Plädoyer fürs Auswendiglernen : Mit Herz und Hirn

Gedichte sind wie alte Freunde, an denen man immer wieder Neues entdeckt. Ein Lob des Auswendiglernens.

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„Da fällt von des Altans Rand/ein Handschuh von schöner Hand/zwischen den Tiger und den Leun/ mitten hinein“ – dann fordert das Fräulein Kunigund ihren Ritter kokett auf, ihr den Handschuh aus dem Zwinger hochzuholen.
„Da fällt von des Altans Rand/ein Handschuh von schöner Hand/zwischen den Tiger und den Leun/ mitten hinein“ – dann fordert das...Foto: istock

Sie kann die „Loreley“. Sie kann „Die Bürgschaft“. Sie kann auch Kästners „Entwicklung der Menschheit“: „Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt/Behaart und mit böser Visage …“ Man bittet meine Mutter mitten in einem Gespräch übers Wetter, den „Archibald Douglas“ von Fontane zu rezitieren. Sie tut es, fehlerlos. Warum nicht auch den „Ribbeck von Ribbeck im Havelland“? Den „Knaben im Moor“ von Annette von Droste-Hülshoff? Den „Erlkönig“?

Meine Mutter ist 90 Jahre alt, und sie kann alle diese Gedichte auswendig hersagen. Nein, mehr als hersagen, vortragen: Da ist kein Leiern dabei, kein monotones Runterbeten. Sie kennt sie inwendig und auswendig, kennt die kleinen Verzögerungen und Betonungen, die dem Ohr schmeicheln, den Text lebendig werden lassen.

Mein Hirn ist ein Durchlauferhitzer

Und ich? Weiß nach 20-jähriger Partnerschaft nicht mal die Handynummer meines Lebensgefährten. Muss alles aufschreiben, was ich mir merken möchte. Vergesse, was mir die Steuerberaterin gestern erklärt hat, erinnere mich nicht, wo ich meinen Schirm hingelegt habe. Mein Hirn ist ein Durchlauferhitzer, da brodelt und kocht es permanent, aber es bleibt nichts hängen.

Natürlich rechtfertige ich mich. Heutzutage braucht doch kein Mensch mehr etwas auswendig zu wissen, wir haben ja Google! Wir nehmen täglich so viele Informationen auf, dass es grotesk wäre, sich das alles merken zu wollen, im Gegenteil, das Gedächtnis muss entlastet, ständig durchgespült und entleert werden, damit es am nächsten Tag überhaupt noch zur Reizverarbeitung fähig ist.

Außerdem, wenn ich mir schon wichtige Fakten nicht merken kann, wieso sollte ich meinen Kopf ausgerechnet mit Gedichten belasten? Wo soll ich die Zeit hernehmen, mir diese Zeilen einzuprügeln? Geht das überhaupt – mehr als zwei Strophen behalten?

Meine Mutter sagt, sie habe die meisten Gedichte in ihrer Kindheit, in der Schule gelernt, auf der Nonnenschule im Rheinland war das so üblich. Während meine Großmutter, Jahrgang 1904, noch das ganze Schillersche „Lied von der Glocke“ lernen musste und auch konnte, fanden die Nonnen das für die Generation meiner Mutter schon zu lang.

Zu lang? Ich kann nichts dafür!

Aber Gedichte mit bis zu einem Dutzend Strophen mussten die Mädels auswendig lernen, das war normal und diente auch dazu, einen gemeinsamen Schatz von Literatur und Zitaten zu schaffen. Diese Gedichte haben sich ins kindliche Hirn gebrannt und bleiben ein Leben lang.

Im Englischunterricht hat meine Mutter lange Shakespeare-Passagen auswendig gelernt, sie weiß noch jeden Satz der Rede des Marcus Antonius am Grabe Julius Cäsars: „But Brutus is an honorable man ...“. Noch ein Grund für unsereins, sich rauszureden. Ich habe in Kindergarten und Grundschule vielleicht ein paar Weihnachtsgedichte gelernt, im Gymnasium dann den „Erlkönig“, vielleicht den „Panther“ von Rilke, und damit hatte es sich. Kann nichts dafür!

So dachte ich bis vor ungefähr einem halben Jahr. Dann – ich hatte gerade begonnen, öfter mal das Wörtchen „Demenz“ zu googeln, wenn ich wieder was vergessen hatte – schenkte mir eine Bekannte den Kästner-Band „Sonderbares vom Kurfürstendamm“ mit Betrachtungen und Gedichten über Berlin.

Kästner, dachte ich, dessen Gedichte hat meine Mutter lange nach ihrer Schulzeit gelernt, aus ihrem 1000-seitigen „Großen deutschen Gedichtbuch“ von Karl Otto Conrady. Das müsste mir doch gelingen!

Ein kurzes Gedicht - ich tat mich dennoch schwer.

Also versuchte ich mich an dem kurzen Opus „Sozusagen in der Fremde“: „Er saß, in der großen Stadt Berlin/an einem kleinen Tisch./Die Stadt war groß auch ohne ihn/Er war nicht nötig, wie es schien/Und rund um ihn war Plüsch.“ Der junge Mann sitzt einsam im Café, streicht das Tischtuch glatt, hat das Leben satt, aber dann, in der fünften Strophe, kommt die Wendung.

Er steht, in der Stadt Berlin, auf vom kleinen Tisch: „Keiner dieser Menschen kannte ihn?/Da fing er an, den Hut zu ziehen!/Not macht erfinderisch.“ Es ist ein kleines, unauffälliges Gedicht mit einer einfachen Botschaft, und trotzdem, ich tat mich schwer. So ungewohnt!

Wie lernt man Gedichte auswendig? Meine Mutter sagt, sie orientiere sich am Reim, Gedichte, in denen keine Reime vorkommen, lernt sie nicht. Der englische Dichter Ted Hughes (1930-1998), Ehemann von Sylvia Plath, empfahl, sich für jede Gedichtzeile ein Bild einzuprägen und es in einem imaginären Haus abzulegen, angelehnt an die Mnemotechnik der alten Griechen und Römer.

In einer Lyrik-Anthologie mit dem Titel „By Heart“ unterscheidet Hughes das „learning by rote“, das mechanische Auswendiglernen, vom „learning by heart“, dem Sich-Anverwandeln, Sich-Zueigenmachen. Ein schöner Ausdruck, „by heart“: Man hat die Gedichte nah am Herzen.

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