Skiurlaub : Zehn Gründe für die Leutasch in Tirol

Es gibt hier mehr Loipen, Wanderwege und Schnee als anderswo. Und überall duftet es nach Knödel oder Topfenstrudel.

Die Leutasch ist kein Ort, sondern eine Gemeinde aus 23 Dörfern und Weilern in einem Hochtal. Im Bild das zentral gelegene Weidach und die Hohe Munde (2662 Meter).
Die Leutasch ist kein Ort, sondern eine Gemeinde aus 23 Dörfern und Weilern in einem Hochtal. Im Bild das zentral gelegene Weidach...Foto: Iris Krug

1 LOIPEN

Sechs Scheinwerfer fräsen einen Lichtkegel in die Finsternis. Feine Flocken wirbeln umher. Die Uhr zeigt sechs Uhr in der Früh, und Helmut Krug ruckelt durch pulverigen Neuschnee, einen 210 PS starken Motor im Rücken, welcher zwei Ketten antreibt, die Armatur meldet minus zehn Grad draußen. In der Fahrerkabine ist es mollig warm, sogar die Scheiben sind beheizbar, freier Rundumblick ist wichtig in einem Loipenspurgerät, „mir sog’n Pistenbully“, spricht Krug. Seine linke Hand hält ein kleines Lenkrad, die rechte umfasst einen Joystick mit Knöpfen, so steuert er Schneeschieber und -greifer vorn, die blaue Welle, maximale Drehzahl 1600 pro Minute, und die zwei Spurplatten hinten. Er glättet die Loipe für die Skater oder hinterlässt scharfkantige Dellen für den klassischen Langlauf – eine bis zu neun Meter breite Sportschneise. Sein Morgen, wenn die Touristen noch in den Betten liegen, führt ihn über weite Ebenen und enge Forstwege, wo Zweige an die Scheiben klatschen, die Scheinwerfer bestrahlen Märchenland. 40 Jahre Erfahrung lassen Krug ahnen, wo die weiße Decke zu dünn ist oder die Spur zu schmal, virtuos verteilt und begradigt er den Schnee, mal vier, mal sechs Stunden, je nach Wetterlage, jeden Wintertag, die Leutascher Ecke zum Inntal hin ist sein Revier. Noch sieben weitere Kollegen der „Olympiaregion Seefeld“ sind jetzt unterwegs, insgesamt 279 Kilometer Loipen zu präparieren, es gibt kaum Vergleichbares in Europa für alle, die Skilanglauf lieben. Als der Morgen anbricht, gegen acht Uhr, die Buffets fürs Frühstück sind gerichtet, ist der Himmel verhangen. Ganz allmählich gleichen sich die Farben von Landschaft, Wolken und Schnee an und verschmelzen zu einem milchig-trüben Brei, in dem sich alle Konturen auflösen. Nur geübte Augen finden sich in diesem Licht zurecht. Herr Krug zieht im wendigen Schneepanzer weiter seine Bahnen.

2 TAL

Es ist eine gottesfürchtige Gegend, zwei Pfarrkirchen und 24 Kapellen, niemand soll es weit haben, um zu beten. Die Leutasch also, kein kompakter Ort, sondern Name für ein Tiroler Hochtal, das aus 23 Dörfern und Weilern besteht, eingekerbt in steil aufragende Zweieinhalbtausender, an die sich im Nordosten die Zugspitze lehnt. Forstwirtschaft und Jagd sind seit Jahrhunderten der Broterwerb gewesen; früher schlugen im Sommer 300 Holzknechte die Bäume und schickten sie durch eine Rutsche ins Inntal. Längst gibt’s auch Fremdenverkehr, aber was für einen: Der winterliche Gegenentwurf zu Gondeln und Liften und Schneekanonen, dem Ballermann-Après-Ski, den Nerzmänteln, der akustischen Beschallung. Gemächlich fließt die Ache durch die sich 16 Kilometer hinziehende Leutasch, stürzt sich in einer Klamm über die deutsche Grenze nach Mittenwald. 2800 Einwohner, 4600 Gästebetten, meist Privatpensionen, kaum Hotels.

3 GANGHOFER

Vollbart und blonde Locken, er ginge locker als Hipster aus Neukölln durch und ist doch 100 Jahre tot. Ludwig Ganghofer war ein Star seiner Zeit, mehr als 30 Millionen verkaufte Bücher, Landschaftsbeschreibungen und Liebesglück, seine Theaterpremieren waren in München und Wien gesellschaftliche Ereignisse, seine Stoffe werden bis heute verfilmt („Der Jäger von Fall“; „Nur der Berg kennt die Wahrheit“). Ein Geld hat er gehabt, welches ihm ein feudales Leben ermöglichte, und so konnte er 20 000 Hektar Jagd pachten und das Haus Hubertus, 1896, hinten im Gaistal, wo er „Das Schweigen im Walde“ schrieb. Ein Naturpoet: „Ihnen zu Füßen lag der Nebel ausgegossen, flach und weiß wie Milch, und drüber stiegen aus dem Meer dieser silbernen Dünste die Steinkolosse der Wetterschroffen auf, über deren wild zerrissenen Grat die goldleuchtenden Schneegehänge der Zugspitze herüberblickten.“ Den armen Bauern war so einer nicht geheuer, der feudale Feste feierte und das Bier über 120 Kilometer aus der bayerischen Hauptstadt ankarren ließ. Aber der Fremde setzte bald 30 Leute in Lohn und Brot, die dem narrischen Jäger zur Hand gingen. Und heute kann jedes Leutascher Kind aufsagen, welche befreundeten Zeitgenossen der berühmte Ganghofer anlockte: Rainer Maria Rilke, Richard Strauss, Hugo von Hofmannsthal, und der Ludwig Thoma kam aus München sogar mit dem Radl daher, Respekt! In Kirchplatzl haben sie Ganghofer, der 20 Jahre blieb, ein Museum gewidmet. Sein abgenutzter Schreibtisch mit Stuhl steht da, die runde Metallbrille liegt in der Vitrine neben dem kecken Jägerhut, aufgeschlagene Hausbücher mit Eintragungen und Aquarellzeichnungen; er ist auch ein begeisterter Fotograf gewesen, und posiert hat er gern, mit Flinte, mit Gästen, mit Enkeln, einem Rehkitz. Nebenbei schrieb er Sätze wie: „Und die Einsamkeit verträgt nur jener, der sich selbst in jeder Stunde etwas zu sagen hat.“

4 THERME

Immer zur vollen Stunde steht ein Mann vor dem Dampfbad und schöpft Nackten mit einer Holzkelle aromatisiertes Salz in die Hände, die reiben sich damit die Haut ab. Das sei „a Pilling“, erklärt er. In der Finnischen Sauna fordert einer beim Aufguss „Hois owe“, also der Handtuchwedler möge die unter der Decke stehende Hitze bitte gleichmäßig verteilen. Das „Alpenbad“ liegt am Waldesrand von Weidach, dem Hauptort von Leutasch, ausladend und leuchtend, es birgt Wasserfall und Eisbecken, Kneippbäder und Schwitzhütte, Ruheräume und ein großes Schwimmbad mit acht Bahnen, mehrere Saunakammern, und wer will, geht ins Freie und reibt sich mit Schnee ab. Von einem Außenbecken steigt Dampf auf, man kann sich auf Unterwasserliegen fläzen und schaut wohlgewärmt auf die Winterlandschaft ringsum. In einer dieser klaren Nächte muss Ganghofer geschrieben haben: „Wie stark und feurig in der reinen Höhenluft die Sterne funkelten! Als wären es andere, schönere Sterne als jene, die man dort unten sieht in der staubigen Ebene und im Ruß der Stadt!“

5 SÜSSES

Beim Skilanglauf, weiß das Fachmagazin für Waschbrettbäuche „Fit For Fun“, würden 95 Prozent der Körpermuskulatur in Schwung gebracht, dieser Sport sei „die Fettschmelze schlechthin“. Und doch geht Abnehmen in dieser Gegend schlecht, wo an jedem Berg eine bewirtschaftete Hütte lauert, hinter jeder Schneewehe eine Alm oder ein Gasthaus, von überall lockt der Duft von Kaiserschmarrn, Speckknödeln und Strudeln. Und diese backt keine besser als Magdalena Gabl, leicht erkennbar an ihrer schwarzen Mähne. Am Abend, wenn sich Stille und Dunkelheit übers „Ferienheim Wildmoos“ legen, macht sie drei verschiedene Strudelfüllungen und lässt sie über Nacht kühl ruhen, in der Herrgottsfrüh schiebt sie dann Apfel-, Topfen- und Mohnstrudel in den Ofen. Ja mei, erzählt sie, sie habe lange mit den Zutaten experimentiert, und so einen „drockenen Dopfn kriagts ihr in Berlin nehd“. Sie hat das Rezept für ihren saftigen, lockeren Mohnstrudel dann noch mal rausgerückt (siehe Kasten) und mit ein paar Tricks ergänzt, an ihr soll’s nicht scheitern.

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