Corto Maltese wacht halb erfroren auf einem Feld in England auf

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Reiseliteratur : In die Ferne lesen
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The Venetian Empire. Jan Morris, Penguin, 208 Seiten, 12,49 Euro.
The Venetian Empire. Jan Morris, Penguin, 208 Seiten, 12,49 Euro.Cover: promo

CORTO MALTESE - DIE KELTEN, HUGO PRATT

Glaubt man dem französischen Autor Guy Debord, ist die Kunst des Reisens ganz einfach zu erlernen. Schließlich gehe es im Kern nur darum, zu vergessen, warum man wohin unterwegs war.

Zu den wahren Meistern auf diesem Gebiet muss der Seemann Corto Maltese gezählt werden, dessen Abenteuer der Italiener Hugo Pratt zwischen 1967 und 1989 in Wort und Bild fabulierte. Das mit dem Vergessen geht so weit, dass Maltese in der Geschichte „Ein Wintermorgentraum“ einmal halb erfroren auf einem Feld in England aufwacht und sich fragt: „Stonehenge? Was habe ich in Stonehenge verloren?“ Eine Frage, die heutzutage viel zu selten gestellt wird – in Zeiten, in denen es eigentlich egal ist, welche Stadt gerade den Hintergrund für das Selfie abgibt und Unterwegssein primär aus der Beschäftigung mit Bordingzeiten, Bewertungsportalen oder offline zu benutzenden Navigationsapps besteht, statt mit den Eindrücken, denen man sich aussetzt.

Corto Maltese ist der Gegenentwurf, ein Flaneur, dem seine Stadt zu klein wurde. Nachdem sein Erfinder ihn durch die Südsee, Lateinamerika und die Karibik hat treiben lassen, verschlägt es ihn in dem Band „Die Kelten“, in dem auch die eingangs erwähnte Kurzgeschichte zu finden ist, nach Europa, genauer gesagt Venedig, Nordfrankreich, Südengland, Dublin. Der Erste Weltkrieg tobt, Maltese balanciert zwischen den Fronten, der Leser begegnet Hemingway und Richthofen, der IRA und deutschen U-Booten, aber das ist stets nur die Bühne, auf der das eigentliche Thema verhandelt wird. „Corto Maltese“-Geschichten erzählen im Kern vom Fernweh. Halb wirkliche Welt, halb Wunschtraum sind sie nicht unähnlich den Werken von Conrad, Melville, Karl May. Oder in den Worten von Umberto Eco: „Pratt macht aus seiner Sehnsucht Literatur und aus unserer Sehnsucht das Thema einer Abenteuergeschichte.“

Sie zu lesen stärkt den Glauben, dass es noch eine Welt zu entdecken gibt hinter der, die wir auf Google Street View sehen können. Pratt liefert eine Anleitung, Reisen wieder als Erfahrung zu betrachten, nicht als Event und die uns warnt, nie zu lange an einem Ort zu verharren: „Diese Stadt ist zu schön, ich würde ihrem Zauber verfallen und träge werden“, sagt Corto Maltese an einer Stelle. „Venedig wäre mein Ende.“ Dann geht sein Schiff. Mal sehen, wohin es uns trägt.

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