Tourist in der eigenen Stadt : Eine Nacht im Hotel Palace

Für unsere Kolumne "In Fremden Federn" verbringen unsere Autoren eine Nacht in einem Berliner Hotel. Was sie dabei erleben, lesen Sie hier.

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238 Zimmer, 40 Suiten, 150 Sorten Gin.
238 Zimmer, 40 Suiten, 150 Sorten Gin.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Jeanne Moreau war da, Jane Birkin, Dustin Hoffman und Oliver Stone. Manchmal verstellten die Säulen im Saal den Blick auf die Stars, der Deckenspiegel entschädigte ein wenig dafür. Ein Vierteljahrhundert ist’s her, dass die Berlinale ihre Pressekonferenzen im Hotel Palace an der Budapester Straße abhielt. Nach dem Wettbewerbsfilm im Zoo-Palast stürmten wir an den livrierten Portiers vorbei durchs Treppenhaus in den zweiten Stock, um einen Platz ohne Säule zu ergattern, der Fahrstuhl war meistens verstopft. Oder war’s in einer anderen Etage?
Bereitwillig öffnet ein freundlicher Hotelmanager mir alle Türen zu den holzvertäfelten Salons und Luxus-Tagungsräumen im Konferenztrakt des Palace. Da ist es ja, das feine Parkett, das damals so schön knarzte. Hier irgendwo drängelten wir uns mit der Pressemeute. Der Deckenspiegel ist verschwunden, die Säulenreihe elegant in die raumteilende Wand integriert, gleich neben dem hellen Frühstückssaal mit Blick auf die Budapester Straße und die Gedächtniskirche.
Das Hotel (238 Zimmer, 40 Suiten) ist West-Berlin pur, eine Zeitreise. Rücklings lehnt es sich ans Europacenter an, das mit seinen Billigshops von einer besseren Vergangenheit träumt, nach vorne sonnt es sich im Glanz der neuen City West, gegenüber das schicke Bikini-Haus. Vorwärts und nicht vergessen: Dem Motto entspricht das Interieur, der gehobene, leicht überkandidelte Mix aus Vintage und Moderne, Plüsch und skandinavischem Design. Die Lage macht das Palace zu einer prima Adresse für Tagungsreisende mit Shopping-Begleitung; bis zur Bikini-Mall oder schrägt durchs Europacenter ins KaDeWe sind’s nur ein paar Schritte.

150 Sorten Gin gibt es zur Auswahl

Abends sitze ich in der Bar, lasse mir die einst vom damaligen Barchef Marcus Wolff handgeschriebene Karte des House of Gin aushändigen – lederbesesseltes Jazzclub-Ambiente. Die Karte entpuppt sich als dickes Geschichtenbuch über die 150 Gin-Sorten aus aller Welt, ich entscheide mich für einen Tanqueray. Zwei Aeroflot-Piloten checken ein, russische Damen mit Boutique-Tüten nicken dem ohrknopfbewerten Security-Personal an der Drehtür zu. Auch im Spa-Bereich und in der Sauna geht es polyglott osteuropäisch zu, passend zu meiner Berlinale-Nostalgie: Das Festival war ja mal die Ost-West-Drehscheibe der Filmwelt. Der Trompe-l’œil-Paradiesgarten hinter dem Pool verströmt einen Hauch Arkadien. Vergiss Berlin, mitten in der Stadt.

Das Berlin Hotel Palace liegt in der Budapesterstrasse in Sichtweite der Gedächtniskirche.
Das Berlin Hotel Palace liegt in der Budapesterstrasse in Sichtweite der Gedächtniskirche.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Marmorbad, begehbarer Kleiderschrank, ein Wohnbereich in edlen Brauntönen und mit Fauteuils vor dem Fernseher, High-Tech-Lichtdramaturgie: Die Juniorsuite hält reichlich Komfort bereit. Schade, dass man nicht im Bett noch einen Spätfilm gucken kann, denke ich. Von wegen. Mittels Fernbedienung bringt der TV-Lift im Fußteil des Boxspringbetts einen zweiten Bildschirm zum Vorschein, einen XXL-Monitor, direkt vor den Zehen. Irgendwo läuft gerade ein alter Bond-Krimi. Spätvorstellung im Palace: Ob 007 hier von Martini auf Gin pur umgestiegen wäre?

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