Schauspielerin Claudia Cardinale : „Ich ließ meine Verehrer reihenweise abblitzen“

Sie alle versuchten bei ihr zu landen: Marcello Mastroianni, Alain Delon, Marlon Brando. Und als Claudia Cardinale mit Henry Fonda drehte, kam dessen Frau als Wachhund hinzu.

Interview: Marco Schmidt
Claudia Cardinale, 76, zählt seit den 60er Jahren zu den großen italienischen Filmdiven
Claudia Cardinale, 76, zählt seit den 60er Jahren zu den großen italienischen FilmdivenBreuel-Bild/ppp-pps:

Frau Cardinale, Sie sind vor allem für zwei Dinge berühmt: zum einen dafür, dass Sie trotz Ihres Sexsymbol-Images nie nackt auf der Leinwand zu sehen waren. Und …
... ja, weil ich meinen Körper nicht verkaufen wollte. Und weil ich immer fand, dass es viel erotischer ist, wenn man der Fantasie noch ein wenig Raum lässt und gewisse Details nur andeutet, anstatt alles zu zeigen.
Zum anderen werden Sie dafür bewundert, dass Sie in Würde gealtert sind, ohne jemanden an Ihrem Gesicht herumschnippeln zu lassen.
Schon allein die Idee einer Schönheitsoperation war mir stets zuwider: Wollen wir wirklich, dass sämtliche Frauen gleich aussehen? Dass alle diese grässlichen riesigen Münder haben? Nein! Ich halte es für vollkommen schwachsinnig, sich liften zu lassen. Den natürlichen Alterungsprozess kann man sowieso nicht aufhalten. Insofern ist es doch viel gesünder, sich bewusst zu machen, dass wir alle auf dieser Welt nur zu Gast sind. Ich bin überzeugt davon, dass man sich am ehesten jung und frisch fühlt, wenn man aktiv bleibt und das tut, was man liebt. Schon meine Mama hat das erkannt. Sie hat immer gesagt: „Solange du lachend durchs Leben gehst, merkt keiner, dass du alt wirst!“
Sie sind in Tunesien geboren und aufgewachsen.
Meine Großeltern waren aus Sizilien dorthin ausgewandert. In der Nähe von Tunis gab es nicht nur eine große italienische Gemeinde, sondern auch viele Russen. Bei uns nebenan lebte eine attraktive Adelige, eine Nachfahrin der Zaren, die von praktischen Dingen keine Ahnung hatte, weil sie es gewohnt war, mit großem Gefolge in irgendwelchen Palästen zu residieren. Darum bat sie ständig meinen Vater um Hilfe. Meine Mutter war extrem eifersüchtig auf sie.
Wann und wie wurden Sie in Nordafrika vom Filmfieber gepackt?
Überhaupt nicht. In meiner Kindheit war ich eher wie ein Junge, ein richtiger Wildfang, und ich habe mich auch dauernd mit Jungs geprügelt, um zu beweisen, dass ich stärker war als sie. Mein Vater hat mir extra einen Schulranzen geschenkt, den sonst nur Knaben trugen. Schon damals war ich extrem abenteuerlustig – jede Art von Gefahr zog mich magisch an. Ich fuhr täglich mit dem Zug zur Schule nach Karthago, fand es aber zu langweilig, wie ein normaler Mensch am Bahnhof einzusteigen. Stattdessen sprang ich immer auf den fahrenden Zug auf.
Kaum jemand dürfte Ihren Namen mit dem Bild eines Jungen assoziieren – schließlich hatten Sie stets eine sehr weibliche Figur und wirkten nie so dürr und knabenhaft wie manche Ihrer heutigen Kolleginnen.
Das stimmt, dürr war ich nie. Ich glaube, das habe ich meiner Mutter zu verdanken: Sie hat mich immer gezwungen, so lange am Tisch sitzen zu bleiben, bis ich brav aufgegessen hatte. Damals war ich übrigens felsenfest davon überzeugt, ich sei extrem hässlich.
Sie scherzen.
Nein, ganz im Ernst! Meine Schwester war nämlich wunderhübsch, blond und blauäugig. Sie wollte unbedingt zum Film, ich nicht. Dass ich entdeckt wurde, war purer Zufall. Mit 18 habe ich meine Schwester und unsere Mama nur widerwillig zu einem Wettbewerb begleitet, bei dem das schönste italienische Mädchen Tunesiens gesucht wurde. Plötzlich zerrte mich ein Mann auf die Bühne, und ehe ich wusste, wie mir geschah, wurde ich zur Siegerin erklärt: Man legte mir eine Schärpe um den Hals, und ich gewann eine Reise zu den Filmfestspielen von Venedig.

Dort blieben Ihre Starqualitäten nicht länger verborgen. Allerdings wurden Sie in Ihren ersten Filmen immer von anderen Darstellerinnen synchronisiert. Wie fühlte sich das an?
Schrecklich. Oft habe ich mich auf der Leinwand gar nicht wiedererkannt. Erstens hatte ich schon damals eine sehr dunkle, raue Stimme wie ein Mann, und zweitens sprach ich Italienisch mit starkem französischen Akzent. Aufgewachsen war ich mit Französisch, Arabisch und dem sizilianischen Dialekt meiner Eltern. Richtiges Italienisch lernte ich erst allmählich am Filmset – dort kapierte ich anfangs kaum, was man mir zurief. In Federico Fellinis „Achteinhalb“ konnte man zum ersten Mal meine eigene Stimme hören.

0 Kommentare

Neuester Kommentar