Skifahren in Serfaus : Privatstunde mit Girardelli

Abseits der Pisten, im Tiefschnee, liegt das wahre Glück des Skifahrers. Besonders, wenn ein Olympiasieger vorfährt. Unser Autor hat sich im österreichischen Serfaus einen Jugendtraum erfüllt.

Christian Thiele
Skifahrer in den Bergen um Serfaus.
Skifahrer in den Bergen um Serfaus.Foto: Serfaus-Fiss-Ladis

Links die Zugspitze, rechts der Ortler, vor blauem Himmel und gleißender Sonne hat Serfaus ein Prachtpanorama aufgeboten. Wir sind aus dem Plansegg-Lift ausgestiegen, er sagt: „Nehmt’s heut ein bisserl Rücksicht auf mich“, schiebt sich die Brille vom Helm auf die Nase, „i hab die dünneren Ski“. Klackert hinter dem Rücken die Skistöcke zusammen, als müsste er sich selbst anfeuern – und schon ist er weg, rauscht in raschen, runden Bögen bergab. An der ersten Abzweigung, die wir eigentlich nehmen wollten, ist er schon vorbeigezischt. Wenn auf irgendwen keine Rücksicht zu nehmen ist, dann auf ihn.

„War das Marc Girardelli?“, fragt ein Mann an der Bergstation. Er hat einen Skianzug am Leib und Ski unter den Füßen aus ungefähr jener Zeit, als Marc Girardelli noch den internationalen Skisport dominiert hat. Und ja, das gerade war Marc Girardelli. Der heute 53-Jährige ist hierher, nach Serfaus im Westen Tirols, gekommen, um mit uns im Pulverschnee zu fahren. Eine einmalige Aktion – aber Girardelli bietet für Interessierte regelmäßig Ski-Privatstunden wie diese an.

Ich war Anfang der 90er Jahre ein extrem ehrgeiziger, extrem fleißiger und extrem unbegabter und daher extrem erfolgloser Skirennfahrer, meine jämmerliche Karriere endete in etwa zur gleichen Zeit wie die von Marc Girardelli. Nur hatte der damals alles gewonnen, was es im Skirennsport zu gewinnen gab, von der Abfahrt auf der Streif bis zum Slalom in Kranjska Gora. 46 Weltcupsiege, 13 Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympia, einer von ganz wenigen, die in allen fünf Skidisziplinen Rennen gewonnen haben, kurzum: Ein Held meiner Kindheit saß da gerade mit mir im Sessellift. Und wenn man einen Helden schon mal trifft, von Angesicht zu Angesicht, dann will man ihn auch beeindrucken. Also klackere ich hinter dem Rücken meine Skistöcke zusammen, und schon bin ich weg, rausche in halbwegs raschen, halbwegs runden Bögen bergab, ihm hinterher.

Serfaus hat sich als einer der ersten autofreien Orte in den Alpen autofrei erklärt

Man hört ein bisschen Holländisch (es sind gerade Krokusferien), man hört ein bisschen Russisch (es sind gerade orthodoxe Weihnachtsferien), aber ansonsten hat man viel Platz auf den Pisten. Und vor allem, das ist das Spannende – auch daneben!

„Schaut’s mal, da fahren wir nachher“, sagt Markus. Er steht neben Girardelli, er ist die Tage unser Guide und zeigt in einen unberührten Hang. Er kommt aus dem Bayerischen Wald, das hört man manchmal noch, aber er wohnt schon seit Jahren hier in Serfaus, das hört man vor allem. Das kehlige „Kch“, das man hier und in Vorarlberg und in der Schweiz spricht, spricht auch er. Im Sommer bohrt er Klettersteigrouten ein, im Winter fegt er mit seinen Gästen durch die Pulverhänge.

Star im Schnee. Marc Girardelli (weiße Jacke, rote Hose) gibt Tipps.
Star im Schnee. Marc Girardelli (weiße Jacke, rote Hose) gibt Tipps.Foto: Serfaus-Fiss-Ladis

Es ist ein ordentlicher Winterstart gewesen hier, die Schneekanonen konnten seit November quasi durchgehend an der Unterlage arbeiten und künstliches Weiß auf die Almwiesen und Ziehwege ausbreiten. Aber der letzte echte Schneefall ist eine Woche her, die Grate und Rippen sind abgeblasen oder freigeschmolzen. Finden wir da in den Mulden und Rinnen wirklich noch unverspurten, frischen Pulverschnee? Denn das ist ja das, was einem Tiefschneefahrer gefällt.

Vom Hotel geht es per U-Bahn zur Talstation. Als einer der ersten Orte in den Alpen hat sich Serfaus in den 70er Jahren als autofrei erklärt. An der Talstation leihen wir uns extrabreite Ski aus, sie haben mehr Auftrieb als die normalen Pistenbretter und lassen einen deshalb im Gelände abseits der präparierten Hänge weniger einsinken. Einen Helm hat auch jeder aufzusetzen. Und Markus hängt jedem noch einen kleinen Kasten um den Hals, etwas größer als eine Zigarettenschachtel und unter die Jacke zu ziehen: „Das ist der Lawinenpiepser, damit wir euch auf jeden Fall finden, wenn ihr euch im Schnee verirrt.“

Der Schneeflüsterer Markus hat das richtige Timing

Ein, zwei Fahrten kurven wir uns auf der Piste warm, gewöhnen uns an die breiteren Kurvenradien der Tiefschneelatten. „Läuft eh super bei euch!“, meint Markus. Ein guter Skiführer ist halt auch und vor allem ein Gute-Laune-Macher, ein Motivierer. Und selbst Girardelli, der früher als Rennläufer immer so bärbeißig, so grimmig wirkte, lässt sich anstecken von Sonne, Himmelblau und Prachtpanorama. Erzählt im Lift Apothekerwitze, plaudert mit diesem, befragt jenen. Er kommt ursprünglich aus Vorarlberg, ein paar Täler weiter, wohnt heute in der Schweiz. Er wollte Serfaus mal kennenlernen, damit er dort mit seinen Kunden – er arbeitet jetzt unter anderem als Berater – Skifahren gehen kann.

Dann geht es zum ersten Mal ins Gelände, jenseits der markierten Piste. Es lockt ein steiler Hang, vom Masnerkopf auf fast 3000 Metern nach Südosten ausgerichtet. Hat die Sonne den in der Nacht gefrorenen Harschdeckel schon aufgeschmolzen, oder sind wir noch zu früh dran? Dann würde man immer wieder einbrechen, „Lernschnee“, wie das bei Skilehrern heißt.

Aber Schneeflüsterer Markus hat das richtige Timing gehabt, der Hang ist butterweich, noch keiner ist ihn heute gefahren, wir dürfen die ersten Spuren hineinfräsen. Genauer gesagt: die ab der zweiten, denn vorneweg ist natürlich der Mann in dem rot-weißen Skidress, mit dem silbernen Helm, alles für den Fall, dass ihn einer nicht gleich erkennt, mit dem eigenen Namenszug beschriftet: Marc Girardelli. Er hatte sich ja schon in Jugendtagen mit dem österreichischen Skiverband verkracht, hatte deshalb alle seine Siege und Medaillen für Luxemburg geholt. Ein Einzelkämpfer. Den Körper kompakt nach unten und vorne gedrängt, pest er durch den Schnee, als wäre es 1992, als müsste er gerade den zweiten Lauf im Riesenslalom von Alta Badia gewinnen. Schluss mit dem Tagtraum, ich stürze mich hinterher. Die schweren, breiten Tiefschneelatten tun ihre Arbeit und tragen mich in sanften Schwüngen ins Tal.

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