Apotheken verkaufen illegal Mittel

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Selektive Abtreibungen : "Stirb, aber gib mir einen Sohn!"
Shahane Khachatryan
Ungleich. Nach einer Auswertung der Vereinten Nationen werden 2060 in Armenien 92 000 Mädchen zu wenig geboren.
Ungleich. Nach einer Auswertung der Vereinten Nationen werden 2060 in Armenien 92 000 Mädchen zu wenig geboren.Foto: Shahane Khachatryan

Garegin K.s Frau ist eine von fünf Töchtern. Ihre jüngste Schwester heißt Bawakan. Das bedeutet „ausreichend, genug“. Garekin K. erklärt: „Genug Mädchen, endlich muss ein Sohn kommen.“ Lange Zeit war es in der armenischen Gesellschaft üblich, das dritte oder vierte Mädchen so zu nennen. „Als ich meiner Mutter mitteilte, dass ich unsere Nachbarin Anna heiraten möchte, äußerte sie Bedenken. Sie hatte Angst, dass Anna wie ihre Mutter vielleicht nur Mädchen gebären würde und dadurch unsere Familie zerstört“, erzählt Garegin K.

Wie in Deutschland ist Abtreibung in Armenien nach der zwölften Woche gesetzlich verboten. Deshalb versuchen viele Frauen die Schwangerschaft mit eigenen Mitteln abzubrechen. ,,Diese Methoden werden meist von Frauen auf den Dörfern verwendet. Da es dort keine Krankenhäuser gibt, und sie für die Abtreibung in die Stadt fahren müssten, versuchen sie es auf eigene Faust. Viele von ihnen werden dadurch unfruchtbar oder sterben sogar dabei“, sagt Poghosian.

Ärzte treiben nach Ablauf der Frist ab

In Gruppen auf Facebook tauschen sich junge Frauen über solche Abtreibungsmethoden aus. Dazu zählen verschiedene selbstgemachte Getränke mit Pfeffer und Aspirin, das Tragen von schweren Gegenständen oder die Einnahme von „Cytotec misoprostol“. Dieses Medikament wird eigentlich gegen Magengeschwüre verschrieben, führt aber auch zu Gebärmutterspastiken und wurde daher populär unter verzweifelten Frauen. Obwohl es, anders als die meisten Mittel in Armenien, verschreibungspflichtig ist, verkaufen viele Apotheken das Präparat für weniger als vier Euro pro Packung. Eine gesetzlich erlaubte Abtreibung hingegen kann bis zu 150 Euro kosten.

Zusätzlich hat sich ein ganz neuer Geschäftszweig herausgebildet. „Es gibt Ärzte, die ohne Registrierung am Wochenende oder abends abtreiben – für 100 000 bis 200 000 AMD (das entspricht etwa 200 bis 400 Euro). Die Telefonnummern dieser Ärzte kennen die schwangeren Frauen sehr gut“, sagt Anusch Poghosian.

"Ich lebe nicht, weil ich ein Mädchen war"

Sie glaubt, dass die Rolle der Frau in der Gesellschaft gestärkt werden muss, um die Fälle der geschlechtsbezogenen Abtreibungen zu verringern. Immer wieder gibt es bereits Proteste dagegen. Väter posten beispielsweise in den sozialen Netzwerken Fotos mit ihren Töchtern: „Ich habe eine Tochter, und ich bin glücklich.“ Auf der Northern Avenue, einer der Hauptstraßen Eriwans, stehen einige Paar kleine Schuhe als Zeichen des Protests – für die ungeborenen Mädchen Armeniens.

„Lilit: Ich lebe nicht, weil ich ein Mädchen war“, steht auf dem Zettel vor einem der Schuhe. „Tatewik: Ich bin nicht geboren, da der Erstling ein Sohn sein sollte.“ Oder: „Ani: Ich bin nicht auf der Welt, weil ich den Familiennamen meines Vaters nicht hätte tragen können.“

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