Peter Maffay im Interview : „Ich wollte Cowboy sein und bin jetzt Ziegenhirte“

Peter Maffay sang Schlager, zertrümmerte Gitarren und setzte drei Ehen in den Sand. Heute ruht er in sich, nur den Tod der Mutter kann er sich nicht verzeihen.

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Foto: Clemens Bilan/Getty Images
Peter MaffayFoto: Clemens Bilan/Getty Images

Peter Maffay, 66, wurde im rumänischen Siebenbürgen geboren und kam 1963 nach Deutschland. 1970 hatte der Sänger mit "Du" seinen ersten Hit, bis heute erreichten 16 seiner Alben den ersten Platz in den Charts. Zurzeit ist er auf Deutschlandtournee, am 9. Juni tritt er in der Berliner Wuhlheide auf.

Herr Maffay, bei der Bambi-Verleihung vor vier Jahren hielten Sie eine Laudatio auf Bushido. Sie sprachen von Jugendsünden, die Sie ihm verziehen. Glauben Sie, dass sein Leben und Ihres etwas miteinander gemein haben?

Ja. Sogar heute noch. Er kommt von draußen, ich komme von draußen. Als ich das erste Mal das Wort Rucksackdeutscher gehört habe ...

So nannte man früher Vertriebene und Aussiedler.

... da begriff ich, wie sehr ich von außen kam.

Sie und Bushido machten gemeinsam Musik. Dann kam es zum Bruch.

Er hatte den Integrationspreis zugedacht bekommen nicht für das, was er getan hat, sondern für etwas, das er in Aussicht gestellt hat. Jemanden anzusprechen, der von sich behauptet, dass er seine menschenverachtende Attitüde aufgibt, der Gewalt abschwört und ein Sprachrohr ist für ein Publikum, das sensibilisiert werden muss für unsere gesellschaftlichen Werte, war für mich die richtige Investition. Unsere Gesellschaft wird ohnehin immer vielschichtiger, es wird Zeit, diesen Umstand zu akzeptieren. Jedes unbedachte Wort ist die Spitze eines Keils, der uns von einander spaltet. Man wollte diesen Keil bei Bushido herausziehen. Aber er müsste einen Beitrag leisten, damit wir wieder ins Gespräch kommen.

Sahen Sie sich als ein Vorbild für ihn?

Das ist das Letzte, woran ich denke. Ich bin kein Vorbild. Ich gehöre nicht auf einen Sockel, auch nicht, weil ich 1,68 Meter groß bin. Ich sehe mein Leben viel normaler. Ich bin mit 66 zu alt, um es anders zu sehen.

Sie haben eine außergewöhnliche Erfolgsbilanz: 16 Nummer-Eins-Alben, 50 Millionen verkaufte Tonträger. Zum Vergleich, Herbert Grönemeyer, auch ein Großer, soll 13 Millionen verkauft haben.

Ich bin lange genug dabei. Außerdem ist Grönemeyer jünger als ich.

In Ihrem aktuellen Album „Niemals war es besser“ singen Sie davon, dass Sie angekommen sind. Ist das wörtlich zu nehmen?

Ja, weil ich etliche Kurven gemacht habe, angefangen mit dem Schlager, lange mit der richtigen Positionierung rang.

Und wo sind Sie angekommen?

In mir. Aber das ist keine Garantie für später, das kann morgen schon wieder ganz anders sein.

Sie sind 1963 mit Ihren Eltern aus Rumänien ausgereist. Da waren Sie 15 und hatten nur einen Koffer dabei. Besitzen Sie noch etwas aus diesem Koffer?

Mein Koffer war nicht groß, der würde heute als Handgepäck durchgehen. Da waren nur ein paar Klamotten drin.

Sie mussten vieles zurücklassen.

Es gibt ein Foto, auf dem meine Mutter, mein Vater und ich vor dem Weihnachtsbaum zu sehen sind, ich mit einem roten Feuerwehrauto aus Blech, man konnte die Drehleiter ausfahren. Dieses Foto steht bei mir zu Hause auf einem Beistelltisch neben dem Schreibtisch. Es hat meinen Vater später veranlasst, mir ein ähnliches Spielzeugauto zu schenken. Nach 30 Jahren war ich wieder in Kronstadt. Unter anderem auch in der Kirche, in der ich getauft worden bin. Da stehen Kastanienbäume. Ich habe mir drei Kastanien mitgenommen. Die habe ich noch.

Haben Sie Ihre Ausreise als Flucht empfunden?

Nein, das war es nicht. Mein Vater verlor seine Arbeit, nachdem er einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Also lebten wir das letzte Jahr vom Verkauf all dessen, was wir besaßen. Das Wertvollste war unser alter Wagen, ein Citroën Baujahr 1929, so einer, bei dem man den Koffer hinten raufschnallte. Mein Vater hatte den restauriert. Er war ein technisch sehr begabter Mensch. Das hat mich alles aber nicht so sehr betroffen. Ich bin als 14-Jähriger in dem Gefühl weggegangen, wo wir hinfahren, müssen wir nicht mehr mit dem alten Besteck essen, da gibt es ein neues. Der Verlust, den wir erlitten, war ein menschlicher, die Freunde, die Verwandten, die vertraute Umgebung. Das habe ich aber alles erst später begriffen.

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