Amoklauf : „Das Wichtigste ist, die Wahrheit zu erfahren“

Erika Fatland bewegen vor allem die Fragen der Eltern: Wie trauert man richtig? Ist es in Ordnung, Geburtstage zu feiern? Und wie oft muss man auf den Friedhof?

von und Interview
Erika Fatland. Foto: Mike Wolff
Erika Fatland.Foto: Mike Wolff

Erika Fatland, 29, hat als Sozialanthropologin Amokläufe untersucht. Sie beschäftigte sich gerade mit den Folgen der Geiselnahme von Beslan, als ihr Cousin auf Utøya getroffen wurde. Ihr Buch „Die Tage danach“ schildert, welche Folgen das Attentat vom 22. Juli 2011 für Norwegen hatte. Fatland lebt in Oslo.

Frau Fatland, wie hat sich Norwegen nach dem Amoklauf von Utøya verändert?

Utøya ist Teil unseres Selbstbildes geworden. Jeder in Norwegen weiß, wo er an diesem Tag war und was er gerade gemacht hat.

Wo waren Sie, als der Rechtsradikale Anders Breivik in Oslo eine Bombe zündete und im Sommerlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation 77 Menschen erschoss?

In Portugal. Mein Bruder rief aus Oslo an, erzählte von zersplitternden Fenstern und rennenden Leuten. Das war noch innerhalb meiner Vorstellungskraft. Man rechnete ja damit, dass der Terror irgendwann auch Norwegen erreicht – wobei alle dachten, dass es muslimischer Terror sein würde. Dann kam die verstörende Nachricht, dass jemand auf Utøya schießt. Und dass mein Cousin Lars im Feriencamp war. Er wurde als einer der Ersten getroffen.

Ihr Cousin hat überlebt?

Er versteckte sich im Gebüsch, verlor immer wieder das Bewusstsein. Lars’ Lunge war durch die Schüsse punktiert und mit Blut gefüllt. Sein Glück war, dass die Polizisten, die ihn fanden, auch Sanitäter waren.

Was macht er heute?

Er ist 20 und studiert. Ein Jahr lang hatte er große Probleme, mit Geräuschen, unerwarteten Ereignissen. Sein Vater behauptete schließlich, er müsse einen Traumatologen aufsuchen, um Schmerzensgeld zu bekommen. Ich weiß noch, wie ich Lars in einem Hotel interviewte. Ich ging Kaffee holen, und als ich wiederkam, war er außer sich. Er sagte, ein Mann sei gekommen, um die Minibar zu kontrollieren. Lars ist ihm gefolgt und hat geschaut, ob er eine Waffe hat.

Der Terror kam Ihnen sehr nahe. Nicht zum ersten Mal.

Sechs Jahre lang habe ich über die Geiselnahme von Beslan im Jahr 2004 geforscht, als Terroristen Schulkinder in ihre Gewalt brachten und 331 Menschen starben. Erst für meine Masterarbeit, dann für ein Buch. Ich hatte wirklich nicht vor, ein weiteres Buch darüber zu schreiben, wie sich Terror an Kindern und Jugendlichen auf eine Gesellschaft auswirkt. Doch dann kam dieser 22. Juli, und das Thema hatte plötzlich eine Relevanz, die ich mir nie hatte vorstellen können.

Sie sind von Spitzbergen bis nach Südnorwegen gereist, um die Eltern der Opfer zu treffen. Was war in Norwegen anders als in Beslan?

Nach Beslan kam ich drei Jahre nach dem Anschlag. Die Geschichten der Opfer waren komprimiert, fast niemand wollte detailliert über das Vergangene reden. Bei den Norwegern waren die Geschichten frisch, sie waren gute Erzähler. Bei unseren ersten Treffen hatten viele noch nicht verstanden, dass ihre Kinder tot waren. Sie sagten, dass sie morgens oder nach einem Mittagsschlaf aufwachten und in den ersten Sekunden dachten, alles sei normal und sie seien glücklich. In Beslan hörte ich immer: Es wird schwerer mit den Jahren, nicht einfacher. Das Leben rundherum normalisiert sich, das eigene bleibt für immer verändert.

Gab es ein Schicksal, das Sie besonders berührte?

Tamta, eine Austauschstudentin aus Georgien, 23 Jahre alt. Sie starb in den letzten fünf von 189 Minuten der Tat. Ihre Eltern sind Rentner, waren finanziell abhängig von ihrer Tochter, die ihr einziges Kind war, ihr Lebenssinn. Die Mutter wollte Tamta erst gar nicht ins Ausland fahren lassen, aber man sagte ihr: Was willst du, Norwegen ist das sicherste Land der Welt.

Brachte der Prozess gegen Breivik, der vor einem Jahr begann, Genugtuung für die Opfer?

Nach norwegischem Recht hat er die Höchststrafe bekommen, und er wird vielleicht nie mehr aus dem Gefängnis entlassen. Was mich in gewisser Weise befriedigt: Am Anfang hat er den Kontakt zu anderen Rechtsradikalen gesucht, der NSU-Terroristin Beate Zschäpe etwa, aber das wurde unterbunden. Jetzt bekommt er Briefe von Christen. Nicht nur, dass er kein Gift mehr verspritzen kann, er wird auch von Predigern bestürmt, die seine Seele retten wollen.

Beate Zschäpe muss sich ab 17. April wegen zehnfachen Mordes verantworten. Taugt das Breivik-Verfahren als Vorbild für einen solchen Prozess?

Bei Breivik dachte man im Vorfeld, eine Show beginnt. Journalisten haben ihre Akkreditierungen auf Twitter gepostet. Der Prozess aber war würdevoll. Die Opfer bekamen viel Platz für ihre Geschichten, im Gegensatz zu anderen Verfahren. Die Nebenklägervertreter durften Fotos der Toten zeigen und im Namen der Familien eine kurze Ansprache halten.

Dass nicht alle Angehörigen im Gerichtssaal Platz hatten, erregte keinen Unmut?

Die Eltern durften im Saal sein, wenn die Autopsie der Kinder verlesen wurde. 10 Minuten für jeden, das war wichtig für sie. Ansonsten gab es in jeder betroffenen Gemeinde eine Videoübertragung im örtlichen Gericht nur für die Überlebenden und die Angehörigen. Sehr formal, alle mussten aufstehen, wenn die Strafkammer eintrat.

Sie waren jede Woche beim Prozess. Wie haben Sie Breivik erlebt?

Seine Emotionslosigkeit fiel mir auf, das unbewegte Gesicht. Er hatte eine seltsame Art zu reden, ohne Melodie, trocken, mit einer femininen Stimme. Er ist besessen von Details, ein Pedant. Ich stelle keine Diagnose, wie es die zehn Wochen, die der Prozess dauerte, Hobby der Nation war. Aber es ist klar, dass er emotional gestört ist. Einmal wurde ein Video gezeigt, das er auf Youtube gestellt hatte, zehn Minuten über Tempelritter. In diesem Moment zoomte die Kamera auf ihn und man sah, dass er tränenüberströmt war.

In der Berichterstattung scheinen die Opfer von Amokläufen zu einer anonymen Masse zusammenzuschmelzen, während der Täter in all seiner Individualität wahrgenommen wird.

Breiviks Bild war jeden Verhandlungstag auf der Titelseite des „Dagbladet“. Die Leute haben irgendwann aus Protest die Zeitungen in den Zeitungsständern umgedreht. Die ersten Medienberichte vom 22. Juli waren sehr unüberlegt: Man hat Material von Breiviks Facebook-Seite genommen, Fotos von ihm in Uniform. Keiner dachte daran, dass dies genau in seinem Sinne war.

Das Erlanger „Institut für Medienverantwortung“ forderte damals, sein Gesicht nicht zu zeigen. Andere Medienkritiker plädieren dafür, die Berichterstattung über Amokläufer zu beschränken, ihre Namen nicht zu nennen.

Die norwegische Regierung schreibt seinen Namen in ihrem Abschlussbericht nicht, es heißt nur: „der Täter“. Ich selbst habe es in den Gesprächen so gehalten, dass ich seinen Namen erst mal nicht erwähnt und abgewartet habe, wie es die Angehörigen handhaben. Die meisten wollten seinen Namen nicht aussprechen.

Breivik sah sich als eine Art Kreuzritter. Ist es wichtig für die Opfer, seine Ideologie zu kennen?

Die Überlebenden haben sein Manifest gelesen. Sie wollen die Ideologie dahinter bekämpfen. Die Eltern der Toten haben sich davon eher ferngehalten. Interessant ist ohnehin nur der dritte Teil, in dem er über seine Person schreibt, der Rest ist aus dem Internet zusammenkopiert. Einmal durfte er vor Gericht seine Ideologie erklären. Das war wirres Zeug über Verschwörungen, Sexualkrankheiten oder den Eurovision-Songcontest. Er wollte als besonnener Mann erscheinen, aber je mehr er redete, desto irrer klang er.

Der Film „Wir müssen über Kevin reden“, der vergangenes Jahr in den Kinos lief, erzählt von der Mitschuld einer Mutter am Amoklauf ihres Sohnes. Haben Sie über Breiviks Eltern etwas herausgefunden?

Sein Vater lebt in Frankreich, hat vier Kinder und mit keinem von ihnen Kontakt. Er ist der einzige Verwandte, der Interviews gegeben hat. Auffällig war, dass er nur über sich sprach: Warum tut mein Sohn mir das an? Wie kann er mein Leben als Rentner zerstören? Kein Gedanke an die Opfer – wie sein Sohn kreist er nur um sich selbst. Der ehemalige Arbeitsplatz der Vaters, das Handelsministerium, war gegenüber vom Parkplatz vor dem Staatsministerium, wo Breivik die Bombe zündete. Der Vater war als Jugendlicher Mitglied der sozialdemokratischen Jugendorganisation, auf die Breivik auf Utøya sein Massaker verübt hat.

Und die Mutter?

Das Verhältnis zu ihrem Sohn war nicht normal. Als Breivik 25 war, wurde seine Mutter von ihrem damaligen Freund verlassen, Breivik schenkte ihr zum Trost einen Vibrator. Das hat die Mutter der Polizei erzählt, sie fand das witzig. Breivik hat die Tat in ihrer Wohnung geplant, er hatte seine Waffen dort, die Uniformen, Teile der Bombe. Sie hätte alles verhindern können. Dies wird wohl unerklärt bleiben, denn vor wenigen Wochen ist sie nach langer Krankheit gestorben.

„Der Amokkomplex“ heißt das Buch, in dem die Autorin Ines Geipel die Amokläufe von Erfurt, Emsdetten, Winnenden oder Littleton untersucht. Es fällt auf, wie sehr sich Taten und Täter ähneln.

Die meisten Täter waren in Kontakt mit psychiatrischen Institutionen. Breivik war vier, als das Jugendamt ihn untersuchen ließ, weil seine Mutter mit ihm überfordert war. Die Psychologen waren sehr besorgt. Er zeigte keine Emotionen, spielte nicht, ging nur nervös herum. Die Mutter hatte schwere psychische Probleme, sie war aufbrausend, in einem Augenblick zog sie ihn liebevoll an sich heran, im nächsten stieß sie ihn weg.

Im Umkehrschluss hieße das: Achtet man auf Warnsignale, sind Amoktaten zu verhindern.

Die Psychologen rieten damals, Breivik der Mutter wegzunehmen. Ein Rat, der nicht leichtfertig erteilt wird. Aus irgendeinem Grund hat man nichts unternommen, die Mutter gewann sogar einen Sorgerechtsstreit gegen den Vater. Mit 15 war Breivik Sprayer und fuhr mit dem Zug allein nach Kopenhagen. Man nahm ihn fest, da hätte man ihn sich näher angucken können – das sagt sich im Nachhinein natürlich leicht.

Er hatte legale Waffen, wie viele so genannte Schoolshooter.

In seinem Manifest beschreibt er, wie er nach Prag fuhr, um illegale Waffen zu bekommen. Breivik dachte, er sei in einer Mafia-Metropole und fragte angebliche Kriminelle. Er hat keine Waffen bekommen, er hat sie später legal in Norwegen erworben, als Mitglied eines Schützenvereins.

Nach dem Attentat sagte der norwegische Regierungschef: „Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“ Beeindruckend.

Dieses Statement war vorformuliert, für den Fall eines Terroranschlags. Es war wichtig, die Tonlage zu setzen, doch dadurch war wenig Platz für die Wut über 77 Tote. Jeder sollte voller Liebe und Toleranz sein, mit Rosen marschieren. Viele Eltern waren jedoch hasserfüllt. Sie wollten nicht gerade die Todesstrafe, das ist weit weg von uns. Aber sie sagten: Hätten sie ihn doch gleich erschossen. Meine Großeltern waren einen Tag bei Gericht, wegen Lars, meinem Cousin. Mein Opa war sehr wütend, er sagte, er habe sich die ganze Zeit vorgestellt, seinen Stock auf Breivik zu werfen.

In den USA spricht man von der „Generation 9/11“ und meint die, die im Schatten des Terrors aufwuchsen. Wird es eine norwegische Generation Utøya geben?

Viele Teilnehmer des Sommercamps kommen aus der Jugendorganisation der Arbeiterpartei. Sie werden einmal Politiker werden oder hohe Positionen in der Gesellschaft haben. Ihre Erfahrung bringen sie dorthin mit. Ich selbst bin zu alt für eine Parteijugend, aber ich kenne viele, die sagen, sie hätten immer schon etwas machen wollen, und nach dem 22. Juli wurden sie Mitglied.

Die Leute wurden politischer?

Die Jugendorganisationen verzeichneten einen großen Zulauf. Andererseits waren im September 2011 Wahlen, sechs Wochen nach dem Attentat. Alle dachten, das gibt eine Rekordwahlbeteiligung, die Leute wollen sich zur Demokratie bekennen. Tatsächlich blieben 35,5 Prozent der Wähler zu Hause, so viele wie nie zuvor.

Reden Sie mit Ihren Freunden über Utøya?

Nein. Alle haben sich monatelang damit beschäftigt, haben während der Arbeit den Prozess im Internet verfolgt. Als das Urteil kam, war es für die Norweger ein Abschluss. Sie wollen Abstand.

Was haben Sie in Beslan über die Langzeitfolgen von Terror herausgefunden?

Ich würde jetzt gerne sagen, dass die Menschen nett zueinander sind, einander helfen. Das stimmt nicht. Die Leute beschuldigten irgendwann nicht nur die Behörden, sondern auch einander. Die Lehrer, die Direktorin, die Eltern, sie leben alle in dieser kleinen Stadt und sind einander feind. Manche erhielten Geld und Geschenke, Neid kam auf. Dazu die Fragen, wie man richtig trauert. Darf man Geburtstage feiern, darf man arbeiten, wie oft muss man auf den Friedhof? Die Leute in Beslan sagen: Was danach geschah, war viel schlimmer als der Anschlag.

Gibt es einen Unterschied, ob so etwas in Norwegen passiert oder im Nord-Kaukasus?

Ja. In Beslan haben die Behörden ganz offensichtlich und systematisch gelogen – für diese einfachen Leute war das ein Riesenschock, als etwa herauskam, dass die Spezialeinheiten Explosionen an der Schule provoziert hatten. In Norwegen hatte die Polizei einen Hinweis auf Breiviks Autokennzeichen, aber der stand unbeachtet auf einem gelben Post-it, und die Polizei fuhr 20 Minuten ahnungslos hinter Breivik her. Doch immerhin gibt es einen offiziellen Bericht, in dem dieser und andere Fehler dokumentiert sind. Mir wurde richtig schlecht, als ich ihn las, aber die Detailgenauigkeit und Ehrlichkeit waren eine Entschädigung.

Konnten Sie ein Muster feststellen, wer am besten mit einer solchen Tat fertig wird?

Die, die sich entscheiden, nicht zu verbittern, haben es am leichtesten. Die Eltern des 14-jährigen Johannes sagten: Wir können und wollen weiterleben. Es hilft, wenn man jüngere Kinder hat, einen neuen Lebenssinn findet. In Oklahoma, wo 1995 ein Bombenanschlag 168 Menschen das Leben kostete, setzte ein Vater das Engagement seiner Tochter gegen die Todesstrafe fort, in Winnenden engagieren sich Eltern gegen Waffen.

Sie schreiben, dass viele Eltern alles getan haben, um etwas über die letzten Minuten ihrer Kinder zu erfahren.

Sie haben andere Jugendliche angerufen und Fragen gestellt. Die Wahrheit zu erfahren, auch wenn sie schlimm ist, ist das Allerwichtigste. Diejenigen, die nur raten können, haben es am schwersten.

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