Stuart Haygarth : Das Gut des Künstlers

Stuart Haygarth sammelt Angespültes am Strand. Aus Feuerzeugen fertigt er fantastische Leuchten. Besuch in einem aufgeräumten Londoner Atelier.

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Stuart Haygarth findet Spielzeugautos, Joghurtlöffel, kaputte Sonnenbrillen, Wasserflaschen - oder wie hier alte Feuerzeuge.Alle Bilder anzeigen
Foto: Stuart Haygarth
08.07.2013 13:40Stuart Haygarth findet Spielzeugautos, Joghurtlöffel, kaputte Sonnenbrillen, Wasserflaschen - oder wie hier alte Feuerzeuge.

Schlimmer geht’s nicht. Ein Strand, wie aus dem Bilderbuch des Grauens: ein gigantisches Atomkraftwerk mitten im Naturschutzgebiet, eine platte Steinwüste, in der ein paar windschiefe Hütten zwischen struppigen Gräsern stehen, dazu Telefon- und Strommasten, im Wasser Wracks. Dungeness heißt dieser surreale Ort in Kent, an der englischen Südküste. Das klingt wie dungeon, das englische Wort für Kerker. Nichts wie weg hier.

„No, no, come back!“ rief das Londoner Stadtmagazin „Time Out“ seinen Lesern kürzlich zu. „It’s amazing!“

Stuart Haygarth musste das niemand sagen. Der Londoner fuhr schon vor Jahren alle paar Wochen hierher, sein Hund zog den Illustrator nach Dungeness Beach, einen der längsten Kiesstrände der Welt. Der Hund und Derek Jarman. Der aidskranke Filmemacher hatte sich an diesem unwirtlichen Ort mit Hilfe von Treibholz, Feuerstein und verrostetem Eisen einen legendären Garten angelegt, seit Jarmans Tod 1994 eine Pilgerstätte für Fans.

Kunst aus Muscheln und Plastik
Stuart Haygarth findet Spielzeugautos, Joghurtlöffel, kaputte Sonnenbrillen, Wasserflaschen - oder wie hier alte Feuerzeuge.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Stuart Haygarth
08.07.2013 13:40Stuart Haygarth findet Spielzeugautos, Joghurtlöffel, kaputte Sonnenbrillen, Wasserflaschen - oder wie hier alte Feuerzeuge.

Für Stuart Haygarth entpuppte sich der ruppige Strand als Paradies, als Fundgrube für Strandgut – „flotsam and jetsam“, wie es im Englischen so lautmalerisch heißt. Denn die starke Strömung nimmt nicht nur Menschen mit (der Reiseführer rät dringend vom Schwimmen ab), sie schwemmt auch Unmengen an Schätzen an. Zwischen den Steinen leuchtete es Haygarth entgegen. Muscheln und Kieselsteine ließ er liegen („natural things don’t really do it for me“), Stuart Haygarth vergriff sich lieber an Plastikmüll. Von Menschen en masse produzierte, verlorene, zerbrochene, weggeworfene Gegenstände. Spielzeugautos, Joghurtlöffel, kaputte Sonnenbrillen, Wasserflaschen, das waren die Dinge, die ihn berührten. Nicht nur die Ästhetik der Objekte hat ihn gereizt – von Sand und Salz geschliffen, vom Wasser gespült, sah das Plastik für ihn aus wie buntes, durchscheinendes Glas –, es waren die Geschichten dahinter: Auf wessen Nase hatte die Brille gesessen? Welches Kind hat mit den Förmchen gespielt? Aus dem Müll baute er kostbare Kronleuchter voller Poesie, auch Melancholie.

Am Vorabend erst ist der Designer aus Venedig zurückgekehrt, der Koffer steht noch im offenen Wohnraum herum. „I love Kreuzberg“ klebt groß darauf. In Berlin hat der Brite, der mit der deutschen Künstlerin Melanie Manchot liiert ist, zwei Jahre lang gelebt. Natürlich ist er auch ans Meer gefahren. Aber deutsche Strände taugen nichts: zu sauber. „Da habe ich überhaupt nichts gefunden!“ Umso mehr haben ihn die Flohmärkte von Berlin begeistert.

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