Prominenten-Hacker : Der Mann, der Hollywood in Angst versetzte

Er ist arbeitslos, langweilt sich und hackt aus einer Laune heraus das E-Mail-Konto von Scarlett Johansson. Das weckt seinen Jagdtrieb. Jahrelang spioniert Christopher Chaney Prominente aus.

Claas Relotius
Es war ein Kinderspiel für Christopher Chaney die Passwörter der Stars zu knacken.
Erstabdruck in Reportagen, das unabhängige Magazin für erzählte Gegenwart. Kostenfreies Ansichtsexemplar bestellen:...Illustration: Uli Knörzer für den Tagesspiegel

Christopher Chaney hatte sich, so gut es ging, zurechtgemacht, ehe er seinem prominentesten Opfer zum letzten Mal gegenübertrat. Es war an einem Montagmorgen in einem verdunkelten Gerichtssaal in Jacksonville, Florida.

Chaney trug ein orangefarbenes Sträflingshemd, eine randlose Brille und einen sauber gestutzten Bart. Er wollte einen gepflegten Eindruck hinterlassen, wollte den Geschworenen zeigen, dass er nichts Böses oder Gefährliches an sich habe. Dass er nicht der Geisteskranke sei, den die Leute in ihm sehen. Chaney gegenüber, auf einer mannshohen Leinwand neben der Anklagebank, prangten wie leuchtende Beweismittel die Fotos, die seinen Namen im ganzen Land bekannt gemacht hatten.

Die Blicke der Anwesenden fielen auf die Selbstporträts einer jungen Frau mit blondem Haar und zartem, beinahe mädchenhaftem Gesicht.

Das erste Bild zeigte, wie sie sich auf einem Hotelbett räkelte und ihre Brüste fotografierte. Das zweite war eine Großaufnahme ihres Intimbereichs. Auf dem dritten Bild posierte sie vor einem Badezimmerspiegel und schürzte lasziv ihre Lippen, während sie sich über die Schulter hinweg mit einer Handykamera ablichtete. Sie war dabei nur lose mit einem Handtuch bekleidet, und im Spiegel schimmerte die nackte Rückseite ihres Körpers.

In Druckbuchstaben unter den Fotos stand: Scarlett Johansson.

Die Bilder der Hollywoodschönheit waren um die Welt gegangen, sie hatten im Netz und auf den Titelseiten zahlloser Klatschmagazine für Aufsehen gesorgt, aber es waren nicht die einzigen, die Chaney gestohlen hatte. Am Ende seiner Taten verfügte er über ganze Ordner, die voll waren mit den Privatfotos Dutzender Berühmtheiten; Johanssons zählten nur zu den intimsten.

Chaney hatte zehntausende E-Mails von Hollywood-Stars gesammelt

Drei Jahre lang hatte Christopher Chaney die E-Mails von Hollywoodstars gelesen, die persönlichen Nachrichten, die sie ihren Liebhabern, Familien und engsten Vertrauten sendeten. Zehntausende waren es, und er hatte sie gesammelt, ausgedruckt und wie Karteikarten nach Namen sortiert.

Die Fotos waren nicht alles, was er den Stars raubte. Chaney stahl auch jedes ihrer Geheimnisse. Er wusste Bescheid, was hinter den Kulissen der Filmwelt vor sich ging. Er wusste, wer wen liebte. Er wusste, wer wen hasste. Er war im Bilde darüber, welcher Produzent aus einer Entzugsklinik geflohen war, welcher Regisseur eine heimliche Affäre mit welchem Darsteller pflegte und wie das Drehbuch ihres nächsten gemeinsamen Films aussah.

Er kannte all die geheimen Pläne, die verbotenen Wünsche, die schmutzigen Lügen und Intrigen, die sich hinter der Fassade Hollywoods verbargen.

Wie es einem arbeitslosen Vorstädter gelang, Hollywoods Geheimnisse zu lüften

Christopher Chaney, 37, hatte nie geplant, die E-Mail-Konten prominenter Menschen zu durchforsten und wie ein Einbrecher in deren Intimsphären einzudringen. Er hatte nie die Absicht gehabt, ihre Privatfotos zu stehlen, um diese auf illegalen Netzseiten zu verbreiten. Er wollte nie bekannt werden als der Mann, der Hollywood hackte.

So hieß es vor Gericht, im Schlussplädoyer seines Verteidigers, und doch: In Chaneys Augenhöhlen, grauen Abgründen, funkelt es noch heute, wenn er erzählt, wie es ihm, einem arbeitslosen Vorstädter aus Jacksonville, Florida, gelang, vom Computer seines Schlafzimmers aus am Alltag der aufregendsten Persönlichkeiten des Showgeschäfts teilzuhaben.