Trend: Möbel mit gespreizten Beinen : Schräge Typen

Erst waren es Stühle aus den 50er Jahren, dann auch Tische und Lampen von heute: Plötzlich sind Möbel mit dünnen gespreizten Beinen wieder gefragt.

Felix Denk
Morph Duo Lounge von Zeitraum Möbel, wurde gerade auf der Kölner Möbelmesse 2015 vorgestellt.
Morph Duo Lounge von Zeitraum Möbel, wurde gerade auf der Kölner Möbelmesse 2015 vorgestellt.Foto: Team Schalterhalle/Zeitraum

Jean Prouvé hat in seinem langen Leben eine ganze Menge auf die Beine gestellt. Er war Widerstandskämpfer, Fabrikbesitzer und Bürgermeister seiner Heimatstadt

  Nancy, avancierte vom Kunstschmied zum gefeierten Architekten, baute Fertighäuser für Flüchtlinge und Obdachlose und richtete Universitäten ein. Was dieser geniale Designer ikonischer Möbel hingegen gar nicht konnte, war etwas, was den meisten Leuten einigermaßen leicht fällt: still sitzen.

Immer wenn er auf einem Stuhl Platz nahm, begann Prouvé wie ein Grundschulkind auf den Hinterbeinen zu wippen. Er hatte darin eine erstaunliche Meisterschaft entwickelt. Fast bewegungslos konnte er auf den Hinterbeinen balancieren, während er über seine Entwürfe nachdachte, die heute begehrte Sammlerstücke sind. Prouvé, gewissermaßen ein praktizierender Skeptiker des Senkrechten, war ein maßgeblicher Stilist der Schräge. Und damit ist er heute der Mann der Stunde.

Denn egal, wo man gerade hinschaut, überall entdeckt man eine starke Neigung zur Neigung. Blättert man in Magazinen wie „Couch“, „H.O.M.E.“ und „Schöner Wohnen“, sieht man Sideboards, Beistelltische, Stühle und Sessel – alle mit schrägen Beinen. Klickt man sich durch die Bildergalerien von „Freunde von Freunden“, dem Blog, in dem die kreative Elite ihre oft erstaunlich ähnlichen Wohnungseinrichtungen vorführt, entdeckt man reihenweise Vintage-Möbel wie den unvermeidlichen Eames Chair. Markantes Kennzeichen: die organisch geformte Sitzschale und die gespreizten Beine, die von einem Metallgestell zusammengehalten werden.

Bei Auktionen erzielen Lounge Chairs und Couchen, auf denen schon Don Draper in der Serie Mad Men mit Cognac und Zigarette gesessen (respektive gelegen) haben könnte, Höchstpreise. Der Oeuf-Chair mit Hocker, beide mit knubbelig-kurzen schrägen Füßen, von Jean Royère ging 2013 in London für sagenhafte 200 500 Pfund weg. Teurer war nur ein Tisch mit spitz zulaufenden Beinen von Jean Prouvé (206 500 Pfund).

Natürlich gibt es neben unzähligen Neuauflagen von Klassikern auch zeitgenössische Entwürfe zum Thema. Beim britischen Stardesigner Tom Dixon etwa scheint die schlanke Tischplatte durch die eleganten, angeschrägten Beine fast zu fliegen. Längst hat der Durchmarsch der schrägen Beine das günstigere Marktsegment erreicht: Auch die großen Möbelhäuser am Stadtrand und Autobahnkreuz setzen fest auf den Look in ihren inszenierten Wohnwelten.

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