Sebastian Leber schaltet nie ab : Das andere Gesicht der Bundeswehr

Die Webserie "Die Rekruten" erzählt das Leben des Bundeswehr-Nachwuchses. Aber wo sind die Mobbingerfahrungen und bizarren Mutproben hin?

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Feierliches Gelöbnis mit Rekruten.
Feierliches Gelöbnis mit Rekruten.Martin Schutt/dpa

Rekrut Sebastian hat in einer Woche vier Kilo abgenommen. Marvin hat seinen Dienstgradtest mit 1,0 bestanden, bekommt dafür jetzt eine Stunde mehr Freizeit. Dominik gerät beim Grüßen noch ein bisschen durcheinander, aber nicht schlimm... Das sind die aktuellsten Entwicklungen der Webserie „Die Rekruten“, mit der die Bundeswehr auf Youtube Freiwillige für eine Laufbahn beim Militär begeistern will.

In kurzen Episoden dokumentiert das Filmteam, was zwölf Rekruten während ihrer Grundausbildung erleben. Die Serie findet große Resonanz, Hunderttausende gucken zu, auch der Tagesspiegel hat schon berichtet. Bleibt die Frage: Wie authentisch ist das Gezeigte? Bemüht sich die Bundeswehr um ein realistisches Bild oder muss sie weich zeichnen?

Mal gucken, was die Crowd sagt. Zum Glück haben in den vergangenen Jahren etliche Soldaten eigene Videomitschnitte von ihrem Berufsalltag ins Netz gestellt. Meistens mit dem Smartphone aufgenommen, oft verwackelt. Und was sieht man da? Soldaten, die betrunken von Stühlen fallen, aus Betten fallen, von Schränken fallen. Die nackt über den Boden robben, sich in Mülleimern verstecken, auf Kommando erbrechen, sich gegenseitig ohrfeigen. Man sieht viele unterschiedliche Möglichkeiten, Alkohol zu trinken. Man sieht aber auch, wie Rekruten Schwulenwitze reißen, Frauen beleidigen, Schwächere schikanieren, mit ihren Sturmgewehren Hinrichtungen nachspielen, den Hitlergruß zeigen.

Das Netz ist voll von solchen Videos. In einem weist der Ausbilder seinen Untergebenen an, sich bei der Schießübung vorzustellen, er ziele auf Dunkelhäutige (vor jedem Feuerstoß soll er deshalb „Motherfucker“ rufen). Drastisch ist auch der Mitschnitt aus einer niedersächsischen Kaserne, in der ein Hauptfeldwebel minutenlang seine Untergebene gängelt und dann ankündigt, er werde sie gleich abknallen. Wer sich selbst ein Bild machen will: auf Youtube wahlweise die Suchwörter „Formaldienst saufen“, „Idioten bei der Bundeswehr“ oder „Bundeswehr – Oh Mann“ eingeben.

Genauso lohnt ein Blick in die diversen Bundeswehr-Foren, in denen sich Betroffene über Mobbingerfahrungen austauschen oder von bizarren Mutproben und Aufnahmeritualen berichten – Urintrinken zum Beispiel oder das Einschließen von Untergebenen im Spind (der dann umgeworfen wird). Es gab Fälle, in denen Soldaten ihren Kameraden mit der Bohnermaschine über den nackten Hintern fuhren.

All das sieht man bei „Die Rekruten“ nicht. Die Macher müssen es irgendwie vergessen haben. Oder sie zeigen absichtlich eine ganz andere, zivilisiertere Gute-Laune-Bundeswehr. Schließlich ist die Truppe seit Aussetzung der Wehrpflicht 2011 auf Freiwillige angewiesen. Käme zum Beispiel McDonald’s auf die Idee, mit einer Webserie um Nachwuchskräfte zu werben, würde ja auch keiner erwarten, dass die Protagonisten dort im Detail schildern, wie sie sich beim Burgerbraten die Hände verbrennen. Der Unterschied ist nur: Die 1,7 Millionen Euro, die das Youtube-Märchen der Bundeswehr kostet, sind Steuergelder.

Gerade haben die Rekruten an einer sogenannten „Push-up-Challenge“ teilgenommen. Aus Solidarität mit Kameraden, die nach Kampfeinsätzen an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden, musste jeder Neuling 22 Liegestütze machen. Rekrut Jerome findet es „wichtig, dass man auf so eine Thematik aufmerksam macht, weil es ja auch ein tiefgründiges Thema ist“.  Außerdem findet er, dass ihm sein Helm sehr gut passt.

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