Srebrenica 11. Juli 1995 : "Hass ist anerzogen"

Die Frage nach der Schuld: Heute jährt sich das Massaker von Srebrenica zum 21. Mal. Boudewijn Kok war als Blauhelmsoldat dabei, er ließ sich das Datum in die Haut stechen.

Erwin Koch
Muslimische Frauen im Sommer 2014 mit neuen Särgen.
Muslimische Frauen im Sommer 2014 mit neuen Särgen.Foto: pa/dpa

Kein Mikrofon ließ er aus – schlaflos war er nach jedem Gespräch, traurig, nervös, Boudewijn Kok, geboren am 25. Juni 1974, Kriegsveteran: Doch nun ist genug geplappert, zumindest auf dem Boden des Landes, wo viele ihn einen Feigling nennen, warum, Boudewijn, hast du dich weggedreht, als die Serben kamen?

Ignoranten!, stöhnt er und legt die Rechte auf den linken Arm, darauf, tief in weiße Haut gestochen, sein Gebot: Never forget 11.7.1995.

Über Srebrenica zu reden, sagt er, fällt mir im Ausland leichter.

Seit einem halben Jahr, endlich, sagt er, sei er in Therapie.

Boudewijn Kok, vor einer Stunde aus den Niederlanden angereist, sitzt in der Kellerbar des Hotels Helvetia, nur Schritte neben dem Bahnhof Basel SBB, sein Handy auf dem Tisch, ein Paket Marlboro.

Srebrenica, sagt er mit klarer Stimme, ist eine Stadt in Bosnien.

Ich bin ihr Gefangener.

Und werde es immer sein.

Er schweigt und atmet, schaut zum Bild an der Wand, Sonnenblumen.

Erzähl.

Du weißt nicht, was küssen ist, bevor du es tust, du weißt nicht, was sterben ist, bevor du stirbst, und du weißt nicht, was Krieg bedeutet, bevor du darin steckst.

Boudewijn Kok, ausgemusterter Soldat Nummer 740625267 der Koninklijke Landmacht der Niederlande, legt seine Hände flach auf den schweren dunklen Tisch, spreizt die Finger.

Krieg ist –

Wenn du nicht weißt, ob man dich erschießt, nur weil du einer alten Frau Wasser gibst.

Wenn Männer sich aus Angst erhängen.

Wenn du plötzlich ein schreiendes Kind in den Armen hast und es der Frau reichst, von der du glaubst, sie sei die Mutter, und zwei Tage später in einer Mülltonne ein totes Baby entdeckt wird, ich hatte nicht den Mut, es anzuschauen, ich wollte nicht wissen, ob es das Kind war, das ich auf meinen Armen getragen hatte.

Wenn du gewusst hättest, was nun begann – hättest du dich anders verhalten?

Ich weiß es nicht, sagt er.

Vielleicht.

Vielleicht nicht, er schweigt.

Weshalb wurdest du Soldat?

Er lacht auf.

Aus Lust auf Abenteuer, aus Langeweile, ich war noch ein Kind, achtzehn.

Wieder spreizt er die bleichen Finger, drückt sie aufs Holz, grölt die eigenen Worte nach –

Lust auf Abenteuer!

Srebrenica!

Genozid!

Das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg!

Im Juli 1995 überrannten 5000 christliche Serben, ausgerüstet mit Panzern und Kanonen, den Ort Srebrenica, überfüllt mit muslimischen Flüchtlingen, beschützt von einer Truppe der Vereinten Nationen, 300 Blauhelmen aus den Niederlanden, Dutchbat III.

8000 tote Bosnier, zumeist Männer und Knaben zwischen 12 und 77, industriell hingerichtet, maschinell verscharrt.

Aber wären wir, sagt Boudewijn im Keller des Hotels Helvetia, Sonnenblumen an der Wand, Stühle auf den Tischen, wären wir nicht dort gewesen, wären nun Zehntausende tot.

Boudewijn, das ist deine Theorie.

Trotzdem, sagt er und verschränkt die Arme vor der Brust.

Mir bleibt nichts anderes übrig.

Ich lerne endlich, meinen Krieg zu ertragen.

Mich nicht zu schämen, dass ich in Srebrenica war.

Er holt Luft.

Ich, Boudewijn Kok, war einer von denen – ich war ein Dutchbatter.

Und habe getan, was mir möglich war.

Noch Schüler sei er gewesen, etwas faul und naiv, sagt Boudewijn, Sohn eines Fabrikarbeiters in Hardenberg, Provinz Overijssel, Freund von Kriegsfilmen, Mädchen und Bier, als er beschlossen habe, Soldat zu werden. Das hätte er nicht werden müssen, weil zwei seiner drei älteren Brüder es schon waren, und dennoch, bereits das gute Entlassungsgeld vor Augen, 25 000 Gulden, unterschrieb Boudewijn Kok für vier Jahre und wurde am 2. Oktober 1992 Soldat, grüne Uniform, drei Monate in Weert, Provinz Limburg, rennen, schießen, rennen, warten, rennen, warten, warten, rennen, dann drei Monate in Utrecht, Ausbildung zum Automechaniker, zwei Monate in Soesterberg, Panzermechaniker, ein Monat Veldhoven, Lastwagenmechaniker, schließlich Havelte, Korporal in der 43. Gemechaniseerde Brigade, nicht weit von Hardenberg, wo die Eltern wohnten, totale Spießer, mit denen ich kaum noch sprach.

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