Regisseur Werner Herzog : "Es gibt keine Formel für Wahrheit"

Werner Herzog ist einer der wichtigsten Filmemacher. Hier erklärt er, warum Geld träge und dumm macht – und er Angst vor seinem Spiegelbild hat.

Claas Relotius
Herzog 2009 mit Nicolas Cage und Eva Mendes am Set von "Bad Lieutenant: Cop ohne Gewissen".
Herzog 2009 mit Nicolas Cage und Eva Mendes am Set von "Bad Lieutenant: Cop ohne Gewissen".Foto: Cineliz/Allpix/laif

Herr Herzog, Sie leben seit mehr als 20 Jahren in Los Angeles. Bei öffentlichen Auftritten sieht man Sie seither fast immer in bayerischer Tracht. Sind Sie im Ausland zum Patrioten geworden?

Ich mag diese Kleidung, weil sie bequem ist. Aber der Grund, weshalb ich sie trage, ist vor allem, dass ich in der ganzen Welt als deutscher Filmemacher gelte. Dabei bin ich ein essenziell bayerischer Filmemacher.

Worin besteht der Unterschied zwischen der deutschen und der bayerischen Art, einen Film zu drehen?
Dasselbe fragte mich vor Kurzem ein Freund in Los Angeles, und ich kam plötzlich ins Schwitzen. In Amerika ist dies noch schwieriger zu erklären.

Was haben Sie denn geantwortet?
Na ja, dass die Bayern in Deutschland so etwas sind wie die Schotten in Großbritannien. Dass sie etwas Erdverwachsenes, Naturgewaltiges und zugleich sehr Herzliches in sich tragen, das man andernorts nicht finden kann. Man muss nicht allzu genau hinsehen, um dies in meinen Filmen zu erkennen.

Sie sind in München geboren, haben aber den Großteil Ihrer Kindheit in einem kleinen Bergdorf in den Alpen verbracht.
Ich war zwei Jahre alt, als München bombardiert wurde. Das Haus, neben dem wir wohnten, wurde eines Tages komplett zerstört, krachte genau in unseres hinein. Meine Mutter zog mich als Kleinkind aus den Ruinen. Sie war von diesem Tag an so verängstigt, dass sie mit mir und meinen Geschwistern in die Berge ging. Dort sind wir die nächsten elf Jahre geblieben.

Wie haben Sie dort gelebt?
Wir hatten kaum Geld, wohnten in einer schlichten Hütte. Es gab dort weder Strom noch Toiletten oder fließendes Wasser. Es war ein ziemlich einfaches Leben, das sich heute nur noch wenige Menschen in Europa vorstellen können. Bis ich zwölf war, hatte ich keine Ahnung davon, was ein Fernseher ist. Von Filmen wusste ich nicht einmal, dass sie existieren. Meinen ersten Telefonanruf machte ich mit 17.

Ist es ein Fluch oder ein Segen, so aufzuwachsen?
Für mich war es das größte Glück. Landschaften prägen Menschen. Sie werden zu Landschaften des Inneren, zu Erschütterungen der Seele. Im Dschungel wacht der Fiebertraum, in der Wüste die Hitze und Leidenschaft. In den Bergen wohnt die Sehnsucht. Die Weite des Horizonts macht etwas mit einem.

Auf dem Sundance Filmfestival. Herzog realisierte zahlreiche, preisgekrönte Dokumentarfilme, darunter "Grizzly Man" (2003), und "Tod in Texas" (2011).
Auf dem Sundance Filmfestival. Herzog realisierte zahlreiche, preisgekrönte Dokumentarfilme, darunter "Grizzly Man" (2003), und...Foto: WireImage
Werner Herzog

Der Regisseur wurde 1942 in München geboren und wuchs bei seiner alleinerziehenden Mutter im bayerischen Dorf Sachrang auf. In den 1950er Jahren zog die Familie zurück nach München, wo er sein Abitur machte, Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaft studierte und, im Alter von 20 Jahren, seine eigene Produktionsfirma gründete. Für seinen ersten Spielfilm "Lebenszeichen" (1968) erhielt er den Deutschen Filmpreis und den Silbernen Bären der Berlinale. Darauffolgende Werke waren auch international erfolgreich und begründeten seinen Ruf als außergewöhnlicher Autorenfilmer. Zuletzt drehte er "Salt and Fire" mit Veronica Ferres. Er ist verheiratet und lebt in Los Angeles und München.

Was hat sie mit Ihnen gemacht?
Sie hat mir Fantasie eingepflanzt. Wer permanent auf die Spitze eines Berges blickt, der wird sich immer fragen, was wohl dahinter liegen mag. Und wer die Antwort nicht kennt, der beginnt, sich seine eigenen Antworten auszumalen.

Haben Sie die Größe der Welt erahnt?
Ich habe in erster Linie ihre Vielfalt erahnt, denn ich habe unglaublich viel gelesen. Auch das war ein Segen, weil ich noch heute davon zehre.

Wen haben Sie gelesen?
Erst Karl May, später dann Hemingway, Joseph Conrad, John Steinbeck, solche Sachen. Kinder, die heute groß werden, tun mir leid, weil das, was für sie die Welt ausmacht, nur noch winzige, gedankenleere Schnipsel auf Twitter oder Youtube sind. Sie werden nicht mehr die Erfahrung machen, wie es ist, die Welt durch intensive Beschreibungen zu begreifen. Wenn ich in Kalifornien Seminare an Filmakademien gebe, sage ich den jungen Leuten vor allem dies: Lest, verdammt noch mal! Wer nicht liest, wird nie ein guter Regisseur.

Sie haben später selbst Bücher geschrieben. „Die Eroberung des Nutzlosen“, ein Tagebuch, das Sie während der Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“ führten, sei besser als jeder Ihrer Filme, haben Sie einmal gesagt.
Das kann ich so nicht stehen lassen. Ich habe nur gesagt, dieses Buch wird mich eher überdauern als meine Filme. Das ist ein Unterschied.

Gilt dies auch für Ihr 1974 veröffentlichtes Werk „Vom Gehen im Eis“, eine Meditation über das Wandern, Leben und Sterben?
Das wäre doch schön, wenn es so käme.

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