Touristen in den Dünen : Nomaden für zwei Wochen

Eine Wanderung durch die algerische Sahara verlangt einem viel ab. Doch nur so erlebt man die Kultur der Tuareg ganz nahe.

Ranveig Eckhoff
Mondgleich. Die Tour unserer Autorin führte durch die schönsten Gebiete des Tassili- Nationalparks und die Sanddünen des Tadrarts.
Mondgleich. Die Tour unserer Autorin führte durch die schönsten Gebiete des Tassili- Nationalparks und die Sanddünen des Tadrarts.Foto: Ranveig Eckhoff

Die rote Abendsonne sinkt schon unter den Horizont, als sich Abdallah in den Amarok setzt. Er will mit dem Pickup Feuerholz holen. Um uns herum sind nichts als Dünen, doch das Risiko, den Frühstückstee ohne abgekochtes Wasser aufzusetzen, muss vermieden werden. Auf Abdallah ist in diesen Dingen Verlass. Er ist nicht nur Reiseveranstalter und Guide, sondern auch Tuareg.

Auf Teppichen sitzen wir im Sand und warten. Mit Daunenjacken und -pantoffeln, die uns vor der Kälte schützen. Es ist finster. Außerhalb der Lichtkegel unserer Stirnleuchten verleiht der Sternenhimmel der Landschaft nur schwache Konturen.

Es dauert. Fast schon haben wir die Hoffnung am nächsten Morgen auf einen wärmenden Tee aufgegeben, als wir das vertraute Brummen eines Motors wahrnehmen. Abdallah ist zurück – mit einer großen Ladung trockener Stöcke. Wie hat er bloß zurückgefunden? Der Tuareg, heißt es, kennt jedes Sandkorn in der Wüste. Aber im Dunkeln?

Und aus Sand besteht die Sahara schließlich nur zu etwa zehn Prozent. Es gibt auch grüne Oasen, mächtige Felswände und tiefe Canyons. Der Rest ist Geröll und Steine. Quadratkilometerweit.

Nicht bei uns. Wir haben uns für eine 14 Tage lange Wüstenwanderung durch die schönsten Gebiete des Tassili-Nationalparks und die Sanddünen des Tadrarts entschieden, eine beeindruckend weich geschwungene und immer wieder bizarre, weil mondgleiche Landschaft.

Ein Volk, das Gott verlassen hat

Unser Weg beginnt in der kleinen Wüstenstadt Djanet, 2000 Kilometer südlich von Algier auf 1000 Metern Höhe. Unsere zwölfköpfige Reisegruppe besteht – für die fünf Tuareg, die als Führer, Koch und Fahrer arbeiten – aus maßlos reichen Leuten, die teuer für etwas bezahlen, was die Tuareg eher zu vermeiden suchen: die Stille und die Ödnis einer scheinbar leblosen Welt.

Die Völkergruppen mit der Sammelbezeichnung Tuareg (abgeleitet von Arabisch „Tawariq“, „von Gott verlassenes Volk“) lebten lange Zeit wie Nomaden. Durch die Grenzziehung bei der Aufteilung Afrikas durch die Kolonialmächte wurde ihr Volk über die fünf Länder Libyen, Algerien, Niger, Mali und Burkina Faso zerstreut.

Heute gibt es zwei bis zweieinhalb Millionen Tuareg, in Algerien, wo sie Imuhar genannt werden, leben bis zu 150 000. Als es 1962 zur Unabhängigkeit von Frankreich kam, entschied der Amenokal, der Anführer der lokalen Imuharstämmen, sich dem Staat anzuschließen.

Im Sand steckengeblieben. Der Pick-up transportiert die Küche und das Gepäck.
Im Sand steckengeblieben. Der Pick-up transportiert die Küche und das Gepäck.Foto: Ranveig Eckhoff

Wenn ich am Oberkörper nichts als lange Armstulpen trüge, wäre es okay

Unsere Tage sind von beruhigender Gleichförmigkeit. Stundenlang wandern wir von Nachtlager zu Nachtlager. Der Geländewagen transportiert die Küche und unser Gepäck. Das Essen ist einfach: Salat, Gemüse, Suppe, Couscous, Wasser, Tee und Kaffee rund um die Uhr. Null Alkohol. Das Esszimmer ist eine große, in den Sand gesteckte Plane. Die Toilette liegt irgendwo hinter der nächsten Düne. Duschen heißt: feuchte Papiertücher.

Jeden Tag stehen wir um halb sechs auf, brechen unsere Zelte ab und versuchen dabei, die eiskalten Zeltstangen zu ignorieren. Nur langsam beginnt die Sonne uns zu wärmen. Ein Kleidungsstück nach dem anderen landet im Rucksack. Doch nicht zu viel. Bestimmte Hautpartien müssen verdeckt bleiben.

Kel tagelmust – das verschleierte Volk – hat seine klaren Regeln. Wenn ich am Oberkörper lange Armstulpen trüge und sonst nichts, wäre es vielleicht okay, denn die Tuareg sehen Frauenbrüste nicht als Sexualattribute an. Für sie sind es nützliche Körperteile, die den Babys gehören. Arme und Beine dagegen sind ganz was anderes. Sie gelten als sexuell aufreizend. Wir respektieren die Regeln. Nur den Schleier lasse ich liegen, auch wenn er gegen Sand, Wind und Sonne schützt.

Salvadora Persica schützt vor bösen Geistern - und vor Karies

Die Existenz der Imuhar ist in der Zentralsahara seit 3000 Jahren historisch nachweisbar. Bekannt wurden sie als „das blaue Volk“, wegen der Indigofarbe, mit der sie ihre Kleidungsstücke behandeln und die sich auch auf der Haut absetzt. Heute hat sich das Leben für die nordafrikanischen Ureinwohner dramatisch verändert. Die Kamele sind meist durch SUVs ersetzt worden, zumindest im Tourismusbetrieb. Und der ist überlebenswichtig. 1973/74 und 1983/84 gab es verheerende Dürrezeiten, die mit dazu beitrugen, dass sich das Wüstenvolk zwangsweise nahe der Städte niederließ, wo es seine Tiere besser versorgen konnte.

Ihre eigene Kultur haben die Tuareg nie verloren, auch nicht ihren traditionsgebundenen Glauben. Der Schutz gegen böse Geister hat eine herausragende Bedeutung. Man kann versuchen, sie auszuräuchern. Man kann Neugeborene schützen, wenn man Äste des „Zahnbürstenbaums“ (Salvadora Persica) im Zelt der Mutter aufhängt.

Während einer Tagestour findet unser Wanderguide, Ahmed el-Kader, ein Exemplar dieses Baums und nimmt einen Ast mit. Der Baum ist klein, immergrün, mit über die ganze Pflanze verteilten langen Knospen. Danach hat Ahmed dauernd ein Zweiglein Salvadora Persica im Mund. Die Pflanze schützt nicht nur vor bösen Geistern, von der Weltgesundheitsbehörde WHO wird sie als zahnhygienisches Mittel empfohlen.

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