Schriftsteller F.C. Delius im Interview : „Ich war stets resistent gegen Utopien"“

Fußball war für den jungen F. C. Delius eine Erlösung. Später kickte er mit Otto Schily. Warum er 1968 einen Stein warf – und was Bill Clinton damit zu tun hatte.

von und
Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius.
Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Friedrich Christian Delius, 72, nennt sich selbst einen „66er“. Genau vor 50 Jahren begann für ihn eine Zeit des Aufbruchs – er nahm an der ersten Berliner Anti-Vietnamkriegs-Demo teil. Als „kritischer, findiger und erfinderischer Beobachter“ bekam der Schriftsteller 2011 den Georg-Büchner-Preis. Im März erscheint von ihm „Die Liebesgeschichtenerzählerin“

Herr Delius, vor 50 Jahren, am 5. Februar, gab es eine Anti-Vietnamkriegs-Demonstration, die legendär wurde. 1500 Teilnehmer, keine beeindruckende Zahl. Können Sie das Bohei darum erklären?

Es war die erste deutsche Demonstration gegen diesen Krieg, also auch gegen die Schutzmacht USA, fünf Jahre nach dem Bau der Mauer. Dann wurde Hand an die US-Flagge vor dem Amerikahaus gelegt, sie stand zwei Minuten auf Halbmast. Und es flogen Eier.

Geplante Provokationen?

Überhaupt nicht. Man ging am Steinplatz los, Hardenbergstraße, Joachimsthaler, Kudamm, die Uhlandstraße zurück, das war’s. Eine Reihe von Leuten bewegte sich in Richtung Zoo, ein paar setzten sich vors Amerikahaus. Einer, der Politik studierte, ging hinein, ein USA-freundlicher Sozialdemokrat, der wie viele, die ein wenig nachdachten, gegen diesen verrückten Krieg war. Einige folgten ihm, drinnen trafen sie auf den Leiter des Hauses, der sagte: Ich bin auch gegen diesen Krieg.

Oha, da war die Luft raus.

Die Demonstranten waren verblüfft. Völlig undenkbar, dass deutsche Autoritäten so eine Meinung äußerten, 1966! Also alle wieder raus, da stand der Fahnenmast. Der Student dachte, irgendetwas muss ich jetzt machen und zog die „Stars and Stripes“ erst herunter, dann auf Halbmast. Nun kamen einige Polizisten, noch ohne jeden kämpferischen Einsatzbefehl und zogen die Flagge wieder hoch. Ich stand auf der anderen Seite der Straße und sah, wie die Eier ans Amerikahaus klatschten. Es gab Ohs und Buhs, das war schon alles.

Das Amerika-Haus in der Hardenbergstraße
Das Amerika-Haus in der HardenbergstraßeFoto: Kai-Uwe Heinrich

Der „Spiegel“ schrieb, es habe sich „um Eier der niedrigsten Preisklasse“ gehandelt.

Welche sonst? Nachdem ich 1997 meine Erzählung veröffentlicht hatte …

… „Amerikahaus und der Tanz um die Frauen“…

… meldete sich der, der die Eier organisiert hatte – und später bei der Schaubühne Karriere machte. Er war um die Ecke zu Bilka gegangen und hatte ein Zehnerpack Eier zu 1,99 DM gekauft. Er versuchte, die unter seinen SDS-Genossen zu verteilen, doch die meisten wollten gar keines. Drei oder vier Eier trafen, ich sah den Dotter an der Fassade runtertropfen. Sofort begann die große Skandalisierung – in der Presse, voran die Springer-Zeitungen. Das Lustigste war, wie aus den Frischeiern faule Eier wurden, später sogar Farbeier.

Die Bürger Charlottenburgs waren nicht gerade begeistert und riefen: Geht doch nach drüben!

Das war strunzdumm, aber verständlich. Sie hatten die Blockade und den Bau der Mauer erlebt und sahen die Amerikaner als Retter.

Aus heutiger Sicht war das ein gewaltfreier Protest. Und doch musste sich der Regierende Bürgermeister Willy Brandt bei den USA entschuldigen…

... dabei machten wir ja nur nach, was die Studenten und Tausende von Professoren in den USA vorgemacht hatten. Einschließlich der Sprüche wie „Hey, hey, LBJ, how many kids did you kill today“. Und der Sit-ins. LBJ stand für den US-Präsidenten Lyndon B. Johnson. Eigentlich waren wir, 1966, keineswegs antiamerikanisch, sondern proamerikanischer als die Schimpfbuben von Springer. Denn die kritische Minderheit, in den USA und Europa, hat sich auf die amerikanischen Werte berufen und zehn Jahre vor den Militärs und Politikern kapiert, welch ein Irrtum dieser Krieg gewesen ist – drei bis vier Millionen Tote am Ende und eine traumatisierte Weltmacht.

Ihr Alter Ego in der Erzählung lässt übrigens für diese Demonstration das Bundesligaspiel von Tasmania 1900 gegen den HSV sausen.

Ja, das Leben besteht aus Versäumnissen.

Also bitte, immerhin kamen Spieler wie Uwe Seeler und Charly Dörfel ins Olympiastadion.

Mit Verlaub, es war Premiere: Das erste Mal demonstrieren, mitten auf der Straße, laut werden. Demokratie üben, ein gutes Gefühl von Lockerung.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben