Transferwahnsinn : Lasst das Fußballsystem zusammenbrechen!

Neymar zahlt 222 Millionen Euro Ablöse. Dafür muss er als Botschafter für die WM in Katar werben, von der man weiß, dass sie gekauft worden ist. Wie erklärt man das seinem Fußballherz?

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Superstar. Neymar beim Probetraining in Saint Germain En Laye (Frankreich).
Superstar. Neymar beim Probetraining in Saint Germain En Laye (Frankreich).Foto: Francois Mori/AP/dpa

Man könnte sich dieses Jahr schon an die Trennung gewöhnen, sich darin üben, wie es ohne die große Liebe wäre. Sie eine Weile nicht mehr anschauen, auch wenn es schwerfällt, weil sie so schön und reich an Geschichten ist – und das seit den Kindertagen. Nächstes Jahr in Russland sollte man schon in Trennung leben, ab und zu, Halbfinale oder Finale, kann man sich noch mal vorsichtig anschauen, aber spätestens in Katar sollte man, mit Therapeuten oder neuer Liebe, irgendwie damit durch sein.

Scheiß-Fußball, geliebter Fußball ... An die 222 Millionen Euro für einen Spieler, die Paris St. Germain nun für Neymars Wechsel vom FC Barcelona in die französische Hauptstadt bezahlt hat, will ich mich nicht gewöhnen! Vor einem Jahr wechselte Paul Pogba für fast die Hälfte von Juventus Turin zu Manchester United. Vor einem Jahr sprach man von unfassbaren 105 Millionen Euro für einen Spieler, den teuersten bis dahin, nun sind es 222 Millionen für Neymar.

Angeblich hat er die Ablösesumme selbst bezahlen müssen, weil sich der FC Barcelona weigerte, mit Paris zu verhandeln. Wie hat Neymar das gemacht? Per Online-Banking? In Geldkoffern die 222 Millionen selbst vorbeigebracht? Wie viele Koffer brauchte er? Man hat errechnet, dass 222 Millionen eine Ein-Euro-Kette von 5161 Kilometern ergäbe, das wäre eine Geldkette von Paris bis nach Katar.

Von der WM in Katar weiß man schon jetzt, dass sie gekauft worden ist

Natürlich war es nicht Neymars eigenes Geld. Er ist vorher noch die Eurokette entlang nach Katar geflogen und hat das Geld dort bekommen, das Emirat ist Eigentümer von Paris St. Germain. Neymar muss dafür als Botschafter für die WM 2022 in Katar werben, von der man diesmal schon vorher weiß, dass sie gekauft worden ist. Und Menschenrechtsorganisationen schlagen seit Jahren Alarm, es gebe beim Bau der Stadien keinen ausreichenden Schutz, Arbeitsmigranten müssten Zwangsarbeit leisten. Von den Erkenntnissen westlicher Geheimdienste, die vor einer Verstrickung Katars in den islamistischen Terrorismus warnen, ganz abgesehen.

Wie kann man das alles noch seinem eigenen Fußballherz erklären? Die einen, die die Stadien für das große Fest bauen, fallen vor Übermüdung von den Baugerüsten, und die Botschafter holen sich ihre absurden Summen ab.

Kürzlich sah ich Flüchtlinge auf Booten mit Fußballtrikots vom FC Barcelona mit der Aufschrift „Qatar Airways“, auf der Rückseite stand „Unicef“.

Jemand hat errechnet, dass man für 222 Millionen, neben 39 Maradonas, auch alle hungernden Kinder mehr als fünf Tage versorgen könnte. Eine Versorgungseinheit für Afrika wird mit 0,4 Cent berechnet. Man könne das eine nicht gegen das andere aufrechnen, heißt es immer. Natürlich kann man das!

Warum muss ich dabei immer an den BER denken?

„Das Geld ist da, und gefragt ist wirtschaftlicher Sachverstand“, schreibt die Wirtschaftspresse über Neymars Ablösesumme. Man könne nicht mehr zurück, sonst würde das „System“ zusammenbrechen. Aha, wenn Katar aus dem Fußball ausstiege, würde irgendwann sogar Real Madrid oder Bayern München in der 3. Liga spielen. Ist das das System?

Dann bitte zusammenbrechen lassen! Und zwar bis – so sagt man im Fußball – die Moral in der Truppe wieder stimmt.

Warum muss ich dabei immer an den BER denken? Der kostet angeblich jetzt 1,3 Millionen Euro am Tag, so viel verdient nicht mal Neymar, bei ihm sind’s nur 82 000 Euro pro Tag. Beim BER begann der Niedergang mit dem mangelnden Brandschutz. Irgendwie hat man den im Profifußball auch vergessen.

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