Religiöses Zentrum : Hammer Hindus

Ein religiöses Zentrum Europas liegt am Datteln-Hamm-Kanal. Hier treffen sich jedes Jahr Zehntausende von Tamilen, um zwischen Schlachthof und Autobahn ihrer Göttin zu huldigen.

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Gleich geht’s los. Ein Schild weist Ortsunkundigen den Weg.
Gleich geht’s los. Ein Schild weist Ortsunkundigen den Weg.Foto: privat

Im Niederflurbus mit der Nummer 33 reist ein Mann zu seiner Göttin. „Sri Kamadchi Ampal“, Göttin mit den liebevollen Augen, heißt sie. Der Mann ist mit dem Flugzeug in Dortmund gelandet, von dort ist er mit dem Zug nach Hamm gereist. Er ist 33 Jahre alt und arbeitet in einer Sandwichfabrik im Londoner Stadtteil Wembley. Seiner Göttin zu Ehren wird er drei Tage beten, tanzen, die mit Blumen geschmückte Heiligkeit auf einem Festwagen durch Hamm-Uentrop ziehen und sie am Tag nach der Prozession im Datteln-Hamm- Kanal symbolisch reinigen. So wie er es seit zehn Jahren tut, einmal im Jahr.

Er steigt an der Kranstraße aus, läuft an der Baustoffhandlung Wilhelm Walther mit der einzigen Poststelle Uentrops vorbei, hinein in die Siegenbeckstraße.

Dort steht der Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel, Europas größter tamilischer Hindu-Tempel, mitten im Gewerbegebiet von Hamm-Uentrop nahe der Autobahn.

Der Hindu aus Wembley wäscht sich die Hände, streift die Lederschuhe ab und stellt sie in ein Regal. Er verschwindet durch eine Holztür im gefliesten Tempel. Frauen mit türkis-goldenen Saris und Männer mit Anzughemden, einige mit nacktem Oberkörper und traditionellem Vetti, verfolgen die Predigt des Hindupriesters Sri Paskaran. Jemand trommelt, es riecht nach Kampfer.

In einem Bürocontainer nebenan sitzt Ulrich Kroker an einem Schreibtisch mit Monitor und Schnellhefter, goldenen Heiligenfiguren und Blumengirlanden. Handys klingeln, Drucker surren. Die Szenerie erinnert an einen Baucontainer, wenn nicht tamilische Männer in Gewändern hin und her liefen. Hinter Kroker hängt ein tamilischer Mondkalender, im Buchregal stehen die Veden neben Aktenordnern. Draußen dröhnt Flötenspiel aus den Boxen. Früher war Kroker Lehrer für Geschichte und Deutsch. Bei ihm, Anfang 70, laufen die Fäden des europäischen Hinduismus zusammen.

Kroker ist mit der Organisation des Tempelfestes befasst: Er schult Ordner, hängt riesige Banner für die Fluchtwege auf, begrüßt die Berufsfeuerwehr aus Hamm, prüft Sicherheitstore, checkt den Pendelbus für die Gläubigen, und später wird er mit der Frau vom Ordnungsamt über den Hindu-Markt verhandeln.

30 000 Tamilen erwarten sie zum Fest.

Kroker, katholisch getauft, sitzt in Socken am Schreibtisch. Mit den Hindus ist er in eine seltsame Welt geraten. Seit Mitte der 90er Jahre gehört er irgendwie zur „Familie“, sagt er, sitzt heute im Tempelbeirat. „Damals saß ich für die Grünen im Stadtrat von Hamm, und die Hindus suchten Platz.“ Kroker hörte die Geschichte des Priesters Paskaran. Vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka war dieser geflohen. Erst nach Moskau, dann nach Ost-Berlin und West-Berlin, bis ihm seine Göttin Sri Kamadchi 1985 ein Zeichen direkt ins Abteil der Deutschen Bundesbahn sendete.

Im Zug saß ein Tamile aus Hamm, der ihm versprach, für ihn zu kochen. „Hindupriester müssen auf eine besondere Zubereitung ihrer Speisen achten“, erklärt Kroker. Paskaran, der die Heiligen Schriften in einem südindischen Kloster studiert hatte und Mönch werden wollte, fuhr nicht nach Paris weiter, sondern stieg mit dem Mann in Hamm aus. 350 Exiltamilen lebten hier. Ein Wink der Göttin.

So kamen der Priester und der Kamadchi-Kult nach Hamm, wo 182 000 Einwohner nahe des Ruhrgebietes leben.

Den ersten Tempel baute Paskaran im Keller eines Wohnhauses im Hammer Westen, den zweiten in einer Wäscherei, doch schnell protestierten die Nachbarn. Zu laut, zu bunt, zu fremd. Kroker brachte ein paar Männer an einen Tisch, um eine Lösung zu finden. Fünf Standorte standen zur Wahl, darunter der in Uentrop, gleich neben Westfleisch.

„Man könne doch Hindus keinen Bauplatz neben einem Schlachthof anbieten“, sagten die Gegner. Paskaran antwortete pragmatisch: „Wenn meine Göttin das akzeptiert, akzeptiere ich das auch.“ Sie tat es. Uentrop war der Ort der Wahl. Ein Grund dafür: In der Nähe lag der Datteln-Hamm-Kanal. Alle Flüsse haben eine unterirdische Verbindung zum Ganges, sind Teil des Weltwassers. Hier konnten also rituelle Waschungen stattfinden.

Nun schnuppert die Göttin bei Südwind den Fleischduft des Nachbarn, finden die heiligen Bäder im Kanal statt, stehen die Tempeltürme mit den weißen, wie verzuckert aussehenden Ornamenten neben den Kühltürmen eines westfälischen Kohlekraftwerkes.

Kroker ist ein kritischer Kopf. Er hielt Distanz zum Hinduismus, betet nicht im Tempel und glaubt nicht daran, dass sich in der Katze die verstorbene Freundin inkarniert hat. Er führt durch den Tempel, spricht mit Journalisten, hält Kontakt zu Religionswissenschaftlern und erledigt Dinge, die dem Priester nicht liegen. Als die Kinder Paskarans, zwei Jungen und zwei Mädchen, eingeschult wurden, besuchten Kroker und seine Frau die Elternabende. Paskaran in seinem orangenen Gewand, das er nie auszieht, hätte da seltsam gewirkt.

Die schwere Tür des Tempels öffnet sich, Paskaran und seine Männer schreiten mit einem Dreizack hinaus, vorbei an einem geschmückten Pferdewagen und einer Nilpferdfigur. In einer feierlichen Prozession geht es in bunter Schar um den Tempel, alle Ecken werden vom Bösen gereinigt. Wieder dröhnende Musik dazu. Die Reinigung ist wichtig, bevor die Göttin in einem kleinen Umzug abends das erste Mal hinaus darf.

Kroker, der Studienrat, erlebte, wie der Tempel mit 17 Meter hohem Turm wuchs. Ungefähr 1,7 Millionen Euro hat er gekostet, man sieht ihn von der Autobahn aus aufragen. Wieder so eine verrückte Geschichte: Mit dem Finger sei man die Gelben Seiten entlanggefahren und habe bei E wie ...Eichhorst, Architekt gestoppt. Der Architekt aus Hamm war der Richtige, raunte die Göttin dem Priester zu. Heinz-Rainer Eichhorst hat inzwischen auch im Tempel geheiratet. Für ihn sei der Tempel ein Hobby geworden, glaubt Kroker. Geld habe der Architekt wohl noch nicht in Gänze gesehen, aber der Tempel sei gute PR für ihn.

Und es gebe ja immer wieder Neues zu tun. Da ist zum Beispiel das internationale Hindu-Kulturzentrum, das sie neben dem Tempel bauen wollen, mit Bibliothek und Museum. Sie bauten in Uentrop auch schon die höchste Garage für die Göttin Sri Kamadchi. Elf Meter hoch für ihren neun Meter hohen Wagen. Heute Abend holen sie ihn raus zum Fest.

Im Tempel ist Pause. Der Priester, ein kleiner, fast zarter Mann mit sehr grauem, sehr langen Bart im schmalen Gesicht – am Festtag hat er sogar einen Bodyguard –, steckt den Kopf ins Büro. Er redet mit seinen Männern. Immer mehr Gläubige treffen draußen in der Uentroper Siegenbeckstraße in Gewändern ein, aus Frankreich, Holland, letztes Jahr hatten sie sogar tamilische Fischer aus Norwegen zu Gast und einen weißen Gläubigen aus den USA. Die schönste und beste Hindu-Tänzerin aus Hannover fährt mit dem Familienauto auf den Parkplatz. Wenn sie tanzt, verstummen Männer und Frauen.

Die Helfer des Priesters stellen einen Sicherheitsmonitor mit viergeteiltem Bildschirm ins Büro, für den großen Umzug morgen. Ashok, ein Hotelier aus Dortmund, ist der Mann, der im Notfall alles koordiniert. Er soll im Büro zum Telefon greifen und das Sicherheitsteam im Polizeipräsidium anrufen, wenn jemand bei der Prozession zu Ehren der Göttin verletzt wird. Als Elfjähriger kam er mit seiner Familie das erste Mal in den Tempel, damals noch im Keller. „Es war der Priester, sein Charisma, das mich faszinierte“, sagt er.

Ashok und Kroker inspizieren den tamilischen Markt auf der Wiese. Es gibt Hochzeitssaris, Bücher, Popcorn, Gewürze, Kunstblumen, Handykarten und Göttinnenfiguren zu kaufen. Sie schütteln dem Marktleiter aus Ennepetal die Hand. Wie es läuft? Die Leute mit den eigenen Buden sollen bis 22 Uhr da sein, hoffentlich. Aber wenn die aus aller Welt anreisen, dann müsse man auch die Augen zudrücken, meint der Marktleiter, der ein tamilisches Druckereibüro in Ennepetal führt. Nebenan stehen die Dixie-Klos, bei so einer Großveranstaltung wichtig.

In Hamm-Uentrop gehören die Hindus zur Gemeinschaft. Sogar Firmen, die erst skeptisch waren, helfen ihren exotischen Nachbarn. RWE hat eingewilligt, mit dem Abbau der 800 Parkplätze abzuwarten, bis das Tempelfest vorüber ist, damit die Tamilen dort parken können. Die Fluchtwege laufen über die Gelände der Firmen, die dafür die Schlüssel zur Verfügung gestellt haben. Der Tempel hat ihr Uentrop weltberühmt gemacht.

Im Döner-Haus der muslimischen Familie Sönmez um die Ecke hat Mama Sönmez Stühle in die Sonne gerückt und serviert quietschgrünen Apfeltee. Sie lobt die Hindus: „So nett und ruhig.“

Für den großen Festtag hat sie sich Gedanken gemacht, statt Rindfleisch soll sich Huhn auf ihrem Spieß drehen, für 3,50 Euro der Döner. „Aber dürfen die überhaupt Fleisch essen?“, überlegt Mama Sönmez, gläubige Alevitin.

Und was würden die Tamilen trinken? Sie hat gehört, viel Alkohol solle fließen.

Tatsächlich dürfen die Gläubigen am Festtag weder Fleisch noch Alkohol zu sich nehmen. Nur eins ist im Döner- Haus schon sicher: Allen Gläubigen könne man nicht die Toilette anbieten. Das würde die Wasserrechnung hochtreiben.

Im Winter gab es einen Überfall auf den Kamadchi-Tempel. Die Räuber, eine Bande, schlugen nachts die Tür mit der Axt ein, sprühten dem Priester Pfefferspray in die Augen und fesselten ihn und seine Familie im Haus. Sie raubten drei goldene Ketten der Göttin und die Spendenkasse. Schon am nächsten Tag hielt Paskaran mit geschwollenen Augen wieder Predigt und traute ein Hochzeitspaar, der Dienst an seiner Göttin musste weitergehen. Seine Frau und die Kinder aber sind seitdem verängstigt und sollen aus der nachts nur schwach erleuchteten Gegend weggezogen sein.

Paskaran lebt nun allein bei seiner Göttin. Die Liebe zu ihr scheint grenzenlos. Die Bürger Hamms fahren manchmal mit ihren Autos in die Siegenbeckstraße, nehmen den Priester in den Arm und sprechen ihm Mut zu. Oberbürgermeister Hunsteger-Petermann überbrachte persönlich ein Hilfsangebot der Stadt Hamm: Die Hindus sollen bleiben, allein schon wegen des weltoffenen Images.

Die Wetter-App zeigt mittlerweile 80 Prozent Regenwahrscheinlichkeit für den kommenden Festtag. Der Himmel über dem Tempel verdüstert sich. Priester Sri Paskaran taucht in leuchtendem Orange auf, in der Hand hält er Einweg-Regenumhänge für seine Gläubigen. Sie werden morgen in der großen Prozession die Göttin durch das Industriegebiet ziehen, erst die Siegenbeckstraße, dann die Kran- und Zollstraße entlang.

Sie werden Buße- und Bittrituale für die Göttin Sri Kamadchi durchführen. Die Männer werden ihre Vettis tragen, die Frauen brennende Opferschalen auf dem Kopf und still Wünsche sprechen. Einige Männer, die Kavadi-Tänzer, werden sich Widerhaken durchs Fleisch treiben und mit Götterbildern und Blumen geschmückte Holzstangen auf dem Rücken tragen. Mitten in Uentrop werden Gläubige sich auf der Straße rollen, Männer mit Spießen durch Mund und Wangen werden sich in Trance tanzen und den Wagen der Göttin Kamadchi bei ihrer Ausfahrt begleiten. Vier Kilometer werden sie den Wagen an Seilen um den Tempel ziehen. Paskaran wird die Mutter Göttin bewachen. Sie wird die Stadt Hamm segnen, die sie einst auserwählte, als er ein junger Mann war.

Während der zwölftägigen Festzeit hat Paskaran kaum eine Minute frei. Eine Andacht, Puja, folgt auf die nächste, bis zum finalen Bad im Datteln-Hamm-Kanal. Er ist müde und glücklich, der ständige Gottesdienst liefere auch Energie. Man streckt ihm die Hand hin. Doch die Hand reicht er als Priester nicht. „Er repräsentiert eben gern“, flüstert Kroker, der an seiner Seite aufgetaucht ist und für ihn spricht. Die Dame vom Ordnungsamt hat ihm gerade eine „Positivdokumentation“ ausgestellt, alles „picobello“ auf dem Hindu-Markt nebenan.

Der Priester kümmert sich um so was nicht. Schon einen Tag nach dem Fest und der Waschzeremonie im Datteln- Hamm-Kanal unter der Bundesautobahnbrücke 493a, Kilometer 46680, werden Kroker und sein Priester verreisen. Das Tagungsthema der evangelischen Akademie Villigst heißt: Friede in Kommunen durch fremde Religionen.

„Priester, dass Sie mir ja an Villigst denken“, ruft Kroker. „Jaja“, sagt Paskaran und nickt. Für Kroker haben die Hindus „etwas, das wirklich von der Norm abweicht“, sagt er. Die Hindus haben Farbe und Vielseitigkeit in sein Westfalen gebracht. Und die grenzenlose Liebe zu ihrer Göttin. Manchmal muss Kroker über die eine oder andere Verrücktheit hinwegsehen. Schließlich hat auch die Göttin zwei Augen zugedrückt, als sie nach Hamm-Uentrop ins Industriegebiet zog.

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