Rechtswidrige LPG-Umwandlungen : Pflug und Trug in der Provinz

Auf den ersten Blick ist es eine Provinzposse um ein Güllefass in Mecklenburg. Doch dann zeigt sich: Hier, wo die LPGs ab 1990 privatisiert wurden, herrschen die alten DDR-Eliten.

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Kreuzung der Unwahrscheinlichkeiten. An dieser Stelle soll der Gülletank stehen, gegen den eine Bürgerinitiative demonstriert.
Kreuzung der Unwahrscheinlichkeiten. An dieser Stelle soll der Gülletank stehen, gegen den eine Bürgerinitiative demonstriert.Foto: Mike Wolff

„Besonders intensiv kann die Geruchsbelästigung dann werden, wenn Gülle nach längerer Lagerung aufgerührt wird.“ Josef Galler: „Gülle: Anfall, Lagerung, Verwertung, Umwelt“. Leopold-Stocker-Verlag, 1989.

Dass es gärt hier oben, hatte der Aufrührer schon mitbekommen, als er Anfang der 1990er Jahre hergezogen war. Er hatte Gesprächen zugehört, beim Feierabendbier, auf der Straße, bei Besuchen beim Bürgermeister. Es ging um die Landwirtschaft in seiner neuen vorpommerschen Heimat und darum, dass ausgerechnet die alten Ackerherren die neuen geblieben sind. Dass sie flächendeckend Rechtsbruch begangen haben sollen, damals, als anstand, den DDR-Sozialismus in den Kapitalismus der Bundesrepublik zu verwandeln. Kleine Bauersleute wurden übervorteilt von den wenigen Großen, hier im einstigen DDR-Bezirk Rostock, längst Teil des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern.

Heute sagt der Aufrührer: „Eine Zeitbombe, habe ich gedacht damals.“ Er hatte keine Ahnung, dass die Bombe auch im restlichen Ostdeutschland tickte. Und erst recht ahnte er nicht, einmal derjenige zu sein, der eine Explosion auslöst.

Üblicherweise ist man hier allein

Karl Valta heißt der Mann, und er hat eine Bürgerinitiative gegründet. Nun steht er an einer Alleenkreuzung im Nichts zwischen Anklam und Wolgast und hält ein Transparent in die Luft. Ein düsterer Ort ist das im Winter – Dunst und Nebel ziehen durch Baumskelette –, im Sommer zeigt sich ein Bilderbuch-Vorpommern. Alles ist Licht, und alles ist dann grün. Tourismus-Werber lassen Fotos machen, wenn die Sonnenstrahlen durchs Laub flimmern. Üblicherweise ist man hier allein.

Valta hat an dieser Stelle Füchsen dabei zugesehen, wie sie einander vor den Menschen warnten. Eine Fähe und ihre Jungen drückten die Nasen aufs Pflaster und schauten sich immer wieder an. Sie müssen über den Jäger gesprochen haben, der dort ausgeharrt hatte, die Flinte über der Schulter, den Feldstecher vorm Gesicht. Die Alte ermahnte die Kinder, wem sie besser aus dem Weg gehen.

Eine weiße Wildsau erschien Valta hier ebenfalls. Es hatte Gerüchte gegeben, in der Gegend treibe sich ein Albino herum, und dann, eines Abends, leuchtete ihm das Tier Valta in der Dämmerung entgegen.

Die Zahl 1700 ist eine Sensation

Die Kreuzung der Unwahrscheinlichkeiten, Valtas Haus liegt einen halben Kilometer entfernt. Er fährt täglich sechs, acht Mal über sie hinweg, den Blick aufs schiefe Pflaster gerichtet. An diesem Nachmittag ist er wieder da, stoppelbärtig, bebrillt und stämmig, eine Schiebermütze auf dem Kopf. Diesmal von Menschen umgeben. Auf dem Transparent steht: „Über 1700 Unterschriften gegen das Großgüllelager im Lassaner Winkel“.

Das Fernsehen filmt, die Zeitung schreibt, die Zahl 1700 ist eine Sensation. 1700 Namen auf Unterschriftenlisten, mehr, als das namensgebende Küstenstädtchen Lassan und seine Nachbardörfer Einwohner haben, hat Valtas Bürgerinitiative zusammengetragen.

Sie sind gegen einen runden Behälter, der am Rand der Kreuzung errichtet werden soll. Vorgesehen ist er zum Lagern des Abfalls eines Milchkuhstalls, für Kuhdung also, der erst in einer Biogasanlage vergären und schließlich hier in einem 6000 Kubikmeter fassenden Bottich landen soll, auf dass er am Ende die umliegenden Felder fruchtbar mache. Sie sind gegen den Gestank, den sie befürchten, und gegen das, was sie für die Selbstherrlichkeit des großen, ihre Gegend beherrschenden Landwirtschaftsbetriebes halten. Eine ostdeutschlandweit verbreitete Selbstherrlichkeit und Gesetzlosenattitüde, deren Ursprung sie in der Zeit nach dem Mauerfall vermuten.

Es ging um die Fläche der halben DDR

Gorbatschow hatte seinen Satz vom Zuspätkommen und der Strafe gesagt, Leipziger hatten montags demonstriert, Ost-Berliner den Schlagbaum an der Bornholmer Straße aufgedrückt. Die halbe Welt war aus den Fugen und fügte sich neu. In der DDR wurde eine letzte Wahl abgehalten und spätestens damit ihr Untergang besiegelt. Der Sozialismus würde bald vorüber sein und Deutschland wieder eins. Gesetze traten in Kraft, die den Epochenbruch in Bahnen lenken sollten. An Vorpommerns Küste setzte sich ein Bauernfunktionär an den Schreibtisch, schuf Fakten. Die Bombe war scharf.

Um die DDR-Agrarindustrie an die Verhältnisse in der Bundesrepublik anzupassen, mussten deren Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften abgewickelt und in eine andere Rechtsform überführt werden.

Es ging um mehr als 4000 Betriebe und – laut erstem Bundesregierungsbericht zum Stand der Deutschen Einheit – um mehr als fünf Millionen Hektar Land. Es ging um die Fläche der halben DDR, um die Hälfte eines ganzen Landes, Hessen beispielsweise würde zweieinhalbmal darauf Platz finden.

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