Schauspieler Jeremy Irons : "Amerikanische Filme sind wie Huren"

Er spielt den Schurken nicht nur: In ihm stecke ein kleiner Bösewicht, sagt Jeremy Irons. Der Oscarpreisträger über sein Leben und das Altwerden.

Marco Schmidt
Der Schauspieler debütierte im Jahre 1981 mit der Hauptrolle in dem Fernseh-Mehrteiler "Wiedersehen mit Brideshead".
Der Schauspieler debütierte im Jahre 1981 mit der Hauptrolle in dem Fernseh-Mehrteiler "Wiedersehen mit Brideshead".Foto: imago

Mr. Irons, ist es wahr, dass Sie ursprünglich zum Zirkus wollten?

Ja, das stimmt. Ich war auf einem stockkonservativen, sehr strengen Internat, das uns Schüler auf eine Laufbahn beim Militär oder in der Finanzwelt vorbereiten sollte. Aber die Aussicht, eine Karriereleiter hinaufzukriechen und jeden Tag von neun bis fünf zu schuften, bis man tot umfällt, war der Horror für mich. Das kam mir vor wie eine lebenslängliche Haftstrafe. Ich wollte ein freies Leben führen, nicht gefangen sein in irgendeinem Büro.

Und da haben Sie sich beim Zirkus umgesehen?
Ja, ernsthaft! Im Zirkus und auf Jahrmärkten. Als ich jedoch sah, wie erbärmlich die Leute dort hausten, dachte ich: „Dazu bin ich wohl doch zu bourgeois und zu verwöhnt.“ Daraufhin ging ich zum Theater, stellte fest, dass mir die dortigen Unterkünfte wesentlich mehr behagten, und verliebte mich sofort in die Atmosphäre, den Geruch, die Arbeitszeiten, den Menschenschlag, die Mädchen. Ich dachte, vielleicht sollte ich das Schauspielhandwerk erlernen.

Was hat Ihr Vater dazu gesagt?
Er machte sich Sorgen und meinte: „Das scheint mir keine besonders glückliche Zunft zu sein, diese Schauspieler lassen sich doch ständig scheiden! Aber wenn du es nicht wenigstens versuchst, wirst du es ewig bereuen und mich dafür hassen, dass ich dich nicht ermutigt habe.“ Er finanzierte meine Ausbildung an der Bristol Old Vic Theatre School. Während des Studiums zeigte ich übrigens nicht das geringste Talent. Ich konnte in Kostümen ziemlich dekorativ auf der Bühne herumstehen, doch das war’s auch schon. Meine Kollegen waren davon überzeugt, dass aus mir nichts werden würde.

Aber in den Folgejahren bekamen Sie längere Engagements an diversen Theatern.
Ja, und das war die denkbar beste Schule! Da durfte ich etwa innerhalb von zwei Monaten drei verschiedene Shakespeare-Rollen spielen. Seitdem weiß ich, dass man die entscheidenden Fähigkeiten nur in der Praxis erwirbt. Außerdem habe ich am Theater viele köstliche Dinge erlebt. Als Jungspund bei der Royal Shakespeare Company besuchte die belgische Königin Fabiola eine unserer Vorstellungen, und danach warteten wir alle auf sie. Ich hatte auf der Bühne bloß eine Nebenrolle gespielt, einen jungen Monarchen, doch Königin Fabiola kam quer durch den Raum schnurstracks auf mich zu und sprach 20 Minuten lang nur mit mir – vermutlich, weil ich im Stück den ranghöchsten Adeligen verkörpert hatte. Und die berühmten, altgedienten Ensemblemitglieder standen stocksauer herum und warfen mir giftige Blicke zu.

Jeremy Irons

Der Schauspieler zählt seit Jahrzehnten zu den international gefragtesten Schauspielern und wurde mit allen großen Preisen der Filmwelt ausgezeichnet. Beim Interview auf dem Filmfestival von Marrakesch zeigt er sich als Gentleman mit perfekten Manieren, der mit sonorer Stimme erstaunlich offen und locker über seine Branche redet. Irons steht für Filmkunst wie „Kafka“, aber auch für Action-Blockbuster wie „Stirb Langsam: Jetzt erst recht“ Geboren wurde Irons 1948 auf der Isle of Wight im Ärmelkanal, wo er mit seinem älteren Bruder und seiner älteren Schwester aufwuchs. Vor seinem späten Durchbruch arbeitete Irons unter anderem als Gärtner, Putzmann, Straßenkünstler und Seniorenbetreuer. Irons ist in zweiter Ehe verheiratet und hat zwei Kinder.

Seit dem 27. Dezember läuft der Film "Assassin’s Creed" in den Kinos, in dem Jeremy Irons – mal wieder – den Bösewicht spielt.
Seit dem 27. Dezember läuft der Film "Assassin’s Creed" in den Kinos, in dem Jeremy Irons – mal wieder – den Bösewicht spielt.Foto: imago

Kein Wunder, dass Sie mal gesagt haben, Sie hätten keine Freunde in der Schauspielerzunft.
Das war kein Witz! In meiner Freizeit bevorzuge ich die Gesellschaft von Musikern, Reitern oder Seglern. Nur mit zwei Kommilitonen von der Schauspielschule treffe ich mich ab und zu. Überhaupt war der Kontakt zu Kollegen in meiner Anfangszeit am Theater viel enger. Ich habe es sehr geschätzt, dass wir einander damals gegenseitig knallhart die Meinung sagen konnten: „Was wir da in der zweiten Szene gemacht haben, war totaler Müll! Das muss besser werden!“ So etwas vermisse ich oft beim Film. Insbesondere amerikanische Akteure reagieren empfindlich, wenn ich unverblümt meine Ansichten äußere. Es gibt löbliche Ausnahmen: Mit Meryl Streep oder Glenn Close, mit denen ich mehrmals gearbeitet habe, konnte ich stets einen ehrlichen Umgang pflegen.

Außer mit David Cronenberg und Bille August haben Sie mit keinem Filmregisseur zweimal gedreht. War das eine bewusste Entscheidung?
Nein, es wollte mich anscheinend bloß niemand ein zweites Mal engagieren! Ich bin ganz froh darüber: Die Arbeit mit einem neuen Regisseur ist meist ähnlich aufregend wie das Kennenlernen einer neuen Geliebten. Ein Fremder kitzelt oft etwas noch nie Dagewesenes aus dir heraus. Und genau das möchte ich: ausbrechen aus der Routine, mich neuen Herausforderungen stellen – auch auf die Gefahr hin, böse auf die Schnauze zu fallen. Denn wer nichts riskiert, wird nie Fortschritte machen. Leider ist das Filmbusiness extrem risikofeindlich.

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