Serrahn in Mecklenburg : Ein Dorf für Alkoholiker

In der DDR wurde viel getrunken. Doch Alkoholiker galten als asozial. In einem Mecklenburger Dorf finden Suchtkranke bis heute Hilfe.

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Von der Sucht wegkommen. Die Reha-Klinik in Serrahn befindet sich in unmittelbarer Nähe des Krakower Sees.
Von der Sucht wegkommen. Die Reha-Klinik in Serrahn befindet sich in unmittelbarer Nähe des Krakower Sees.Foto: Mike Wolff

Als hätte der Autor eines kitschigen Heimatromans voll aufgedreht: Vögel zwitschern, die Maisfelder liegen still da, und die Dorfstraße ist übersät mit Pferdeäpfeln. Serrahn ist ein 199-Seelen-Nest in Mecklenburg, 50 Kilometer südlich von Rostock. Im Sommer ziehen hier Großstädter auf ihren Mountainbikes durch. Endlich abschalten.

Oder endlich aufhören. Denn die meisten Besucher kommen nicht nach Serrahn, weil das Flüsschen Nebel so malerisch in den Krakower See fließt. Sie kommen, weil sie nicht mehr weiter wissen. Der Alkohol hat sie kaputt gemacht. Serrahn ist ihre letzte Hoffnung.

Wer in das Dorf fährt, lässt die gotische Kirche rechts liegen, kommt vorbei an einem historischen Traktor und landet schließlich in einer Sackgasse. Vor dem ehemaligen Pfarrhof, einem Backsteingebäude, sitzt Silvio Neu – weiße Stoppelfrisur, Brille, Zigarillo in der Hand – auf einem Plastikstuhl. Der 54-Jährige raucht Kette. Seine Vormittags- ist nahtlos in die Mittagsruhe übergangen. Neu ist Patient in der sogenannten SOS-Station. „Ich war schon mal in Serrahn, damals nebenan in der Reha-Klinik“, erzählt er. Elf Jahre blieb er trocken, jetzt kam der Rückfall. Da entschied Neu, dass er nie wieder zurück in seine bisherige Wohnung will. Er braucht Sicherheit vor sich selbst – und glaubt, sie hier zu finden.

Arznei oder Geschenk - Alkohol ging immer und überall

Das kleine Serrahn ist einzigartig. Nicht nur wegen der SOS-Station, die Alkoholkranken in akuter Not ohne große Voranmeldung hilft, eine bundesweite Besonderheit. Sondern auch wegen seiner Geschichte. 1971 begann man hier, Suchtkranken zu helfen. In der DDR damals ein Novum.

Dabei wurde reichlich getrunken im Arbeiter- und Bauernstaat. Der SED-Führung galt Alkoholismus als Überbleibsel eines eigentlich überwundenen, dekadenten Systems. Trotzdem hatte die DDR 1989 mit monatlich zwei 0,7-Liter-Flaschen Schnaps den weltweit höchsten Pro-Kopf-Verbrauch von Spirituosen. Heute kommt der Durchschnittsdeutsche nicht mal auf einen halben Liter.

Die Alltagsdroge passte gut zum Kollektiv als gesellig-sorgenfreiem Raum ohne Konkurrenzdenken, zu einem Leben „in einer räumlich begrenzten, dafür an Zeit umso reicheren Welt“, schreibt der Berliner Ethnologe und Schnapshändler Thomas Kochan in seinem Buch „Blauer Würger“. „Die Spirituosen-VEB waren in einer größtenteils vor sich hin krebsenden Wirtschaft eine sichere Bank.“ Ob als Tauschmittel, Arznei oder Geschenk – Alkohol ging immer und überall, beim Arbeiter wie beim Stasi-Offizier.

Im ehemaligen Pfarrhaus finden Alkoholkranke seit 1971 unkompliziert Hilfe.
Im ehemaligen Pfarrhaus finden Alkoholkranke seit 1971 unkompliziert Hilfe.Foto: Mike Wolff

Serrahn wird gebraucht

Diese Prägung wirkt nach. Die Zahl jener, die sich buchstäblich zu Tode trinken, ist in Ostdeutschland bis heute höher als im Westen. Im Jahr 2012 kamen in Mecklenburg-Vorpommern 37 Tote auf 100 000 Einwohner. Ein trauriger erster Platz. Auch die anderen Ost-Länder rangieren in der Statistik weit oben. Der Bundesdurchschnitt lag 2012 bei 18 Toten, Berlin knapp darunter. Süchtig nach Alkohol sind im vereinten Deutschland geschätzt 1,3 Millionen Menschen.

Serrahn wird gebraucht. Die SOS-Station mit ihren 15 Plätzen nimmt jedes Jahr mehr als 100 Leute auf, manche für ein paar Wochen, manche für Monate. Daneben gibt es heute eine Reha-Klinik, ein Haus für betreutes Wohnen und eine Übergangseinrichtung zur „Wiedereingliederung in die Gesellschaft“. 40 Angestellte haben die Einrichtungen insgesamt, manche von ihnen sind ehemalige Patienten. Selbst das Ehepaar, das den Bio-Hofladen des Örtchens führt, kennt die Suchthilfe von innen, beide waren früher Patienten.

Heinz Nitzsche ist der Gründervater dieser Kolonie. Und ein Praktiker, das sieht man gleich. Zum grauen Bürstenhaarschnitt trägt er ein kurzärmliges kariertes Hemd. Nitzsche wirkt jünger, als er ist. Vielleicht, weil er mit seinen 72 Jahren noch immer nicht in den Ruhestand gegegangen ist. Er ist jetzt oft im ostukrainischen Mariupol, wo er sich um eine Einrichtung der Diakonie kümmert. „Schon mit 15 hat’s mich zum Elend hingezogen, ich bin Obdachlosen nachgelaufen und habe sie in Gespräche verwickelt“, sagt er. „Das hat etwas in mir bewegt.“

"Kein Wunder, dass der nie besoffen ist"

Später, als gelernter Autoschlosser auf Montage, war Nitzsche fast der einzige Kollege, der sich auch nach Feierabend mit dem Alkohol zurückhielt. Trank er doch mal ein Bier, faltete er vorher die Hände zum Gebet. „Kein Wunder, dass der nie besoffen ist!, sagten meine Kollegen.“ Alkohol, das hat nie zu ihm, zu seinem Glauben gepasst. Statt in der Kneipe zu hocken, verteilte er lieber Bibeln an sowjetische Soldaten. Zehn Stunden wurde er deshalb mal von der Stasi verhört.

Seine 30 Jahre in Serrahn waren für Nitzsche eine Berufung. Evangelische Missionsarbeit an Suchtkranken quasi. „Nach Afrika konnte ich ja nicht.“

Säufer waren in der DDR zunächst Täter, weil sie dem Sozialismus schadeten. Nicht Opfer, denen geholfen werden muss. Wer ständig betrunken den Schichtbeginn verschlief, dem wurde keine Therapie angeboten, sondern ein längerer Aufenthalt im Arbeitslager. Ein System aus Unterstützung und medizinischer oder psychologischer Hilfe gab es, zumindest offiziell, bis zum Schluss nicht. Erst im August 1989 trat eine „Richtlinie über Aufgaben des Gesundheits- und Sozialwesens zur Verhütung und Bekämpfung der Alkoholkrankheit“ in Kraft. Vorher waren es einzelne engagierte Ärzte und Krankenhäuser, die sich auf den realen Bedarf einstellten. Hinzu kamen kirchliche Initiativen.

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