Richard David Precht : Der Tierpark, meine große Liebe

Richard David Precht kennt hier jedes Gehege, jede Seekuh, verehrt den Ex-Direktor und sagt: Berliner, besucht euer fantastisches Naturtheater!

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Vorne: Richard David Precht. Hinten: Ein Sibirischer Tiger in einer Außenanlage des Brehm-Hauses.Weitere Bilder anzeigen
Alle Fotos: Georg Moritz
15.07.2013 15:48Vorne: Richard David Precht. Hinten: Ein Sibirischer Tiger in einer Außenanlage des Brehm-Hauses.

Der Kuttengeier ist ein athletischer Vogel, sagt Richard David Precht, sehen Sie, wie der da hinten herumläuft? Der gehört zu den größten Altweltgeiern – so wie der Schneegeier dort oben. Und sehen Sie den Gänsegeier da, dessen Gefieder so einen Milchkaffeeton hat? Nein, nicht der mit diesem bisschen farbigen Kopf, das ist ein Wollkopfgeier. Ah, sagt Precht, und da!, der Geselle mit den komischen Troddeln am Schnabel, das ist ein Neuweltgeier, ein Königsgeier ist das!

Allein vor der riesigen Greifvogelanlage des Berliner Tierparks könnte Richard David Precht Tage verbringen. Hat er ja auch schon gemacht. Kurz nach der Wende saß der Kölner hier eine Zeit lang von morgens bis abends auf einer Bank. Neben ihm lagen Schreibzeug und Bücher, die er für seine Promotion zu Robert Musil brauchte: „Die Souveränität der Kunst“, „Perspektiven der Kunsttheorie“, solche Sachen.

Precht war damals noch nicht der Intellektuelle für alle Fälle, der er heute ist, und an der Voliere mit ihrer Graslandschaft und der imposanten Rückwand aus Elbsandstein hing noch ein Schild, auf dem der NVA für ihre Unterstützung gedankt wurde. „Wenn Sie hier nur kurz stehenbleiben, sehen Sie gar nichts. Aber nach ein paar Stunden kriegen Sie die Hackordnung unter den Tieren mit und all sowas“, sagt Precht. Also wanderte sein Blick regelmäßig von seinen Notizen zu den Vögeln hinter dem grobmaschigen Gitter. Und manche der Vögel schauten zurück. „Es gab da diesen Rabengeier, der mich immer beobachtete.“

Precht hat Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte studiert, bekannt geworden ist der 48-Jährige mit dem Bestseller „Wer bin ich – und wenn ja wie viele?“, in dem er philosophische Fragen und Erkenntnisse aus der Hirnforschung zusammenführt. Doch seine größte Passion ist die Zoologie, sind Fische und Greifvögel. Der Duft eines Löwenkäfigs löst bei Precht Glücksgefühle aus. Schon als Kind wollte er Zoodirektor werden, und zwar genau hier in Friedrichsfelde.

Tierbabys in Berlin
Ein Vierteljahr nach seiner Geburt hat der kleine Lippenbär aus dem Zoo nun einen Namen: Balou.Weitere Bilder anzeigen
1 von 272Foto: Silas Stein//dpa
03.04.2017 14:33Ein Vierteljahr nach seiner Geburt hat der kleine Lippenbär aus dem Zoo nun einen Namen: Balou.

70, 80 Mal hat er den Tierpark schon besucht. Im Sommer zieht es ihn besonders zu den Adlern, im Winter zu den Kamelen auf ihren eingeschneiten Wiesen. Der Tierpark ist für Precht der schönste Zoo Europas, wenn nicht der ganzen Welt – beinahe gleichauf mit dem in Chicago. Weitläufig, grün und ruhig sei es hier, kaum ein interessantes Tier fehle. Und weil er die Anlage so sehr liebt, macht Precht sich große Sorgen. Aber dazu später mehr.

Direkt neben der Greifvogelvoliere befindet sich das Alfred-Brehm-Haus von 1963, 5300 Quadratmeter groß und mit einer Tropenhalle im Zentrum. Precht steht vor einer der zwei Felsenanlagen im Innern und blickt hinüber zu der Raubkatze hinter Geländer und Wassergraben. „Das ist ein Sumatratiger, die kleinste noch lebende Unterart des Tigers“, sagt er. „Den kann man daran erkennen, dass er ganz eng gestreift ist – eine Katze, die wirklich im Regenwald lebt.“ Dann schaut er an die Decke. „Durch die Öffnung dort wird die Anlage mit Tageslicht angestrahlt.“ Gründungsdirektor Heinrich Dathe, von 1954 bis 1990 im Amt, habe alle Tiere wie auf einer Bühne präsentieren wollen. Der Tierpark als Naturtheater. Auch im denkmalgeschützten Brehm-Haus sei das „grandios gelungen“. Der Bau erinnert Precht an Le Corbusier, „er ist das Meisterstück von Heinz Graffunder, der auch den Palast der Republik entwarf.“

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