Reporterlegende Gay Talese : „Selbst zum Friseur gehe ich im Anzug“

Gay Talese ist einer der renommiertesten Reporter der USA. Für ein Porträt von Frank Sinatra hat er wochenlang dessen Freunde belagert. Wie er Menschen für sich gewinnt und warum er wegen Obama erstmals wählen ging.

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Foto: Janette Beckman/Getty Images
Gay Talese, 83, sein Stil als Reporter hat den "New Journalism" mit geprägt.Foto: Janette Beckman/Getty Images

Mr. Talese, Sie gelten zusammen mit Tom Wolfe als Mitbegründer des „New Journalism“. Erklären Sie bitte, was das ist?

Artikel wie Kurzgeschichten zu schreiben – mit subjektiven Eindrücken. Das gab es in den 1950er Jahren kaum. Ich berichtete über die Parlamentssitzungen in Albany, der Hauptstadt des Bundesstaates New York, und erwähnte die Spucknäpfe unter den Abgeordnetenpulten. Das hat mir die Redaktion der „New York Times“ rausgestrichen.

Ihre Reportagen über Frank Sinatra oder den Baseballstar Joe Di Maggio gelten als Meilensteine. An Stars dieser Liga ist kaum noch ranzukommen.

Meinen Studenten in Yale oder Harvard sage ich: Wenn Sie möchten, dass jemand Ihnen die Tür öffnet, müssen Sie lernen, sich gut zu präsentieren. Überzeugen Sie Ihr Gegenüber, dass Sie ehrliches Interesse an seiner Person haben. Vor allen Dingen ziehen Sie sich ordentlich an.

Warum zählt das für Sie?

Vor einer Woche klopfte es an der Haustür, und vor mir standen drei junge Männer, peruanische Journalisten, die sich mit mir unterhalten wollten. Sie trugen keine teure Kleidung, aber hatten sich so fein wie möglich gemacht, mit Krawatte und Jackett, also ließ ich sie hinein. Ich glaube an den ersten Eindruck, so habe ich auch gearbeitet, nur heutzutage kleiden sich Journalisten wie Sie – oder noch schlimmer.

Ich habe ein frisch gebügeltes Hemd, einen schwarzen Pullover und eine hellblaue Baumwollhose an.

Intellektuelle kleiden sich schlecht, das wirkt aus den 60er Jahren nach. Damals begannen sie, Blue Jeans anzuziehen, wollten bis zur Lächerlichkeit locker wirken. Manchmal können Sie an der Kleidung keinen Unterschied mehr zwischen einem Harvard-Professor und seinem Studenten sehen.

„Dress up for the story“ – so heißt Ihr Motto.

Als ich ein Buch über Brückenarbeiter geschrieben habe, tat ich nicht so, als sei ich einer von ihnen. Ich trug einen Dreiteiler, einen Hut, Lederschuhe. Ich gehöre zu einer privilegierten Gruppe von Menschen, die bis zu einem gewissen Grad das Recht hat, in die Privatsphäre anderer einzudringen. Dabei aber fair bleiben muss. Nie hat mich jemand angerufen, weil ich ihn verzerrt dargestellt hätte.

Die Reportage „Frank Sinatra ist erkältet“ von 1966 hat der „Esquire“ als eine der besten Reportagen des Jahrhunderts gekürt. Sie haben nur mit Wegbegleitern über den Sänger gesprochen. Er kam als eitel und herrisch rüber. Fand er das fair?

Er hat sich nie beschwert, allerdings auch keine Dankesbriefe geschickt. Weil ich nichts Unehrenhaftes gemacht habe. Ich sollte für drei Tage nach Los Angeles fliegen, aber Sinatra sagte das Interview ab. Am Ende blieb ich mehrere Wochen und sprach mit allen Menschen in seinem Umfeld. Als Journalist besaß man damals noch einen Stolz, wenn man seiner Arbeit nachging.

Heute nicht mehr?

Nein, der ist weg. Wenn ich Sie ansehe, tippe ich, Sie haben sich vor zehn Jahren genauso angezogen. Ich frage Sie: Wie viele Anzüge haben Sie?

Einen.

Und den ziehen Sie zu was an – einem Begräbnis oder einer Hochzeit? Warum nicht für die Arbeit? Ich hole meinen Anzug aus dem Schrank, wenn ich zum Friseur gehe! Vor ein paar Jahren habe ich über einen Baseball-Manager geschrieben. Eine ganze Weile war ich also in der Gesellschaft von Sportreportern. Diese Typen, oh Gott, verglichen mit denen gehen Sie als elegant durch. Das waren keine unterprivilegierten Männer, sie waren auf einigen der besten Universitäten der USA – und wenn man sie in Jeans und T-Shirts sah, dachte man, das seien arme Schweine.

Wahrscheinlich wollten sie nicht auffallen.

Sollten sie aber. Sie sind nicht das Publikum, sie sind die Hohepriester. Selbst zu einem Reporter in einem chinesischen Newsroom, der möglicherweise überzeugter Kommunist ist, habe ich als Journalist eine größere Nähe als zu einem Mann, der neben mir auf der Stadiontribüne sitzt. Journalisten sind eine Klasse für sich – ein Mönchsorden, der versucht, der Wahrheit zu dienen. Ach, lassen wir das, reden wir erst mal über meinen Lebenslauf.

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