Das Altimeter zeigt 2300 Meter an

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Reise im Heißluftballon : Ab ins Körbchen
Buntes Völkchen. Gerade einmal 4000 Ballonpiloten gibt es weltweit, die meisten davon kommen aus Deutschland.
Buntes Völkchen. Gerade einmal 4000 Ballonpiloten gibt es weltweit, die meisten davon kommen aus Deutschland.Foto: TVB Tannheimer Tal / Meurer Achi

Ein Dienstag im Januar. Rudi Höfer steht lange vor Sonnenaufgang auf und bereitet sich auf das Briefing vor, die Instruktion der Piloten, was Windstärke, Drift und mögliche Widernisse betrifft. Schon bei der geringsten Aussicht auf Nebel, Schnee oder Regen lässt er niemanden aufsteigen, aber diese Gefahr besteht im Wetterloch des Tannheimer Tals eher selten. „Was glauben Sie, wie oft wir aus den Nachbartälern zu hören bekommen: ‚Was denn, ihr habt Sonne? Bei uns ist alles wolkenverhangen!‘“

Bernhard Langhans braucht eine halbe Stunde und sechs helfende Hände, um seinen orange leuchtenden Ballon aufzurichten. Ein Propangasbrenner erhitzt die Luft auf gut 100 Grad Celsius, und dann kommt über Funk auch schon Rudi Höfers Startgenehmigung. Schnell gewinnt der Aggenstein an Höhe. Mag sein, dass es draußen ungemütlich weht, aber weil sich der Ballon immer exakt im Tempo des Windes bewegt, zieht er seine himmlische Spur so ruhig wie ein Ruderboot auf einem stillen Waldsee. Draußen hat es Minusgrade, doch im Korb verbreitet die vom Brenner aufgeheizte Luft wohlige Wärme.

Ganz weit links ist der Bodensee zu erahnen, rechts schiebt sich kurz die Zugspitze ins felsige Panorama. Immer höher steigt der Ballon, schon nach einer halben Stunde zeigt das Altimeter 2300 Meter an. Wohlwollend nimmt Langhans zur Kenntnis, dass ihn der Wind ziemlich genau in Richtung Neuschwanstein treiben wird.

Der Einfluss des Piloten ist begrenzt und reduziert sich auf das Vertikale mittels Abkühlen oder Zufuhr heißer Luft durch den Propangasbrenner, womit er den Ballon dann doch indirekt lenkt, denn Tempo und Richtung des Windes variieren in unterschiedlichen Höhen. „Die Ballons stehen noch auf derselben Stufe wie die Schiffe vor der Erfindung des Dampfes. 6000 Jahre hat man gebraucht, um Schaufelräder und Schrauben zu ersinnen, wir können also noch eine gute Zeit warten.“ So hat es Jules Verne in seinem visionären Roman „Fünf Wochen im Ballon“ vor 150 Jahren formuliert.

Das Gottvertrauen in den Ballon wächst mit jeder Minute

Diese Erkenntnis gilt bis heute, und auch an der damals zusammenfantasierten Konstruktion des Gefährts hat sich wenig geändert. Vernes Helden überquerten Afrika von Sansibar bis nach Senegal in einem Weidenkorb, dem von Bernhard Langhans nicht unähnlich. Für die Ballonhülle wählte Verne Lyoner Seide, überzogen mit Guttapercha, dem getrockneten Milchsaft des gleichnamigen Baumes. Das war eine revolutionäre Eingebung zu Zeiten, da die Welt noch die flatternden Papierballons der Brüder Montgolfier bestaunte. Heute verwendet man eine mit Polyurethan luftdicht versiegelte Kunststofffaser. Auch ein Brenner war bei der Afrika-Querung schon an Bord, er füllte und erhitzte den Wasserstoffballon, was in der Realität doch ein bisschen zu gefährlich wäre.

Jules Vernes Abenteurer ließen sich über Afrika von Elefanten ziehen und wurden von Vögeln attackiert. Bei Bernhard Langhans kleiner Alpen-Passage wird die einheimische Fauna durch fünf, sechs versprengte Gämse repräsentiert, sie tapsen scheu durch den Schnee und sind ein gefragtes Fotomotiv. Bereitwillig lehnen sich die drei mitreisenden Passagiere auf die gut einen Meter hohe Wand des Korbes. Ja, das Gottvertrauen in den Ballon wächst mit jeder Minute. Anders ließe es sich auch nicht ertragen, dass der Pilot alle 20 Minuten eine neue Propangasflasche an den Brenner anschließen muss, wobei er einen schon mal unsanft zur Seite drückt. „Alles nicht böse gemeint“, sagt Langhans, aber er sei nun mal der Chef im Korb, und jeder Rempler liege nur im Interesse seiner Passagiere.

Ballonfahren ist eine hochkomplexe Angelegenheit und in seiner finalen Phase auch der Entschleunigung verpflichtet. In luftiger Höhe kann der Wind einen Ballon schon mal mit 150 Sachen über die Berge blasen, aber bei der Landung hat Ruhe zu herrschen. Gut 20 Stundenkilometer, Windstärke 4, sind kein Problem für einen erfahrenen Piloten. Ein letztes Mal röhrt der Brenner, und nach zwei viel zu kurzen Stunden über den Gipfeln sinkt der Aggenstein fast zärtlich auf eine verschneite Wiese.

Schön war’s: 25 Kilometer im himmlisch unkontrollierten Grenzverkehr von Österreich nach Deutschland, ganz ohne den Segen Horst Seehofers und seiner CSU.

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