Spornosexuell - Sport trifft Porno : Neuer Trend: Die Vorzeigemänner

Muskulöse Kerle posieren ohne Hemd, machen Fotos davon und verbreiten sie im Internet. Das Phänomen hat jetzt einen Namen: spornosexuell, ein Wortmix aus Sport und Porno. Der metrosexuelle Mann hat so einen Nachfolger gefunden. Ist das fortschrittlich oder lächerlich? Eine Analyse.

Lydia Brakebusch
Auch Fußballnationalspieler Mesut Özil zeigt seinen Oberkörper auf Twitter.
Auch Fußballnationalspieler Mesut Özil zeigt seinen Oberkörper auf Twitter.Foto: Mesut Özil/Twitter

Plötzlich war sie da. Die kleine Doppelspitze unter einem Hauch von Hellblau. Erbsengroße Erotik auf dem Fußballplatz. „Nippelalarm!“, meldete der Tagesspiegel, „Eng, enger, Uruguay!“, schrieb die „Welt“. Tatsächlich haben die Trikots der Uruguayer bei dieser Fußballweltmeisterschaft neue Maßstäbe gesetzt. Wie eine zweite Haut schmiegte sich der dünne Stoff um die Hüften, wölbte sich über Brustmuskeln und Six-Packs. Wie kam es zu so viel Baywatch-Sexyness auf dem Rasen? Spielt es sich besser im engen Dress? Steckt eine Taktik der FIFA dahinter, um mehr Frauen zum Fußballgucken zu animieren?

Für den englischen Journalisten Mark Simpson wäre die Antwort klar: Weder die Aerodynamik noch Sepp Blatter haben zu der Entscheidung beigetragen, dem Weltpublikum Uruguays strammste Nippel zu präsentieren. Spieler, die in knallengen Trikots stecken, sich mit freiem Oberkörper vor dem Spiegel fotografieren oder entgegen dem Blankzieh-Verbot nach dem Torschuss der halbnackten Siegerpose frönen – all das beruht auf der Entwicklung eines neuen Männertypus: des Spornosexuellen. Der Mann, zumindest der gutgebaute, zelebriert jetzt den eigenen Körper öffentlich und setzt ihn ohne Scheu erotisch in Szene.

Simpson ist kein Anfänger im Typen-Definieren. Vor 20 Jahren hat er den Begriff „metrosexuell“ erfunden, Symbolfigur dessen wurde Fußballer David Beckham, der mit ständig wechselnden Looks mehr modische Trends setzte als Gattin Victoria und alle anderen Ex-Spice-Girls zusammen. Gefärbte Haare, lackierte Fingernägel, exzessive Körperpflege und weibliches Konsumverhalten, all das war für Männer plötzlich nicht mehr tabu, sondern en vogue. Eitelkeit wurde zum anerkannten männlichen Attribut.

Später machte Simpson noch den „Retrosexuellen“ aus – jene testosteronschwere Version Mann, die weder die Augenbrauen zupft, noch die Brust wachst. Schauspieler wie Hugh Jackman, gern mit Fünftagebart, dienten ihm als Vorbild. Weg vom Kosmetikbubi, hin zum Holzfällercharme.

Und nun verkündete er im britischen „Telegraph“: „Der Metrosexuelle ist tot. Lang lebe der Spornosexuelle.“ Muss das sein?

Der Begriff „spornosexuell“ basiert auf einer Mixtur aus Sport und Porno. Gestählte Körper in lasziven Posen. Tätowierte Torsos über engen Shorts. Männer präsentieren ohne Hemmungen ihre Sexualität, ihren Stolz auf den eigenen Körper. Was früher der Frau und vielleicht noch dem homosexuellen Mann vorbehalten war, ist jetzt auch Usus unter Hetero-Männern. Die Arbeit im Fitnessstudio soll sich schließlich lohnen, die Welt soll das Ergebnis würdigen.

Es ist logische Konsequenz eines Volkssports: der stetigen Optimierung des Ich über soziale Netzwerke. Das Lob der eigenen Freundin über den Waschbrettbauch reicht nicht aus, alle sollen ihn sehen. Mein Urlaub ist schöner als deiner, mein Mittagessen wird öfter geklickt als deins, und nun eben auch: Mein Körper kriegt die meisten „Likes“ von allen.

Im Spornosexuellen verschmilzt die Eitelkeit des Metrosexuellen mit dem Testosteron des Retrosexuellen. Er kann als besonders ausgeprägte Form des Narzissten gelten, dessen Gedanken zu einem erheblichen Teil um Instandhaltung, Verbesserung und Außenwirkung der eigenen Identität kreisen.

Frauen liefern sich in diesem Bereich schon lange die absurdesten Wettkämpfe, suhlen sich daheim vor der Handykamera in Kissen. Das „Selfie“ benannte Selbstporträt gibt es inzwischen auch als „Belfie“ (Butt-Selfie). Rihanna, Heidi Klum und Kim Kardashian posten auf Twitter Fotos ihrer mal mehr, mal weniger verpackten Hintern. Es gilt, sich gegenseitig im sexy Posieren zu übertreffen. Der Trend findet nicht nur unter Prominenten, sondern auch auf den Facebook-Profilen Normalsterblicher Niederschlag. Die inzwischen als „Duckface“ verschrienen lasziven Schmollmünder knutschen dort aus allen Ecken. Wer auch sein letztes bisschen Privatsphäre aufgibt, räkelt sich im Bikini quer über die Profilseite. Nun greift das Räkeln aufs andere Geschlecht über.

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