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Zukunft des Euro : „Die Schuldenbremse ist pervers“

13.05.2013 11:17 Uhrvon und
Peter Bofinger Foto: Ullstein BildBild vergrößern
Peter Bofinger - Foto: Ullstein Bild

Der Euro, Devisenmärkte, Pleite-Staaten, Bankenkrise – wer blickt da noch durch? Peter Bofinger kann das alles erklären und zeigt Wege aus dem Schlamassel.

Peter Bofinger, 58, zählt als einer der „Fünf Wirtschaftsweisen“ zu den profiliertesten deutschen Ökonomen und ist Professor an der Universität Würzburg. Sein aktuelles Buch heißt „Zurück zur D-Mark?“.

Herr Bofinger, wie lange geben Sie dem Euro noch?

Den Euro werden wir auch in 20 Jahren noch haben. Doch es wird ein Tanz am Abgrund.

Sie haben selbst vergangenes Jahr gewarnt, ein „Weiter so“ führe „ins Desaster“.

Wenn die Problemländer weiter mitten in der Rezession die Staatsausgaben kürzen, wird das ihren Niedergang und die Arbeitslosigkeit so verschärfen, dass die Regierungen weitere Sparprogramme nicht mehr durchsetzen können – und dann wird es zum Schwur kommen.

Das heißt?

Entweder sie scheiden freiwillig aus dem Euro aus, weil sie lieber eine neue, eigene Währung 20 Prozent abwerten, als noch einmal 20 Prozent Lohnsenkung durchzusetzen. Das würde ihre Wettbewerbsfähigkeit auf einen Schlag drastisch verbessern und zudem die Nachfrage in den Ländern auf inländische Produkte umlenken. Oder man muss sie – wenn es beim bisherigen Kurs bleibt – rauswerfen, indem man sie insolvent gehen lässt, weil die Europäische Zentralbank (EZB) gesagt hat, wir stützen die Krisenländer mit dem Kauf ihrer Staatsanleihen nur gegen weitere Sparauflagen.

Warum wäre das so schlimm?

Ein unkontrolliertes Auseinanderbrechen der Währungsunion würde enorme Verunsicherung stiften. Denken Sie nur an die vielen tausend grenzüberschreitenden Verträge. Der spanische Staat könnte ja beschließen, überall, wo vorher ein Euro stand, sind das jetzt zehn Peseten. Aber die Deutschen wollen für ihre Waren wie vereinbart Euro! Wie soll das gehen? Im Bankensystem wäre es noch schlimmer, weil die spanischen Banken eine Menge Verbindlichkeiten in Euro haben. Was passiert damit? Es gibt dafür keinen Plan.

Ihre Prognose: Vollbremsung für die Wirtschaft?

Sicher, und den größten Schaden hätte Deutschland. Allein unsere Banken haben gegenüber dem Euroraum etwa 900 Milliarden Euro an Forderungen, und die Deutschen insgesamt haben ein noch viel größeres Vermögen im Euro-Ausland. Wenn ein Land wie Spanien austritt, wäre das ein Tabubruch. Sofort würde spekuliert, dass Italien der Nächste sein könnte. Das würde eine nicht kontrollierbare Kettenreaktion auslösen.

Warum kann man nicht einfach sagen: Hey, Leute, das mit dem Euro war ein Experiment. Leider ist es fehlgeschlagen. Gehen wir also geordnet zurück auf Lira, Mark und Drachme …

Könnte man theoretisch, doch damit würde man die europäischen Staaten wieder voll den Finanzmärkten ausliefern. Mit Mark, Lira, Franc oder Pesete wäre die ganze Devisenspekulation, die wir mit der Euro-Gründung ausgeschaltet haben, sofort wieder da.

Die Deutschen haben früher ganz gut damit gelebt.

Aber es gab große Spannungen. Frankreich hat massiv unter den spekulativen Attacken auf den Franc gelitten. Die Franzosen und auch die anderen heutigen Euro-Länder mussten einen höheren Zins zahlen als die Deutschen, weil ihre Währungen immer unter Abwertungsverdacht gegenüber der D-Mark standen. Für dieses Risiko forderten die Kapitalgeber höhere Zinsen, das hat Europas Wirtschaft erheblich gebremst.

Wie lief das ab?

Etwa, als nach der deutschen Einheit die Preise hierzulande stiegen und die Bundesbank die Zinsen drastisch hochsetzte, da mussten die anderen folgen, obwohl sie damit bei sich die Konjunktur abwürgten. So hatten die Spekulanten leichtes Spiel, auf Abwertung zu wetten. Diesen Geist würde man wieder aus der Flasche lassen. Ganz Europa wieder wehrlos den Devisenmärkten auszusetzen, das wäre nun wirklich die falsche Konsequenz.

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