Should I stay or should I go : Kreuzberg oder Karibik?

Ein eiskalter Drink, Liegestuhl, Sandstrand – das ist doch ein Traum. Doch Vorsicht: Reiselust reimt sich auf Urlaubsfrust. Unser Autor ist hin- und hergerissen.

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Martenstein auf Balkonien.
Martenstein auf Balkonien.Foto: Imago, Mauritius, Kai-Uwe Heinrich; Montage: Sabine Mietke

ZEHN GUTE GRÜNDE, DAHEIM ZU BLEIBEN

1. Hierbleiben heißt ja nicht hierbleiben, auf diesem Stuhl, in diesem Büro. Hierbleiben heißt, zum Beispiel: Ausflüge machen. Es gibt das Schöne, der Erholsame und das Interessante auch in der näheren Umgebung, vor allem in Berlin. Sogar das Exotische. Das Dong-Xuan-Center ist ja zum Glück nur teilweise abgebrannt.

2. Wie viel Stress das Hierbleiben doch erspart. Keine ewig langen Autofahrten oder engen Flugzeugsitze, keine verratzten Hotelzimmer, die völlig anders aussehen als das Foto im Internet, keine kaputten Klimaanlagen, keine Fehlkäufe auf fragwürdigen Märkten, keine Ehekrisen auf schattenfreien Wanderwegen bei 38 Grad. Vor allem wer kleine Kinder hat, kann ein bewegendes Lied vom Stress des Reisens singen. Kleine Kinder brauchen das Wegfahren sowieso nicht.

3. Null Risiko. Totale Freiheit. Wenn du an den nahen See fährst, und er ist toll, dann fährst du übermorgen halt wieder hin. Andernfalls nie wieder. Wenn es dir am fernen Urlaubsort nicht gefällt, bist du aufgeschmissen. Das Wetter ist unerfreulich? Macht nichts, es gibt so viele Museen und Ausstellungen. Jeden Morgen darfst du dich entscheiden, wer du sein willst, ein Faulenzer, ein Mensch mit Bildungshunger, ein Flaneur, ein Bastler, ein Picknicker, was auch immer.

4. Die Stadt ist leerer als sonst, bevölkert fast nur von Touristen, ein anderer Rhythmus wird gespielt. Das ist nicht die Stadt, die du kennst, es ist eine andere, die Sommerstadt, leichter, weicher. Und du denkst: All diese Leute kommen hierher, reisen tausende Kilometer, um diese Stadt zu sehen, ich aber lebe hier. Ein gutes Gefühl.

5. Geld ist schon ein Argument. Sogar wenn du dir das Wegfahren mühelos leisten könntest. Kein normaler Mensch kann sich alles leisten. Andere Ausgaben können wichtiger sein, oder sogar schöner. Das neue Fahrrad wäre zum Beispiel auch ein Gewinn an Lebensqualität, ganzjährig.

6. Das Hierbleiben ist eine Herausforderung. Ein psychologischer Abenteuerurlaub. Schaffst du es, ein Leben ohne Pflichten zu führen? Hier und jetzt? Schaffst du es, ohne den Veränderungsdruck des Reisens, ein anderes Leben zu führen, den Takt zu verlangsamen oder zu ändern? Weißt du noch, wer du bist und sein willst, ohne dass die Pflichten an deiner Stelle diese Frage beantworten?

7. Du kannst dich natürlich auch um Dinge kümmern, die liegen geblieben sind. So manches wolltest du schon so lange regeln, es war nie Zeit dazu. Wohnung verschönern, einen Schrebergarten suchen, Bücher sortieren, alte Freunde wiedersehen. Ah, die Patientenverfügung, die liegt schon ewig unausgefüllt herum. Jetzt geht es. Und am Ende des Urlaubs fühlst du dich irgendwie frei, das schlechte Gewissen ist weg, die Freizeit fühlt sich freier an, weil verschiedene Dinge jetzt endlich geregelt sind.

8. Und wenn du einfach das Hierbleiben unterbrichst? Last Minute, drei Tage Paris oder Ibiza oder so was? Oder mal mit dem neuen Rad an die Ostsee? Ganz nach Laune und Gelegenheit? Ohne große Vorplanung? Klingt das etwa nicht gut?

9. Einfach nur schlafen. Einfach nur nichts tun. Warum sollte man dazu wegfahren?

10. Du willst oder musst noch eine ganze Weile in Berlin leben? Der Winter ist hart. Im Sommer verliebst du dich wieder in diese Stadt, die dann ihr Leben auf die Straßen und Plätze verlagert. Berlin kann im Sommer so entspannt und so südlich wirken wie Italien. Überall Wasser, Grün und Dolce Vita. Dieses gute Berlin-Gefühl wird dich durch den Winter tragen. Wenn du den größten Teil des Sommers nicht in Berlin verbracht hast, wenn du die gute Seite der Stadt nicht in vollen Zügen genossen hast, wird der Winter doppelt so hart. Im Sommer hierbleiben, im Winter wegfahren, das wäre ideal.

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