Streit um Hundehaufen : Auch der Hund gehört zu Deutschland

Man unterscheidet Sportler und Doper, Muslime und Islamisten – nur Hundehalter werden in Kollektivhaftung genommen. Ein Plädoyer für mehr Toleranz.

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Eine Anwohnerin markiert in Höhr-Grenzhausen (Rheinland-Pfalz) Hundehaufen in einem Blumenbeet an einer Straße mit einem Fähnchen mit der Aufschrift "Haufen sucht Herrchen".
Eine Anwohnerin markiert in Höhr-Grenzhausen (Rheinland-Pfalz) Hundehaufen in einem Blumenbeet an einer Straße mit einem Fähnchen...Foto: dpa

Hin und wieder habe ich über meinen Hund geschrieben, und dabei immer die gleiche Erfahrung gemacht. Ungewöhnlich viele Hassmails trafen ein, obwohl es wirklich harmlose kleine Geschichten gewesen sind. Es gibt offenbar nicht wenige Leute, die allein schon die Nennung des Wortes „Hund“ in Raserei versetzt. Hunde sind ein extrem kontroverses Thema, mehr als die meisten politischen Fragen. Da draußen sind wahnsinnig viele Hundehasser unterwegs, und mit dieser Tatsache musst du als Hundehalter leben. Und im Gegensatz zu den Kinderhassern haben die Hundehasser das beste Gewissen der Welt.

Deshalb schreibe ich jetzt über Hundescheiße. Das ist es doch, oder? Das ist das Schlimmste, das Widerlichste und Verabscheuungswürdigste an einem Hund: der Haufen, in den man hineintritt.

Harald Martenstein.
Harald Martenstein.Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Interessanterweise sehe ich als Hundebesitzer es genauso, ich trete auch nicht gern in die Haufen hinein. Ich habe immer ein paar Tüten dabei, um das Zeug aufzusammeln. Es ist wie immer und überall, in jeder Bevölkerungsgruppe, es laufen stets ein paar Ignoranten und Soziopathen herum, denen ihre Mitmenschen egal sind. Aber während man zwischen Sportlern mit und ohne Doping, gewalttätigen und friedlichen Demonstranten, Muslimen und Islamisten fein unterscheidet, nimmt man die Hundebesitzer gern in eine sehr ungerechte Kollektivhaftung. Da sage ich: Auch der Hund gehört zu Deutschland. Menschen halten Hunde seit vielen tausend Jahren, es ist so menschlich wie das Kochen, das Kinderkriegen und die Kurzsichtigkeit.

Warum tue ich das?

Drei oder vier Mal hatte ich die Tüten vergessen, oder der Hund verrichtete rekordverdächtige fünf Geschäfte, und mein Tütenvorrat war verbraucht. Da habe ich ein Papiertaschentuch oder eine alte Zeitung genommen, die ich in einer Mülltonne gefunden habe. Echt widerlich, vor allem der Geruch. Es macht keinen Spaß, außer vielleicht Leuten mit einer ganz speziellen sexuellen Orientierung, so was gibt es bestimmt, womöglich heißt sie Canokoprophilie. Es ist unangenehm, aber man gewöhnt sich an alles. Warum tue ich das?

Zwischen Babys und Hunden gibt es eine erstaunliche Parallele. Sobald sie ins Haus kommen, wird die Ausscheidung unter den übrigen Familienmitgliedern zu einem der meistbesprochenen Themen. Ist es heute schon passiert? Wann? Wie oft? Normale Konsistenz? Farbe? Es gibt so viele Facetten des Themas, es gibt immer was zu reden. Die anderen, die weder mit Hunden noch mit Babys je etwas zu tun hatten, finden es eklig. Aber, wissen Sie, es gehört zum Leben schon irgendwie dazu, mehr noch, es ist geradezu die Definition des Lebens, Stoffwechsel und Ausscheidung. Und irgendwann, meine Damen und Herren, sind Sie vielleicht alt, sehr alt, und dann werden Sie bei dieser Sache womöglich auf fremde Hilfe angewiesen sein, Sie werden sich schämen, aber es muss halt sein, und vielleicht sind Sie dankbar dafür, dass jemand sich Ihres Problems annimmt. Eine bezahlte Kraft, vermute ich.

Bindung, Nähe und Fürsorge funktionieren auf diese Weise, man ekelt sich nicht. Oder man überwindet den Ekel. Aber warum tut man das bei einem Hund? Auch dem Hund fühlt der Hundebesitzer sich verbunden, er spürt Verantwortung, aber es ist schon etwas anderes, weniger Intensives als bei einem Kind, zumindest bei mir.

Die vielen Vorteile der Hundehaltung

Man tut es, weil es im Leben die guten Sachen meistens nicht gibt, ohne dafür etwas nicht ganz so Gutes in Kauf nehmen zu müssen. Wenn der Hund raus muss, dann zwingt er mich zum Gassigehen, ich mache Spaziergänge, die ich ohne den Hund nicht machen würde, ich höre Vögel und sehe die Sonne, ich lerne mein Viertel immer besser kennen, ich mache Bekanntschaften, ich tue etwas für meine Fitness, der Hund fühlt sich wohl und strahlt positive Energie aus, es gibt viele angenehme Aspekte. Und auf der anderen Seite der Waagschale, jener anderen Seite, die es bei allem im Leben gibt, liegt ein Haufen Scheiße.

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