Reise : Verirrt in Yr Ysgwrn

Diese Frage begleitet einen hier ständig: Wo bin ich? In Plas Tan y Bwich, in Abergynowyn oder doch schon in Aberystwyth? Fest steht: In der Geschichte von Wales geht es zu wie in Game of Thrones!

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Mittelalterlich. In Caernarfon wurde Charles zum Prince of Wales gekrönt.
Mittelalterlich. In Caernarfon wurde Charles zum Prince of Wales gekrönt.Foto: Austilat

Diese Frage begleitet einen hier ständig: Wo bin ich? In Plas Tan y Bwich, in Abergynowyn oder doch schon in Aberystwyth? „So ging es mir in Japan“, sagt ein guter Bekannter. Aber das hier ist Wales, das Land der Legenden, wie die Leute stolz behaupten.

Bill O’Keefe, Geschichtslehrer aus Cardiff, sagt, wir seien weder in Abergynowyn noch in Aberystwyth, sondern in Yr Ysgwrn – was so ähnlich klingt wie Öhrskwirrin. Ein winziger Ort am Fuße des Snowdonia Nationalparks mit seinen 1000 Meter hohen Bergen, eine Pilgerstätte für Waliser. Was auch mit der walisischen Sprache zu tun hat, die beinahe ausgestorben war.

Die Waliser sind stolz auf diese Sprache, die mit dem Englischen so rein gar nichts gemein hat, dafür eher mit dem Bretonischen. Es ist die lebendigste der keltischen Sprachen. Rund ein Fünftel der drei Millionen Einwohner zwischen Cardiff und Angelsey verwendet sie im Alltag. Tendenz steigend. Und das, obwohl das Walisische noch in den frühen 1960ern im Straßenbild praktisch verschwunden war.

Eigentlich ist Yr Ysgwrn nicht viel mehr als eine 200 Jahre alte Bauernkate, um die Schafe streichen. Lieblich gelegen, zwischen sanften Hügeln, so grün, wie man sie von Modelleisenbahnen kennt. Der Kontrast zum schroffen Snowdon könnte größer nicht sein. In dieser Kate hier wurde Hedd Wyn geboren.

Der Farmerjunge hegte einen großen Traum

„Habt ihr auch einen Dichter wie unseren Hedd Wyn“, will Emma wissen, die in der guten Stube Kuchen serviert. Eine Wohnküche mit polierten Kupferkesseln und Blümchentapete.

In Wales ist die Erinnerung an Hedd Wyn allgegenwärtig. Er war ein Farmerjunge, der sich in den Kopf setzte, einmal beim Eisteddfod, dem walisischen nationalen Dichterwettbewerb, auf dem hölzernen Stuhl sitzen zu dürfen, eine Ehre, die nur dem besten Barden gebührt.

Wilde Landschaften. Snowdonia mit seinen 1000 Meter hohen Bergen ist der größte Nationalpark in Wales.
Wilde Landschaften. Snowdonia mit seinen 1000 Meter hohen Bergen ist der größte Nationalpark in Wales.Foto: Andreas Austilat

Wahrscheinlich wird seine Geschichte oft erzählt werden, wenn sich auch in diesem Jahr wieder Sänger, Dichter, Künstler und Handwerker in der ersten Augustwoche zum nationalen „Eisteddfod“ versammeln – dem walisischen Kulturereignis. Gastgeber wird das Dorf Bodedern auf der Insel Anglesey sein, im äußersten Nordwesten von Wales. Wer nicht dort ist, geht nach Yr Ysgwrn, auf die Farm im Snowdonia Nationalpark. Weshalb sie gerade erst so liebevoll rekonstruiert wurde.

Dichter und Barden sind wichtig in einem Land, das seine Sprache gerade erst wiederentdeckt hat. Inzwischen sei es von Vorteil, wenn man Walisisch beherrsche, sagt Bill O’Keefe. Waliser Behörden schätzten die Zweisprachigkeit.

In der Geschichte von Wales geht es zu wie in "Game of Thrones"

Hedd Wyn schrieb ein Gedicht, das von der Liebe handelt, von der Schönheit der Natur, von Freiheit und Gerechtigkeit. Ein Gedicht also, das vom Leben in den Hügeln erzählte. Er wollte nicht in den Ersten Weltkrieg und ging auf Bitten seines Vaters doch, weil es sonst den jüngeren Bruder getroffen hätte. Er trug die Uniform kaum zwei Monate, dann fiel er in Flandern. Doch sein Gedicht gewann 1917 den „Eisteddfod“. Als die Leute erfuhren, dass der Urheber tot war, verhüllten sie den Stuhl mit schwarzem Tuch.

Die Geschichte fügt sich gut in dieses Land, das so empfänglich für Melancholie ist. Das mag mit dem Wetter zu tun haben – die Grundfeuchte garantiert das satte Grün auf den geschwungenen Hügeln. Es mag auch mit der Geschichte zu tun haben, in der es zugeht wie in „Game of Thrones“. Nicht schön, für die, die dabei waren. Doch dem heutigen Wales bescherte diese Abfolge von Mord und Totschlag einige seiner größten Sehenswürdigkeiten. Wales ist das Burgenland schlechthin. Mehr als 400 sollen es sein. Nirgendwo sonst gibt es, bezogen auf die Fläche, derart viele alte Festungen, darunter die spektakulärsten des Mittelalters.

Los ging es mit den Römern, dann kam der legendäre König Arthur, über den nur niemand Genaues weiß. Doch den Paukenschlag brachte das 13. Jahrhundert, als König Edward I. von England sich entschloss, sich das Land der Kelten einzuverleiben.

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