So viel Fairness in einem Propagandawerk ist ungewöhnlich

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Teppich von Bayeux : Stoff für die Geschichtsbücher
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Die Normannen kommen, ihre Pferde haben sie an Bord.
Die Normannen kommen, ihre Pferde haben sie an Bord.Abbildung: Avec autorisation spéciale de la Ville de Bayeux, wikimedia

So ganz ist bis heute nicht geklärt, wer den Teppich in Auftrag gab. Wie eingangs angedeutet, spricht vieles für Wilhelms Bruder Odo. Nicht nur, dass er die Rolle eines wichtigen Protagonisten einnimmt, so sitzt nicht Wilhelm, sondern er vor der Schlacht in der Mitte der Festtafel. Es sind auch zwei seiner Gefolgsleute, die zu den wenigen namentlich genannten Personen auf dem Teppich gehören.

Außerdem war Odo Bischof von Bayeux, was wiederum erklären würde, wie der Teppich schließlich dorthin gelangte. Und damit stünde auch das Herstellungsdatum fest: Irgendwann zwischen 1066 und 1082, dem Jahr, als Odo bei seinem Bruder in Ungnade fiel und im Kerker landete. Als wahrscheinlich gelten die 1070er Jahre, als es noch jede Menge Augenzeugen der Schlacht gab.

Auffällig ist, dass der Teppich zwar eindeutig ein Produkt der Sieger war, er deren Rolle aber keineswegs besonders würdigt. Keine göttliche Macht wird bemüht, die dem Sieg ihren Segen gibt, der wird allein mit harter Arbeit erstritten. Die Verlierer kämpfen ehrenvoll, beide Seiten leiden, es sind Normannen, die plündern und brandschatzen. So viel Fairness in einem Propagandawerk ist nicht nur für das Mittelalter ungewöhnlich.

Warum das so ist, dazu gibt es verschiedene Theorien, etwa die, dass zwar die Auftraggeber die normannischen Sieger waren, die Ausführenden aber Angelsachsen, die ihre Lesart gewissermaßen auf subtile Weise in den Teppich schmuggelten.

Vom Kontinent kommt nichts Gutes

Wahrscheinlicher ist, dass es zur normannischen Staatsräson so kurz nach dem Sieg gehörte, den Angelsachsen zwar klarzumachen, die Unterlegenen zu sein, es aber nicht opportun erschien, sie unnötig zu provozieren. Dem Teppich kam dabei möglicherweise eine besondere Rolle zu.

Schließlich musste ja einer des Lesens unkundigen Bevölkerung irgendwie vermittelt werden, was sich in Hastings zugetragen hatte. Die Schlacht selbst, beide Seiten dürften nicht mehr als jeweils 7500 Mann aufgeboten haben, war ein überschaubares Ereignis. Die Folgen würden jedoch spürbar werden. Immerhin kam ein Großteil des angelsächsischen Adels ums Leben.

Es ging also darum, in einer Zeit ohne Fernsehen und Radio, ohne Bildberichterstatter und Internet, dem Volk zu erklären, wer gewonnen hatte und warum es gerecht war, dass nun neue Herren regierten. Besondere Bedeutung dürfte dabei jener Szene zukommen, in der Harald einen Eid auf Wilhelm leistete. Sie stempelte Harald zum Eidbrecher.

Wenn das die Aufgabe des Teppichs gewesen sein sollte, konnte er sie nicht sonderlich gut erfüllen. Waren die Angelsachsen bis dahin an die Existenz kleiner selbstständiger Grundbesitzer und freier Bauern gewöhnt, lernten sie jetzt mit den Normannen das französische Feudalsystem kennen. Französisch wurde die Sprache der Herren, angelsächsisch blieb die des Volkes, eine Entwicklung, die sich noch heute im modernen Englisch linguistisch nachvollziehen lässt.

Und irgendwie scheint auch die Sorge in die englischen Gene gelangt zu sein, vom Kontinent komme nichts Gutes. Die Angelsachsen seinerzeit sahen sich für die nächsten 150 Jahre als die Unterdrückten, eine Stimmung, die sich in englischen Volkssagen spiegelt. Etwa in den Balladen um Robin Hood, einem angelsächsischen Streiter gegen normannisches Unrecht.

Gegen Robin Hood kam nicht mal der älteste Comicstrip der Welt an.

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