hohes Fieber ein, der behandelnde Arzt empfahl die Amputation des Armes. Gerhard Domagk protestierte und injizierte sein Prontosil. Schon nach zwei Tagen war das Fieber auf Normaltemperatur gesunken.

Die Nazis verbieten die Entgegenahme des Nobelpreises

Die Entdeckung brachte Domagk 1939 den Nobelpreis für Medizin ein. Doch als der Preis verliehen wurde, durfte er nicht nach Stockholm. Seit dem ins Konzentrationslager verschleppten Carl von Ossietzky 1935 der Friedensnobelpreis zugesprochen worden war, hatte das Nazi-Regime jedem Deutschen die Annahme des Nobelpreises verboten. Um ganz sicher zu gehen, wurde Domagk vor der Zeremonie in Stockholm von der Gestapo verhaftet und erst nach einer Woche wieder frei gelassen.

Nicht einmal zwei Jahre später sollte nun seine Entdeckung einem Oxforder Polizisten das Leben retten, während sich Großbritannien im Krieg mit Deutschland befand. Das Dumme war nur, die Behandlung mit Sulfonamide wirkte nicht. Albert Alexander ging es unverändert schlecht, trotz des vermeintlichen Wundermittels.

Dabei hatten die Sulfonamide bemerkenswerte Erfolge erzielt. Das Kindbettfieber schien in kaum fünf Jahren besiegt, die Lungenentzündung und die Meningitis verloren allmählich ihren Schrecken, die Gonorrhoe, eine auch als Tripper bekannte Geschlechtskrankheit, konnte binnen zehn Tagen in 95 Prozent der Fälle geheilt werden. Doch das Spektrum der mit dem neuen Antibiotikum behandelbaren Bakterien blieb begrenzt. Schlimmer noch, schon bald sollte sich die Wandlungsfähigkeit aggressiver Mikroben zeigen. Prontosil tötete sie nicht, es hemmte nur ihr Wachstum. Die Mikroben wurden stärker und resistent.

Es gab jemanden, der hatte diese Entwicklung vorausgesehen. Alexander Fleming, schottischer Bakteriologe, hatte 1935 einen Vortrag Domagks besucht. Dort kommentierte er die Entdeckung mit dem Satz: „Ich habe etwas Besseres, ich nenne es Penicillin.“ Aber Penicillin war da noch kein Medikament, sondern allenfalls ein Versprechen.

Verschiedenste Substanzen waren inzwischen auf ihre antibiotische Wirkung getestet worden, Flemings Entdeckung eher ein Zufallsfund. Als er im September 1928 aus seinen Ferien zurückkehrte, bemerkte er, dass einige seiner zuvor angesetzten Proben verschimmelt waren. Das Eigenartige war, dass dieser Schimmel eine Bakterienkultur in Schach gehalten hatte. Fleming bezeichnete die Substanz als Penicillin, lateinisch für den Pinsel, nach dem der schlauchartige Schimmelpilz seinen Namen hatte.

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