Roosevelts hundert Tage im Amt : Der neue US-Präsident

1933 brachte Franklin D. Roosevelt in 100 Tagen mehr ins Rollen als manch ein Nachfolger während einer ganzen Amtszeit. Was trieb ihn so sehr an?

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"Happy Days Are Here Again": Diesen Hit hatte Roosevelt als Wahlkampfschlager gewählt. Er vermittelte den Amerikanern in der Krise viel Optimismus.
"Happy Days Are Here Again": Diesen Hit hatte Roosevelt als Wahlkampfschlager gewählt. Er vermittelte den Amerikanern in der Krise...Foto: imago/United Archives Internatio

Er saß bei ihnen im Wohnzimmer. Mit 60 Millionen Amerikanern am Kamin: der Präsident der Vereinigten Staaten. Es war Sonntagabend, seit einer Woche, einer atemberaubenden Woche, war Franklin Delano Roosevelt im Amt, jetzt hielt er die erste seiner „Fireside Chats“ im Radio. Ruhig, klar und verständlich erklärte das Staatsoberhaupt seinen Landsleuten, warum er die Banken für drei Tage geschlossen hatte und warum sie jenen Geldinstituten, die wieder öffneten, vertrauen konnten. Am nächsten Tag standen die Amerikaner Schlange, um ihr Geld wieder auf Konten zu deponieren. Die Zeit des großen Bankensterbens war vorbei.

Am 8. November 1932 war der Demokrat gewählt worden, mit 57 Prozent der Stimmen. Sein ungeliebter, mürrischer Vorgänger Hoover hatte als Gegner staatlicher Intervention während der Wirtschaftskrise erst viel zu spät und zögerlich begonnen, einzugreifen. Und Roosevelt musste vier Monate warten, bis er sein Amt antreten konnte. (Erst seit 1937 findet die Vereidigung am 20. Januar statt.) In dieser Zwischenzeit führte er sein Amt als Gouverneur von New York zu Ende und entkam knapp einem Attentat, bei dem der Bürgermeister von Chicago so schwer getroffen wurde, dass er später seinen Verletzungen erlag.

Bäng, bäng, bäng: Roosevelts "Hundred Days"

Am 4. März 1933 hielt FDR, wie er meist genannt wird, seine Antrittsrede, in denen er den Amerikanern versicherte, sie hätten nichts zu fürchten außer der Furcht selbst. Was ziemlich starker Tobak war, denn dem Land ging es so dreckig wie nie. 25 Prozent Arbeitslosigkeit, Millionen von Bauern hatten ihre Existenz verloren, Bürger ihr Zuhause, ihre Ersparnisse. Der Amerikanische Traum, jeder sei seines Glückes Schmied, hatte sich in der Großen Depression als das herausgestellt, was er war: ein Traum.

Am 5. März, einem Sonntag, rief FDR das Kabinett zu einer Sondersitzung zusammen. Am Montag schickte er sämtliche Banken für drei Tage in „Ferien“. Es hatten eh schon viele zu, in Panik hatten die Kunden die Häuser gestürmt. Jetzt wurden alle geprüft, die schlechten von den guten getrennt, letztere wieder geöffnet, unter Aufsicht gestellt.

Mit diesem Coup begannen Roosevelts „Hundred Days“, die als eigene Epoche in die Geschichte eingingen. Ein paar Monate, in denen FDR mehr durchzog als andere in Jahren. Bäng, bäng, bäng. Er setzte den Goldstandard außer Kraft, gab jungen Männern im Civilian Conservation Corps ihre ersten Jobs, in denen sie Wälder aufforsteten und Wege anlegten, gründete die Tennessee Valley Authority: Die Staudämme und begleitenden Infrastrukturmaßnahmen brachten in bitterarme Gegenden, in denen die Menschen außer Malaria nicht viel hatten, Arbeit, Straßen und Strom, stoppten die Überflutungen.

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Am Abend mixte er den Gästen trockene Martinis

Nie wurden so viele Gesetze in so kurzer Zeit durchgesetzt – und Roosevelt brauchte nicht mal eine Peitsche dazu. 1933 hatten die Demokraten mit 310 Sitzen im Kongress fast drei Mal so viele wie die Republikaner (117), und im Senat knapp doppelt so viele (60 zu 35). Angesichts der dramatischen Lage und dringend nötiger Maßnahmen wurde FDR oft auch von der Opposition unterstützt. Einen progressiven Republikaner hatte er sogar in sein Kabinett geholt.

Der entscheidungsfreudige Präsident war ein Mann der Aktion. Dabei ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen, nahm sich auch im Weißen Haus Zeit, in seinen Briefmarkenalben zu blättern, blieb morgens erstmal im Bett liegen, an das er sich ein großes Frühstück und einen Stapel Zeitungen bringen ließ, wo er auch Berater empfing.

Seine Cocktail Hour am Abend war ihm heilig, dann mixte er den Gästen trockene Martinis. Die Prohibition, die seiner Meinung nach nur die Kriminalität angekurbelt und den Staat um Steuereinnahmen geprellt hatte, schaffte FDR gleich in der ersten Woche ab. Was die Stimmung im Lande weiter belebte.

Neues Spiel, neues Glück

Denn er wusste nicht, was er tat, lautet der Tenor vieler Geschichtsbücher. „Die Vorstellung, dass Franklin Roosevelt, als er Präsident wurde, einen Plan im Kopf hatte namens New Deal, ist ein Mythos, den kein seriöser Wissenschaftler je geglaubt hat“, schreibt der Historiker Roger Daniels. Den New Deal hatte Roosevelt im Wahlkampf versprochen, womit der Pokerspieler eine Neuverteilung der Karten meinte: neues Spiel, neues Glück. Gerade dass er sich weder an ein fixes Programm noch an eine Ideologie klammerte, war seine Stärke.

Natürlich hatte der Protestant, der so sehr an die Demokratie wie an Gott glaubte, feste moralische und politische Werte. Ansonsten handelte er nach dem Motto trial and error. Das hatte er offen und öffentlich erklärt: dass er Dinge ausprobieren wollte. Wenn sie nicht funktionierten, versuchte man halt was anderes. Im Scheitern, Hinfallen und Wiederaufstehen war er schließlich Experte.

Als einziger Politiker ist Roosevelt vier Mal zum US-Präsidenten gewählt worden. Wahrscheinlich hätte er sich das letzte Mal besser sparen sollen, als er schon stark angegriffen war – er starb im Amt, wenige Monate nach der Wahl. Doch das Volk hat ihn immer wieder gewählt. Im Jahr 2016 hätte er nie eine Chance gehabt. Seine Gegner hätten ihm neben seinen Affären medizinische Gutachten um die Ohren gehauen. Denn der Politiker war gelähmt. Er konnte nicht gehen, er tat nur so.

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