Serienmörder : Die Blutspur von Jack the Ripper

Seine Handschrift war eindeutig: Er durchtrennte seinen Opfern die Kehle und schlitzte sie auf. Wie der Serienmörder Jack the Ripper vor 125 Jahren zum Mythos wurde.

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Johnny Depp als Inspektor im Ripper-Film "From Hell".
Johnny Depp als Inspektor im Ripper-Film "From Hell".Foto: pa/dpa

Mag sein, dass es in London heute Gegenden gibt, an denen man längere Zeit unbehelligt herumstehen kann. Die Ecke Whitechapel Road/Gunthorpe Street gehört nicht dazu. Gerade hat der zweite Bettler vor dem White Hart nach Geld gefragt. Der Pub markiert die eine Seite der Einmündung, die nicht mehr ist als ein Torbogen. Dann ist da noch die junge Frau, die auf der anderen Seite der kaum zwei Meter breiten Gunthorpe Street steht. „Das ist das Tor zu einer anderen Zeit“, murmelt sie, „und ich kann dich hineinführen“.

Das hat sie schön gesagt. Vor allem, wenn man weiß, dass diese Gasse vor ziemlich genau 125 Jahren George Yard hieß. Im August 1888 starb dort die Prostituierte Martha Tabram, getroffen von 39 Messerstichen, allein neun in den Hals, fünf in die linke Lunge, zwei in die rechte, tödlich war der Stich ins Herz.

So grausam der Mord auch war, Martha Tabram wäre längst vergessen – wenn nicht die Möglichkeit bestünde, dass sie dem mutmaßlich berühmtesten Killer aller Zeiten in die Hände fiel: Jack the Ripper. Dafür sprechen: die Gegend, Whitechapel, damals ein übel beleumundetes Viertel im Londoner East End, heute in Teilen chic geworden, in anderen immer noch arm. Das Opfer, eine Prostituierte knapp über 40, der Ripper mordete ausnahmslos Prostituierte, und bis auf eine waren alle über 40. Die Waffe, ein Messer. Der Tattag, er folgte auf den Bankfeiertag, der Ripper schlug stets um Wochenenden oder Feiertage zu. Und 1888 war sein Jahr.

Gegen den Ripper als Täter spricht Donald Rumbelow. Der 73-Jährige mit den buschigen grauen Augenbrauen und einer Stimme, mit der er sich noch inmitten eines Verkehrsstaus Gehör verschaffen kann, ist führender Ripperologe. 30 Jahre lang war er Polizist in der City of London, dann Kurator des Londoner Polizeimuseums. Er hat „The Complete Jack the Ripper“ geschrieben, ein Buch, an dem kein Ripper-Forscher vorbeikommt. Johnny Depp auch nicht. Als der die Hauptrolle im Ripper-Film „From Hell“ übernahm, ließ er sich eine Stunde lang das Viertel zeigen. „Netter Kerl“, sagt Rumbelow, „hatte mein Buch gelesen.“ Er führt regelmäßig zu den Tatorten des Rippers. Das tun andere auch, aber seine Gruppen unterscheiden sich schon durch ihre schiere Größe – manchmal hat er 100 Leute und mehr im Schlepptau.

Als Martha Tabram das letzte Mal lebend gesehen wurde, war sie in Begleitung eines Soldaten. Auch wenn der nie ermittelt wurde, ihn hält Rumbelow für den Täter. Der Ripper, mögen andere sagen, was sie wollen, war es nicht. Der schlug seiner Meinung nach erst drei Wochen später zum ersten Mal zu.

Mary Ann Nichols’ letzter Weg begann am Abend des 30. August 1888 ebenfalls in der Whitechapel Road, wo sie wohl anschaffen ging. Anderthalb Stunden später wurde sie gesehen, wie sie den Pub „The Frying Pan“ in der Brick Lane verließ. Heute zieht die Straße mit ihren vielen indischen Restaurants die Touristen an, damals gab es hier nur schäbige Kaschemmen. Unglücklicherweise vertrank Nichols das Geld, das sie für das Nachtasyl gebraucht hätte, sie blieb auf der Straße. Dort wurde sie gegen 3 Uhr 45 gefunden. Ihre Kleidung war bis zum Bauch hochgeschoben, offensichtlich lag ein Sexualverbrechen vor. Keines, wie man es im East End schon gesehen hatte. Der Inspektor, der die Leiche in Augenschein nahm, sagte, die Tote sei regelrecht ausgeweidet worden, die Kehle durchtrennt, der Unterleib bis zum Magen aufgeschlitzt. „Das“, sagt Donald Rumbelow, „war die Art, wie der Ripper tötete.“

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