Schriftstellerin Janne Teller : Meine Schwester, meine Rettung

Autorin Janne Teller wuchs mit einer paranoiden Mutter auf. Die hielt sie für eine Spionin und Brandstifterin. Zum Glück gab es Pia.

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Janne Teller
Janne TellerFoto: dpa

Janne Teller war Konfliktberaterin in Krisenregionen, bevor sie Schriftstellerin wurde. Ihr Jugendroman „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ sorgte wegen seiner nihilistischen Aussagen und der beschriebenen Gewalt für großes Aufsehen und Diskussionen. Zunächst wurde das Buch an den Schulen in Tellers Heimatland Dänemark verboten. Mittlerweile ist es dort Pflichtlektüre.

Janne Teller:

Ich habe, was ungewöhnlich für eine Schriftstellerin ist, das Nervensystem eines Elitesoldaten. Vor ein paar Jahren ist bei einer Untersuchung herausgekommen, dass mein Herzschlag gleich bleibt, wenn ich über echte Gefahren berichte. Zum Beispiel von Überfällen, von denen ich in Afrika mehrere erlebte, als ich dort für die UNO arbeitete. Kommt das Gespräch aber auf bestimmte emotionale Erlebnisse, schnellt meine Pulsfrequenz in die Höhe. Das Private war für mich immer besonders gefährlich.

Meine Mutter ist paranoid. Sie fühlt sich umzingelt von Feinden. Und ihr größter Feind, das war ich.

Meine Mutter hat mir schon als Kind alles Mögliche zugetraut. Als an meinem letzten Schultag unser Gymnasium abbrannte, glaubte sie, ich hätte das Feuer gelegt. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, mit der Ahnung aufzuwachsen, dass einen die eigene Mutter jederzeit einen Abgrund hinunterstürzen könnte.

Meine Schwester war meine Rettung. Pia, so heißt sie, ist dreieinhalb Jahre älter als ich und war schon als Kind sehr fürsorglich. Sie nahm für mich eine Art Mutterrolle ein, gab mir das Gefühl, liebenswert zu sein. Ich erinnere mich, dass Pia oft zu meiner Mutter sagte: „Lass Janne in Ruhe!“ Darüber hinaus hat sie selten unmittelbar Partei für mich ergriffen. Ihr entspricht es eher, die Wogen zu glätten. Noch heute ist das so. Damals ging es ihr darum, sicherzustellen, dass es allen gut ging. Auch mit meiner Mutter.

Meine Schwester bekam wahrscheinlich gar nicht mit, wie feindselig sich unsere Mutter mir gegenüber verhielt. Ich habe mich meiner Schwester als Kind nicht anvertraut, und meine Mutter achtete darauf, dass niemand zuhörte, wenn sie beispielsweise zu mir sagte: „Du gehörst nicht zur Familie“. Oder: „Keiner will dich, Janne.“ Das Perfide war, dass sich meine Mutter der übrigen Familie gegenüber freundlich gab.

Jeder hielt sie für normal, auch mein Vater. Er war Geschäftsmann, überließ meiner Mutter die Erziehung. Sie wollte, dass er kein enges Verhältnis zu mir aufbaut. Mein Vater hielt sich dran. Er machte meiner Mutter einiges recht. Ich erinnere mich gut, wie er später öfters mit meinem Bruder über unser Dach kletterte, weil meine Mutter dort Mikrofone vermutete. Da war meine Schwester aber schon ausgezogen. Sie hat jung geheiratet.

Seitdem wir erwachsen sind, leben meine Schwester und ich oft Tausende Kilometer voneinander entfernt. Dennoch sind wir uns eng verbunden. Pia wohnt in Dänemark auf dem Land. Sie ist Hausfrau, Mutter von drei Kindern und arbeitet ehrenamtlich in einem Hospiz. Mich zog es in die Welt: Nach dem Studium ging ich nach Brüssel zur EU und anschließend nach New York zur UNO, die mich nach Afrika in Krisengebiete entsandte.

Ich empfand es irgendwie sogar als erleichternd, dass in Afrika die Gefahren offenbar waren und nicht mehr unterschwellig wie in Dänemark. In Tansania fand ich mich kurz nach meiner Ankunft mit einer Pistole an der Schläfe auf dem Boden wieder. Trotzdem habe ich das Land nicht verlassen. Ich war das Fehlen jedweder Sicherheit in einem Maße gewohnt, dass mir selbst ein Überfall nicht besonders viel ausmachte.

Bis heute ist meine Schwester die Erste, die ich anrufe, wenn mir etwas zustößt. Wir telefonieren viel. Aber unsere Lebenserfahrungen sind zu unterschiedlich, als dass ich sie groß um Rat fragen würde. Die Entscheidung, bei der UNO zu kündigen und mit der Schriftstellerei Ernst zu machen, habe ich allein getroffen.

Allerdings gab ich ihr als Erster das Manuskript von „Nichts“ zu lesen. Ein Jugendroman, in dem sich ein Junge zum Nihilisten erklärt, was seine Mitschüler ihm austreiben wollen. Meiner Schwester war es zu brutal. Unser literarischer Geschmack ist sehr verschieden. Später sagte sie mir, dass sie das Buch nur zu Ende gelesen habe, weil ich ihre Schwester sei. Sie nimmt großen Anteil an meinem Leben und am Leben vieler anderer Freunde. Sie kümmert sich immer noch um alle. Sogar um meine Mutter – als Einzige aus der Familie. Von meinem Vater hat sich meine Mutter scheiden lassen. Nachdem ich ausgezogen war, richtete sich ihr Verfolgungswahn gegen ihn und seine Firma.

Mir tut meine Mutter leid. Sie stammt aus Österreich und hatte dort als Kind schlimme Kriegserlebnisse. Aber ich bin die Falsche, um ihr zu helfen. Sie glaubt sogar, mich bekämpfen zu müssen. Einmal wandte sie sich an den dänischen Geheimdienst, weil sie mich für eine KGB-Agentin hielt. Das war so abstrus, dass endgültig klar war: Sie ist krank. Doch meine Mutter war bis heute bei keinem Psychologen.

Ein Gutes hatte meine Kindheit. Das Älterwerden macht mir nichts aus. Ich bin gerade 50 Jahre alt geworden und einfach nur froh, kein Kind mehr zu sein.

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