"Stirb, aber gib mir einen Sohn!"

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Selektive Abtreibungen : "Stirb, aber gib mir einen Sohn!"
Shahane Khachatryan
Ungeboren. In der Innenstadt der Hauptstadt Eriwan stehen Schühchen als Zeichen des Protests gegen die Abtreibung von weiblichen Föten.
Ungeboren. In der Innenstadt der Hauptstadt Eriwan stehen Schühchen als Zeichen des Protests gegen die Abtreibung von weiblichen...Foto: Shahane Khachatryan

Ein Mädchen zu haben, sei finanziell gesehen sinnlos

,,Heute schäme ich mich, dass ich nicht für mein ungeborenes Kind gekämpft habe. Damals war ich so abhängig von meinem Mann. Ich hatte keine Arbeit und kein Geld“, sagt sie. Heute will sie über ihre „Schuld“ reden, damit andere Frauen sie hören und nicht abtreiben.

Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern sei für Gesellschaften mit niedrigem Einkommen und ärmeren Verhältnissen typisch, sagt die Expertin Anusch Poghosian. Männer würden für die gleiche Arbeit besser bezahlt, die Frau sei von ihrem Mann finanziell abhängig. Obwohl es auch in Armenien ein Gleichberechtigungsgesetz gibt, würden Frauen weiterhin stark diskriminiert.

Nach Angaben des statistischen Amtes von 2017 verdienen Frauen im Durchschnitt ein Drittel weniger als Männer. Sie können ihre Eltern bei Bedarf nicht unterstützen. „Aus finanzieller Sicht ist es sinnlos, ein Mädchen zu haben“, erklärt Poghosian.

"Ein guter Mann soll einen Jungen bekommen"

„Eine Tochter ist gut, aber ein Junge ist wichtiger!“, sagt auch der 40-jährige Garegin K. aus Eriwan, der als Taxifahrer arbeitet. Als sein erstes Kind geboren wurde, eine Tochter, haben ihm seine Freunde gratuliert. „Ich habe mich fast mit ihnen gestritten. Gratulierten sie mir gerade wirklich zu einem Mädchen? Ein guter Mann soll einen Jungen bekommen!“, ruft Garegin K. empört. „Ich habe meiner Frau gesagt, stirb, aber gib mir einen Sohn!“ Er findet es lustig anzufügen: „Aus Angst hat sie mir tatsächlich einen Jungen geboren.“ Stolz zeigt er das Foto seines einzigen Sohnes.

Nach UN-Angaben ist das natürliche Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen 102 bis106 zu 100. Anusch Poghosian erläutert, dass naturgemäß mehr Jungen als Mädchen geboren werden. Ein weltweites Phänomen, das Forscher damit erklären, dass männliche Embryos zunächst anfälliger sind, weshalb die Natur vorauseilend mehr von ihnen produziert.

Zwischen 2000 und 2005 geriet die Geschlechterverteilung in Armenien nach Angaben des statistischen Amtes am stärksten aus dem Gleichgewicht: Auf 100 Mädchen wurden 120 Jungen geboren. Zuletzt lag die Differenz bei 100 zu 112. Wenn es so weitergeht, werden nach einer UN-Auswertung bis 2060 92 000 Mädchen zu wenig geboren.

In vielen Ländern herrscht bereits Frauenmangel

„Man braucht nur in eine beliebige Schulklasse zu gehen und kann bereits sehen, wie niedrig die Zahl der Mädchen ist“, schlägt die Expertin Anusch Poghosian vor. Sie glaubt, dass dieses Ungleichgewicht zu weiteren gesellschaftlichen Problemen führen wird. ,,In China und Indien, wo die Zahl der selektiven Abtreibungen auch sehr hoch ist, nehmen die Fälle von Frauenhandel und Vergewaltigung zu.“

Seit den 1990er Jahren beobachten die Vereinten Nationen weltweit eine unausgewogene Geschlechterverteilung der Neugeborenen. Besonders in Nepal, Indien, China, Bangladesch, Osteuropa – hier speziell in Albanien – und im Kaukasus herrscht Frauenmangel. Das liegt am technischen Fortschritt. Seit den 90er Jahren lässt sich das Geschlecht, zumindest mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, schon in der zwölften Woche per Ultraschall feststellen. Seitdem sind die ersten Abweichungen vom natürlichen Verhältnis erkennbar.

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