Stadtgeschichte : 60er Jahre – Wohnen in West-Berlin

Willy Brandt verkündet als Regierender Bürgermeister den Abriss ganzer Straßenzüge. Heinrich Kuhn dokumentiert sie vor ihrem Verschwinden. Nun sind seine Fotos erstmals zu sehen.

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John F. Kennedy grüßt links von der Wand. Was aussieht wie 20er Jahre, wurde in Wirklichkeit in den 60ern aufgenommen - wahrscheinlich im Wedding, in einem der West-Berliner Altbauquartiere, die nach dem sogenannten Flächensanierungsplan zum Abriss vorgesehen worden waren.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Heinrich Kuhn/aus dem besprochenen Buch
07.04.2014 17:01John F. Kennedy grüßt links von der Wand. Was aussieht wie 20er Jahre, wurde in Wirklichkeit in den 60ern aufgenommen -...

Werner Papke erkennt die Ecke. Und das dürfte nicht mehr vielen gelingen, „sind ja alle weggezogen damals“. In jene Neubaugebiete, die Mitte der 60er Jahre im Märkischen Viertel oder in der Gropiusstadt in den Himmel wuchsen. Denn hier, im Weddinger Brunnenviertel, blieb erst einmal kein Stein auf dem anderen.

Der heute 82-jährige Papke zeigt auf das 40 Jahre alte Schwarz-Weiß-Foto eines Altbaublocks, „das war die Swinemünder Ecke Lortzingstraße“. Sein Vater betrieb dort Zigarrenladen und Wettbüro. Ein paar Häuser weiter ist Papke geboren. Im Hinterhaus, die fünfköpfige Familie teilte sich anderthalb Zimmer. Das Vorderhaus hatte nach dem Krieg nur noch drei Etagen, das Nachbarhaus war ganz zerstört. Ein Bombentreffer, dabei war das Ding nicht explodiert, sondern nur durch sämtliche Decken gestürzt. Ansonsten hatte die Straße den Krieg einigermaßen überstanden.

Nein, die Swinemünder, heute im ehemaligen Westteil bis zur Bernauer Straße ganz im Stil der 60er und 70er Jahre gehalten, fiel nicht dem Bombenhagel zum Opfer. Sie wurde auf Geheiß Willy Brandts zertrümmert, um anschließend neu wiederaufzuerstehen. „Flächensanierung“ hieß das, was Brandt, damals West-Berlins Regierender Bürgermeister, 1963 verkündete.

In der Halbstadt existierten seinerzeit rund 900 000 Wohnungen, 470 000 davon noch aus der Zeit vor 1914. Von denen besaßen 320 000 kein Bad, 190 000 keine Toilette. So auch die Wohnung der Papkes. Die Gemeinschaftstoiletten, die sich mehrere Parteien teilten, befanden sich in einem Verschlag auf dem Treppenabsatz zwischen den Etagen. Die Wohnungen dort hatten nur einen gewichtigen Vorzug: Sie waren billig.

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