Schutz vor häuslicher Gewalt : Festung der Ehefrauen

Manch einer verfolgte seine Partnerin mit der Axt bis vor die Tore dieser Berliner Villa – 1976 wurde das erste Frauenhaus gegründet.

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Zufluchtsort. Im November 1976 war Eröffnung. Im Haus, das für 70 Frauen und Kinder ausgelegt war, lebten bald bis zu 150.
Zufluchtsort. Im November 1976 war Eröffnung. Im Haus, das für 70 Frauen und Kinder ausgelegt war, lebten bald bis zu 150.Foto: „Frauen gegen Männergewalt“/Frauenselbstverlag Berlin-West

Nachdem das mit den Zähnen passiert ist, das war das Schlimmste. Dass er mir im Hausflur wirklich die Faust ins Gesicht gehauen hat, und ich habe gemerkt: Meine Zähne vorne sind nicht mehr da, beziehungsweise einer war – wie hat die Ärztin geschrieben? – in den Oberkiefer gestaucht. Danach habe ich nur noch lautlos geweint. Er hat mich dann am Kragen genommen, die Treppen hochgeschleppt. Die Kinder haben oben so geschrien, die waren ja vollkommen außer sich. Er hat dann immer wieder gerufen: „Ich bin mit eurer Mutter noch nicht fertig, die bringe ich heute noch um.“ Der Kleene hat auf der Couch gesessen und gesagt: „Papa, du bringst Mama nicht wirklich um, nein?“ Und dann hat er zu dem kleinen Kind, der war drei Jahre, hat er gesagt: „Doch. Heute noch.“ Angelika, 44

In einem ehemaligen Kartoffelladen in der Yorckstraße standen sie manchmal in der Tür: Frauen, die Schutz vor ihren prügelnden Ehemännern suchten. „Damals wussten die nicht, wohin“, sagt Roswitha Burgard, die dort Anfang der 70er Berlins erstes Frauenzentrum mitbegründet hat. Aktivistinnen aus der Yorckstraße verbrachten deshalb einmal 14 Tage reihum bei einer Frau zu Hause, die um Hilfe gebeten hatte, weil sie regelmäßig von ihrem Mann und ihrem erwachsenen Sohn misshandelt worden war.

Roswitha Burgard selbst hatte weder in der Familie noch im Freundeskreis gewalttätige Männer erlebt. Jedenfalls nicht, dass sie davon gewusst hätte. „Häusliche Gewalt wurde Anfang der 70er totgeschwiegen“, sagt sie, „als Ehekrach verharmlost, als Umgang von Asozialen weggeschoben.“

Davon erzählt Burgard heute in ihrem Behandlungszimmer einer Gemeinschaftspraxis. Um den Hals trägt sie ein elegantes Seidentuch, an den Füßen Pantoffeln, Straßenschuhe müssen an der Tür ausgezogen werden. Anfang der 70er hatte sie gerade mit dem Psychologiestudium begonnen und war in Berlins feministischer Szene engagiert. „Als damals in London das weltweit erste Frauenhaus eröffnete, dachten wir uns: So was brauchen wir auch.“

Ein solches Haus würde die Fraueninfrastruktur, die sie in diesen Jahren begründet hatten, Frauencafés, Frauenbuchverlage, Frauenseminare an Unis, auf eine fast romantische Weise ergänzen: Frauen helfen Frauen, die unter dem Machtgefälle zwischen den Geschlechtern am meisten leiden. Doch der Senat blockte ab. Erst müsse ermittelt werden, ob in Berlin Bedarf für eine solche Einrichtung bestünde. Für die Verwaltung schien es ein Problem, dass der Gruppe der Gründerinnen kein Mann angehörte. „Die trauten uns nicht zu, mit ihren Fördergeldern richtig zu wirtschaften.“, sagt Burgard.

Zeugen der Gewalt. Kinder sollten nicht länger erleben, wie ihre Väter die Mütter misshandelten. Zu der Grunewalder Villa hatten Männer keinen Zutritt.
Zeugen der Gewalt. Kinder sollten nicht länger erleben, wie ihre Väter die Mütter misshandelten. Zu der Grunewalder Villa hatten...Zeichnung:

Die erste Bewohnerin klingelte am Abend vor der Eröffnung

Erst als sechs arrivierte Frauen dem Trägerverein beitraten, darunter die damalige Vizepräsidentin des Roten Kreuzes, stellte das Land Berlin eine Villa für das Projekt zur Verfügung. Ein Gründerzeitbau in der Richard- Strauss-Straße 22 Grunewald, mit riesigen Aufenthaltsräumen in Erdgeschoss und Souterrain, aber nur 13 Zimmern im ersten Stock und der Mansarde. „Nicht perfekt geschnitten für unsere Zwecke“, sagt Burgard. Die Adresse wurde unter Taxifahrern gestreut und vor Außenstehenden geheim gehalten. Um den Garten wurde ein Eisenzaun errichtet. Dahinter durfte kein Mann.

Im November 1976 war Eröffnung. Die erste Bewohnerin klingelte bereits am Abend zuvor. Es war die Ehefrau eines hohen Richters, sagt Burgard. Das Asozialen-Klischee war damit widerlegt.

Auch Ilona Böttcher erinnert sich an diese erste Bewohnerin: eine schmale Frau um die 40. Ihr Ehemann hatte ihr Geld, Schlüssel und Ausweis weggenommen. Ilona Böttcher und Roswitha Burgard übernachteten mit ihr im Frauenhaus. Sie wollten sie in der riesigen, leeren Villa nicht allein lassen.

Ilona Böttcher war als Verwaltungsfrau eingestellt worden. Sie habe sich ganz profan auf eine Jobanzeige beworben, erzählt sie beim Treffen in ihrer Tempelhofer Wohnung. Doch im Frauenhaus packte sie – wie alle anderen – überall mit an: Zu jeder Tages- und Nachtzeit klingelten Frauen. Polizisten und Taxifahrer brachten sie. Jede wurde aufgenommen, selbst wenn sie betrunken war. „Wer sind wir denn, dass wir entscheiden, wer über Nacht bleiben darf!“, sagt Böttcher. Ansonsten war Alkohol verboten.

"Und dann hat er mich nicht mal mehr geschlagen"

Bereits einen Monat nach Eröffnung waren alle regulären Plätze belegt. Immer neue Stockbetten wurden in die Zimmer, Gänge, Aufenthaltsräume gestellt. Im Haus, das für 70 Frauen und Kinder ausgelegt war, lebten bald bis zu 150. „Es gab Bedarf, und wie!“, sagt Böttcher.

Sie zieht ein lilafarbenes Buch aus ihrem Regal: die erste Jahresbilanz, herausgegeben im Frauenselbstverlag. Die Gründung des Berliner Hauses war eine Initialzündung, in den meisten größeren Städten wurden fortan ähnliche Projekte geplant, die Berliner lieferten das statistische Material. Von den 615 Frauen, die im ersten Jahr in der Richard-Strauss-Straße betreut wurden, waren drei Viertel von ihren Ehemännern misshandelt worden, ein Fünftel von ihren Freunden, der Rest von Ex-Männern und Verwandten.

Jede zehnte Frau hatte die Gewalt zehn Jahre und länger erduldet. 118 waren von ihren Partnern sogar in Lebensgefahr gebracht worden. „Mich hat der Zustand von Beziehungen erschüttert, am Anfang stand ja mal Liebe“, sagt Ilona Böttcher. Eine Frau habe zu ihr gesagt: „Und dann hat er mich nicht mal mehr geschlagen.“ Schlagen sei für sie Zuwendung gewesen.

Böttcher erinnert sich, dass viele Frauen sich schämten. Sie hatten sich diesen gewalttätigen Partner ja ausgesucht. Verbreitet waren auch Schuldgefühle. Einige glaubten, dass ihr Mann nicht ausgerastet wäre, wenn sie selbst anders reagiert hätten. Im Frauenhaus hörten sie die Geschichten anderer Frauen und erkannten dabei mitunter Verhaltensmuster ihres eigenen Mannes wieder und die Unvermeidbarkeit seines Zorns. Eine Frau habe es mal so ausdrückt: „Habe ich Salz rangemacht, habe ich eine gewischt gekriegt, habe ich kein Salz rangemacht, habe ich auch eine gewischt gekriegt.“ Oft steigerte sich der Jähzorn der Männer noch, wenn die Frauen ins Frauenhaus zogen.

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