Psychologie des Geldes : "Die Menschen hängen am Bargeld"

Claudia Hammond hat herausgefunden: Was geht in uns vor, wenn wir das Portemonnaie öffnen? Von Hamster-Typen, Pfennigfuchsern und Cash-Splashern.

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Finanzen im Griff? Geld wirkt im Gehirn wie Drogen, sagt Claudia Hammond, deshalb sollten wir damit klug umgehen.
Finanzen im Griff? Geld wirkt im Gehirn wie Drogen, sagt Claudia Hammond, deshalb sollten wir damit klug umgehen.Foto: Patrick Pleul/dpa

Frau Hammond, Sie haben zwei Jahre für Ihre „Psychologie des Geldes“ recherchiert, 250 Studien ausgewertet. Hat sich Ihr Verhältnis zum Geld dadurch verändert?

Schon, beispielsweise kaufe ich heute nicht mehr im mittleren Preissegment.

War Ihr Buchvertrag so gut dotiert?

Ich nehme jetzt oft das billigste Produkt. Durch meine Recherche ist mir bewusst geworden, dass Händler die teuersten Modelle nur ausstellen, weil das den zweitteuersten den Anschein gibt, als gehörten sie zur mittleren Preisklasse. Unzählige Untersuchungen beweisen, dass viele Kaufentscheidungen auf dem sogenannten Kompromisseffekt basieren. Es hat sich ja oft im Leben als vernünftig erwiesen, Extreme zu vermeiden, den Mittelweg zu wählen. Geschäftsleute machen sich das zunutze, sie stellen das extrawattierte Toilettenpapier und den besonders ausgefeilten Computer nur ins Regal, um zu verhindern, dass die Leute zum billigsten Produkt greifen.

Welche Richtung der Psychologie verfolgen Sie? Keine Psychoanalyse…

…nein. Mir geht es um beweisbare Ergebnisse aus wissenschaftlichen Studien.

Am meisten hat mich die Untersuchung überrascht, bei der Tresenkräfte ihr Trinkgeld um 150 Prozent steigerten, angeblich, indem sie die Gäste zuvor angefasst hatten…

…nur leicht am Oberarm berührt. Zwei französische Psychologen haben den Effekt in einer Bar in der bretonischen Küstenstadt Vannes beobachtet.

In Deutschland gilt Körperkontakt mit Fremden als aufdringlich. Ist dieser Trick vielleicht nur in Frankreich anwendbar?

Das Experiment wurde in England wiederholt, und es funktionierte auch dort. In einer anderen Studie brachten Kellner die Rechnung auf herzförmigen Tellern, auch ihnen haben die Gäste mehr Trinkgeld gegeben. Wir halten uns alle für sehr vernünftig in Gelddingen, und doch sind wir unterschwellig stark beeinflussbar.

Antje Rávic Strubel

Antje Rávic Strubel, 43, lebt als Schriftstellerin in Potsdam. Nach einer Ausbildung zur Buchhändlerin in Berlin studierte sie in Potsdam und New York Literaturwissenschaften, Amerikanistik und Psychologie. Ihr erster Roman "Offene Blende" erschien 2001. Antje Rávic Strubel hat als Journalistin, Literaturdozentin und Übersetzerin aus dem Englischen gearbeitet. Ihren Roman "Kältere Schichten der Luft" hat sie 2007 in ihrem Sehnsuchtsland Schweden angesiedelt. Im vergangenen Jahr kam ihr siebter Roman „In den Wäldern des menschlichen Herzens“ (S. Fischer) heraus.

Claudia Hammond, 45, schreibt in ihrem neuen Buch, wie Geld unser Denken und unsere Gefühle beeinflusst.
Claudia Hammond, 45, schreibt in ihrem neuen Buch, wie Geld unser Denken und unsere Gefühle beeinflusst.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Der deutsche Soziologe Georg Simmel schrieb bereits vor über 100 Jahren „Zur Psychologie des Geldes“. Geld, heißt es darin, trete an die Stelle von Gott. „Das Gefühl von Ruhe und Sicherheit, das der Besitz von Geld im Gegensatz zu allem sonstigen Besitz gewährt, entspricht psychologisch demjenigen, welches der Fromme in seinem Gott findet.“ Was hat sich seitdem verändert?

Geld nimmt einen immer zentraleren Platz in der Gesellschaft ein, das bedingt der Kapitalismus. Drei Viertel der amerikanischen Studenten sagten in einer Umfrage, dass es ihnen sehr wichtig sei, finanziellen Wohlstand zu erreichen. Doppelt so viele wie 30 Jahre zuvor.

Beim Zustand des amerikanischen Sozialsystems ist das verständlich. Warum übt Geld darüber hinaus so eine große Faszination aus?

Geld aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn genauso wie Drogen oder Süßigkeiten. Der Neurotransmitter Dopamin wird ausgeschüttet. Das Besondere am Geld ist, dass das Glückshormon bereits freigesetzt wird, wenn ein Betrag auch nur in Aussicht gestellt wird. Bekommt jemand für einen späteren Zeitpunkt Schokolade versprochen, hat das nicht denselben Effekt.

Was fasziniert Sie persönlich am Geld?

Geld als solches begeistert mich nicht besonders. Mich fasziniert das psychologische Konstrukt. Ein Geldschein ist ja im Grunde nur ein Stück Papier – ohne eigenen Wert, wie ihn zum Beispiel Edelmetalle haben. Doch der Schein ist ein Versprechen, dass ihn jemand gegen etwas eintauschen kann, und das Versprechen funktioniert, weil wir alle daran glauben. Ich habe gerade einen Inlandsflug in Vietnam gebucht. Da muss ich in ein paar Wochen beruflich hin. Ich kann annehmen, dass das Flugzeug da steht, dass es abhebt und die Besatzung bezahlt wird. Geld ist die Kommerzialisierung von Vertrauen.

Sie schreiben in Ihrem Buch über Experimente, bei denen den Versuchspersonen Geldbündel nur gezeigt wurden, und prompt veränderten sie sich. In der Regel wurden sie fieser.

Ja, Priming-Versuche. Eine gängige Methode der Psychologie. Durch einen Schlüsselreiz, hier das Geldbündel, werden Gedächtnisinhalte aktiviert, die das Verhalten beeinflussen. In einer Studie musste beispielsweise ein Teil der Probanden Geld zählen, eine anderer Teil nicht. Ein Mitarbeiter war instruiert worden, anschließend einen Stift fallen zu lassen, und die Versuchsleiter haben geguckt, wer ihn aufhebt. Dabei kam heraus: Menschen sind weniger hilfsbereit, wenn sie vorher Geld gezählt haben.

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